Zeitung Heute : Erfindungen eines kleinen Kickers?

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Gehrke

Seinen ehemaligen Fußballtrainer sah der junge Zeuge nicht an. Die Richterin hatte dem 13-jährigen Schüler ausführlich erklärt, dass „unheimlich viel“ von seiner Aussage abhänge. „ Wenn es nicht stimmt, wirst du das immer mir dir herumtragen.“ Sebastian (Name geändert) war gestern der wichtigste Zeuge in dem Prozess um sexuellen Missbrauch von Kindern. Er hatte seinen Eltern und später der Polizei berichtet: „ Daniel ist schwul und hat es mit mir getrieben". Das Gericht schloss allerdings nichts aus, dass es sich bei den Aussagen um Erfindungen handelte – und sprach den Trainer frei.

Daniel K. ist 25 Jahre alt. Er trainierte in einem Fuß ballverein in Friedrichshain zweimal die Woche eine Schülermannschaft. Etwa 18 kleine Kicker waren in der Gruppe, alle zwischen zehn und elf Jahre alt. Sebastian gehörte zu den guten Spielern. Er wollte Kapitän werden. Aber sein Traum ging nicht in Erfüllung. Daniel sei als Trainer „sehr nett“ gewesen, sagte der Schüler. Aber dann sei es zu den „Vorfällen“ gekommen. „Daniel hat sich auf mich gelegt, er hat gestöhnt und sich bewegt“, wiederholte der junge Zeuge immer wieder. Mehrfach sei das passiert - in der Wohnung des Angeklagten und während eines Turniers am Werbellinsee.

Der Angeklagte blieb im Prozess sehr ruhig. Auch bei der Aussage von Sebastian. Daniel K. hatte zuvor den Richter erklärt: „Man darf nicht überspannen, nicht zu sehr an den Kindern hängen.“ Er sprach über die Angst, die ihn immer begleitet habe: „Wenn ich ein Kind anfasse, könnte man mir etwas anhängen, wenn ich einem hingefallenen Jungen nicht helfe, könnte man das als unterlassene Hilfeleistung auslegen.“ Und er habe erlebt, dass Eltern „übertrieben“ reagieren, wenn ihr Kind verletzt ist.

Daniel K., der jungenhaft wirkt und seine Haare blond gefärbt hat, beteuerte: „Ich habe einem Spieler höchstens mal auf die Schulter geklopft.“ Nie habe er einen der Jungen mit in seine Wohnung genommen. Nie habe er das Vertrauen der Kinder und ihrer Eltern missbraucht. Wie Sebastian zu den Behauptungen kam, die natürlich zu großer Aufregung in der Familie und im Verein führten, könne er sich eigentlich nicht erklären.

Vielleicht sei Sebastian sauer gewesen, weil er nicht Kapitän wurde, mutmaßte der Verteidiger.

Sebastian wiederholte im Prozess seine Vorwürfe im Wesentlichen. Aber in vielen Details stimmte seine Aussage nicht mit den Angaben überein, die er bei der Polizei gemacht hatte. Die Richter fanden es sehr merkwürdig, dass er nach den Schilderungen nie vom Angeklagten angefasst wurde. „Einmal hat er mir die Haare gekrault“, sagte Sebastian nun. Und er sagte, dass seine Mutter ihn angewiesen habe, bei seiner Aussage vor Gericht immer von seinen Gefühlen zu berichten. Er sei trotz des ersten sexuellen Übergriffs wieder mit einem Freund in die Wohnung des Fußballtrainers gegangen, „weil ich Playstation spielen wollte".

Eine Psychologin, die die Glaubwürdigkeit von Sebastian und seinem ebenfalls als Zeugen vernommenen Freund beurteilen sollte, schloss nicht aus, dass es sich um „Erfindungen“ handelte. Fest stehe, dass Sebastian den Vorwurf spontan gegenüber seiner Mutter erhoben habe. Es sei denkbar, dass die Homosexualität des Trainers zu einer ablehnenden Haltung geführt habe oder dass es Probleme beim Training gegeben habe.

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