Zeitung Heute : Erfahrungen eines Segelneulings: Ganz schön schräg

Julius Riese

"Hol dicht die Genua! Hole, hole, hole", ruft unser Skipper. Ich ziehe wie wild an der Schot. Noch geht es, doch als sich das Segel mit Wind füllt, wird es schwerer. Allein mit der Hand? Keine Chance mehr. Ich lege noch einen Törn um die Winsch, die Schot in die Umlenkrolle und stecke eine Kurbel obenauf. Ein Glück. Die "Albatros" legt sich wieder auf die Seite, und die Genua bläht sich weiter auf. "Reicht!" ruft Schiffsführer Dieter. Geschafft. Jetzt nur noch die Schot aufschießen - und meine erste Wende an Bord einer Yacht ist erledigt. Das also versteht man unter Hochseesegeln. Willkommen an Bord der Segelyacht "Albatros" des Deutschen Hochseesportverbandes "Hansa" beim Törn von Glücksburg in SchleswigHolstein mit Reiseziel dänische Südsee.

Gestern Nachmittag sind Dieter, sein Assistent Rema, sieben Mitseglerinnen sowie -segler und ich an Bord des Schiffes gegangen. Die "Albatros" ist nun für eine Woche unser Zuhause. 14,5 Meter lang, 4,5 Meter breit, mit einer Segelfläche von 130 Quadratmetern, eine dänische Serienyacht vom Typ X-482. Mein erster Eindruck unter Deck: Es ist eng.

Vor allem die Kajüte, die ich mir mit Kai teile. Eigentlich ist sie sogar für drei Mann ausgelegt. Dabei kann man noch nicht mal stehen. Nach einer ausführlichen Sicherheitseinweisung (Gebrauch von Rettungswesten, Signalpistolen - hoffentlich brauchen wir die nie!) gibt es Abendessen. Von Nachtruhe kann aber keine Rede sein. Es gluckert, knarrt und quietscht. Und schaukelt. Wenigstens wird man so in den Schlaf gewiegt. Am nächsten Morgen machen wir endlich die Leinen los und stechen in See. Mit dem Motor geht es raus auf die Flensburger Förde, wo wir zunächst einige Mann- bzw. Boje-über-Bord-Manöver üben.Schließlich sagt Dieter: "So, jetzt können wir die Segel setzen." Obwohl ich zunächst nicht verstehe, was da eigentlich vor meinen Augen abläuft. Kurs: Kleiner Belt. Nach einiger Zeit kommt Dieter plötzlich mit einer Flasche Jamaica-Rum aus dem Niedergang, lehnt sich an die Reling und schüttet einige Tropfen ins Meer. "Für Rasmus, damit wir auch gutes Wetter haben." Anschließend kreist die Flasche bei der Crew. Wir machen ordentlich Fahrt, genießen die Landschaft, doch plötzlich - rums! "Grundberührung, eine Untiefe!" ruft Dieter, wirft blitzschnell den Motor an und legt den Rückwärtsgang ein. Zum Glück kommen wir schnell wieder los. An Sönderborg geht es vorbei durch den Als Fjord und schließlich in den Kleinen Belt. Dort kommt schon etwas mehr Seegang auf, der Wind bläst stärker. Die "Albatros" neigt sich unter dem stärkeren Winddruck nach Lee. Ganz schön schräg.

Das nächste Ziel lautet Ebeltoft. Wir unterqueren die beiden Brücken über den Kleinen Belt, segeln dann an den Inseln Endelave, Samsö und Tunö vorbei weiter nach Norden. Heute bin ich mit Küchendienst beziehungsweise Backschaft dran - so heißt das auf See. Das heißt: mittags Brote schmieren und abends etwas Warmes kochen.

Butter auf dem Weg nach Backbord

Kaum hat man Messer und Brot in den Händen, macht sich die Butter auf den Weg nach Backbord. Zum Glück sind in der Pantry, der Küche, überall hohe Kanten montiert. Der Teekessel ist kardanisch aufgehängt. Später bin ich froh, wieder an die frische Luft zu kommen.

In Ballen auf der Insel Samsö geht uns dann die Puste aus. Tags darauf geht es weiter nach Süden. Kurz vor der Brücke über den Großen Belt melden wir uns per Funk beim Brückenwart an. Das Okay für die Durchfahrt kommt prompt. Recht amüsant, dem Funkverkehr auf See zu lauschen. Auf dem Notrufkanal 16 tauschen sich etwa die Besatzungen von Sportbooten über die besten Fischrestaurants in ihren Lieblingshäfen aus. Die eindrucksvolle Große-Belt-Brücke ist kaum unterquert, da fragt mich Heidi, ob ich nicht mal das Steuer übernehmen wolle. Es lässt sich leicht in der Hand halten, aber es dauert etwas, bis das Boot auf die Steuerbewegungen reagiert.

Dieter gibt mir den Tipp, nach Landmarken zu steuern, also halte ich nach einer Baumgruppe oder Hügeln Ausschau und versuche, auf diese Kurs zu halten. Dann gibt es den obligatorischen Willkommensaperitif. Auf der nächsten Etappe passiert uns achtern eine Windjammer unter Vollzeug, und im flachen Wasser vor einer Insel ankert eine nachgebaute Kogge - Seefahrtsidylle in der Dänischen Südsee! In Glücksburg machen wir das Boot landfein: Deck schrubben. Nach dem Abendbrot überreicht uns Dieter eine Seemeilenbestätigung: 276 Seemeilen haben wir laut Zertifikat zurückgelegt. Macht über 500 Kilometer. Unter Motor, aber bei strahlender Sonne geht es über die Flensburger Förde zurück nach Glücksburg. Rasmus muss Rum mögen.

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