Zeitung Heute : „Erfahrung im Osten bringt mehr für die Karriere“

Ein Studienaufenthalt im Ausland ist bei der Bewerbung ein Pluspunkt. Stipendien helfen bei der Finanzierung

Eva Maria Buscher

Früher zog es deutsche Studenten vor allem in die USA, heute ist Großbritannien Gastland Nummer eins. Da lässt es sich angenehm leben und auf hohem Niveau studieren. Wer aber Wert auf eine besondere Zusatzqualifikation für die Karriere legt, geht anderswo hin. „Ein sehr gutes Englisch muss sowieso jeder Bewerber haben, ob mit oder ohne Semester im englischsprachigen Raum“, sagt Patrik Fischer, Sprecher der Deutschen Bank. Die Präferenzen seines Unternehmens sind eindeutig: „Ein Auslandsaufenthalt in Russland, China oder den GUS-Staaten ist in jedem Fall ein großer Vorteil, vor allem der Sprache wegen.“

Die Gelegenheit, den Osten zu erkunden, war für deutsche Studenten noch nie so günstig: Die Auswahl an Stipendien und Praktika für Asien, aber auch die osteuropäischen Länder, Russland und die GUS-Staaten immer breiter und besser. Das Angebot reicht von einem Semester an der Schule für polnisches Recht in Krakau über Praktika in chinesischen Unternehmen oder Verwaltungseinrichtungen bis hin zu Forschungsprojekten in Indien. Die Initiative Go East präsentiert die Möglichkeiten im Internet (www.goeast.daad.de). Sie wurde unter anderem vom Bundesbildungsministerium, der Alexander von Humboldt-Stiftung und dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) initiiert.

Allerdings sind viele Firmen schon froh, wenn ein Absolvent überhaupt Auslandserfahrung mitbringt. Denn diese sammelt vor dem Berufseinstieg nur knapp ein Drittel der Studenten. Ein Auslandsaufenthalt im Lebenslauf ist zudem nicht immer Kür, er kann auch zur Pflicht werden. Sylvia Reck, Leiterin des Abteilung für Personalmarketing bei DaimlerChrysler sagt: „Für verschiedene Nachwuchsprogramme im Konzern ist ein Auslandsaufenthalt von hoher Bedeutung, egal ob im Rahmen von Praktika oder Auslandssemestern. Für unsere Internationale Nachwuchsgruppe sind 12 Monate im Ausland sogar zwingend.“

Oft sind die befürchteten Kosten Grund für einen Verzicht auf einen Auslandsaufenthalt. Dabei sind die Aussichten, an ein Stipendium zu kommen, gut. Das gilt nicht nur bei den Bildungsprogrammen der EU wie Erasmus (für Studienaufenthalte) oder Leonardo Da Vinci (für Praktika). Auch für die – in der Regel besser dotierten – Stipendien des DAAD stehen die Chancen nicht schlecht, allerdings werden überdurchschnittliche Studienergebnisse erwartet. Claudius Habbich, der das DAAD-Referat für die Information der deutschen Studenten leitet, zählt im Schnitt vier Bewerber auf eine Ausschreibung. Für Programme in ausgefalleneren Ländern ist die Quote oft noch besser (www.daad.de).

Wer noch keine Grundkenntnisse in der Landessprache hat, muss auf eine Bewerbung nicht unbedingt verzichten. Für das DAAD-Stipendium Sprache und Praxis in China zum Beispiel werden in Deutschland und in der Gaststadt Sprachkurse angeboten, bevor es zum Praktikum geht. Ähnlich arbeiten auch die Carl-Duisberg-Zentren, die ihr Programm 2006 um bezahlte Auslandspraktika erweitern wollen (www.cdc.de). Wer sich um die Teilnahme an einem Forschungsprojekt bemüht, braucht in der Regel nicht einmal einen Sprachkurs. Dann kommt es für die Arbeit nur auf gutes Englisch an.

Sich die Leistungen an der Gastuniversität in Deutschland anrechnen zu lassen, ist nicht immer einfach. Die wenigsten Probleme bereitet sie bei internationalisieren Abschlüssen wie einem Bachelor oder Master. Innerhalb der EU gilt zudem das ECTS–Punktesystem, mit dem bestandene Leistungen einheitlich bewertet und so übertragbar werden sollen.

Trotz der Punkte empfehlen die akademischen Auslandsämter selbst dann, ein so genanntes Learning-Agreement zu schließen. Auf diesem Weg wird mit der Fakultät der Heimatuniversität im vornherein festgelegt, welche Leistungen der Student anstrebt und welche deutsche Prüfung sich so ersetzen lässt.

Aber selbst zwei Semester in China, von denen nicht mehr mitgebracht wird als die Parkettsicherheit in Sprache und Kultur, sind nicht verschenkt, findet Fischer von der Deutschen Bank. „So jemand kann unter Umständen bessere Einstellungschancen haben als einer, der sich mit Doktor-Titel oder dem PhD bewirbt.“

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