Zeitung Heute : Erfindungen am laufenden Band

Vom ersten Motorflughafen in Deutschland zum Hightechstandort: In Adlershof wird seit 100 Jahren geforscht.

Rita Nokolow

Mit tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten beginnt die Geschichte des Technologiestandorts Adlershof. Am 26. September 1909 gingen auf dem neu geschaffenen Flugfeld Johannisthal-Adlershof die ersten Motorflugzeuge in die Luft, und das Publikum staunte über die mutigen Piloten.

Dass im Südosten Berlins der erste Motorflughafen Deutschlands entstand, ist der Flugbegeisterung von Kronprinz Heinrich und Prinz Heinrich von Preußen zu verdanken.

Heute ist Adlershof einer der wichtigsten Standorte für Hochtechnologie – auf einer Fläche von 4,2 Quadratkilometern: Wissenschaft, Wirtschaft und Medien arbeiten auf dem Gelände, rund 800 Unternehmen, elf außeruniversitäre Institute und sechs Fakultäten der Berliner Humboldt-Universität.

Aber zurück zum Geburtsjahr 1909: Die Flugschauen lockten hunderttausende interessierte Berliner nach Johannisthal-Adlershof. Und renommierte Flugzeugbauer wie Anton Fokker und Edmund Rumpler richteten sich dort Werkstätten ein. Im September 1911 machte Melli Beese hier ihren Pilotenschein – als erste „tollkühne“ Frau in Deutschland. 1912 siedelte sich in Adlershof-Johannisthal außerdem die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) an, die zum Beispiel Labore baute, aber auch Motorenprüfstände, Windkanäle und Hangars.

Während des Ersten Weltkriegs erlebte die Flugzeugindustrie in Johannisthal-Adlershof einen enormen Aufschwung. Nach Kriegsende blieben die Adlershofer Unternehmer flexibel: 1919 wurde dort der erste deutsche Linienflugverkehr eröffnet, der von Berlin nach Weimar, dem Tagungsort der Nationalversammlung, führte.

Als die Siegermächte die Flugzeugproduktion in Deutschland stoppten, wurden die riesigen leer stehenden Hallen schnell umfunktioniert, und zwar zu einer Traumfabrik: den Johannisthaler Filmanstalten (Jofa). Auf dem Gelände entstanden Klassiker wie Friedrich Wilhelms Murnaus Vampirdrama „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ oder Fritz Langs „Das Testament des Dr. Mabuse“. Bis 1930 wurden hier hunderte Filme gedreht. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich der Standort Adlershof dann wieder neu ausrichten: Die in den Kriegsjahren erneut auf die militärische Flugforschung konzentrierten Forschungs- und Produktionsanlagen wurden abgebaut und als Reparationen in die Sowjetunion gebracht. Nun übergab das sowjetische Militär das Gelände der DDR, die Teile des Ministeriums für Staatssicherheit in Adlershof ansiedelte: das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“.

Außerdem kam die „Akademie der Wissenschaften“ der DDR nach Adlershof, die hier bis zur Wende ihren größten naturwissenschaftlichen Standort mit rund 5 500 Mitarbeitern unterhielt. Darunter war auch die heutige Bundeskanzlerin und damalige Physikerin Angela Merkel.

Die Gleitsichtbrille und die Multispektralkamera, die während der sowjetischen Satellitenexpeditionen verwendet wurden, gehören zu den Erfindungen, die in dieser Zeit in Adlershof entstanden. Aber auch die Medien kamen zurück, in Gestalt des Fernsehens der DDR, das in Adlershof zum Beispiel die „Aktuelle Kamera“ produzierte. Und auch den „Sandmann“ und den „Polizeiruf 110“.

Nach der Wende übernahm der Berliner Senat 1991 die Grundstücke der Akademie der Wissenschaften, und in Adlershof siedelten sich Institutionen und Unternehmen aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Forschung und Entwicklung an, zum Beispiel das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Und auch die naturwissenschaftlichen Fakultäten der Humboldt-Universität zogen nach Adlershof um: Heute arbeiten rund 6 600 Studenten, 130 Professoren und 850 Mitarbeiter vor Ort.

Weiterhin in Adlershof zu Hause ist der Film. Mit 145 Firmen ist dies Berlins bedeutendster Medienstandort. Statt „Dr. Mabuse“ oder der „Aktuellen Kamera“ wird heute in Adlershof zum Beispiel „Anne Will“ produziert. Zu den Instituten, die im Berliner Südosten forschen, gehört das Fraunhofer Institut Rechnerarchitektur und Softwaretechnik (FIRST). Im Moment arbeitet das FIRST am Kino der Zukunft: Kuppel- und Panoramaprojektionen mit hoch aufgelösten Bildern sollen dem Zuschauer das Gefühl geben, sich im Zentrum des Geschehens zu befinden.

Und Adlershof wächst weiter: Am vergangenen Montag lud das Unternehmen Sulfurcell – das Dünnschichtsolarmodule entwickelt – zum Spatenstich für ein zweites Fertigungswerk ein.

Informationen zum Jubiläumsjahr: www.adlershof.de/100

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