Zeitung Heute : Erfolgreich drängeln am Buffet Im Assessment-Center entscheiden die Pausen

Barbara Bierach

Der eine weiß immer alles besser, der andere platzt vor Energie, ein Dritter wiederholt wie ein auf endlos gestelltes Kopiergerät: „Das klappt nie! Das kann gar nicht klappen!“ Der Rest der Mannschaft steht dabei und guckt unbeteiligt in die Kaffeetasse. Willkommen im Team!

US-Psychologen haben jetzt herausgefunden, was jeder Bürobewohner sowieso schon weiß: 63 Prozent aller Teammitglieder engagieren sich erst, wenn sie von ihrem Einsatz auch profitieren. Nur 17 Prozent gehören zu den Kooperierenden – das sind diejenigen, die tatsächlich die Arbeit machen, also Leute wie Sie und ich. Dann gibt es noch die Trittbrettfahrer, die tun möglichst gar nichts, es sei denn der Chef guckt gerade zu.

Steckt man also ein paar Spätentwickler mit einer Bangbüx zusammen und würzt das ganze mit ein bis zwei Faulpelzen, ist Misserfolg garantiert. Nach Millionen gescheiterter Projekte hat sich das auch in den Managementetagen herumgesprochen: Die Unternehmen wollen Arbeitstiere, keine Bedenkenträger. Deswegen werden Assessment-Center veranstaltet. Dort steckt man hoffnungsfrohen Nachwuchs zu Bewerber-Teams zusammen, gibt ihnen eine Aufgabe und guckt dann zu, wer wann was tut.

Anfänger glauben, es käme dabei tatsächlich darauf an, dass sie ganz furchtbar schlau sind und innerhalb der vorgegebenen Zeit eine Lösung finden. Das ist natürlich Unsinn. Richtig aufpassen muss der Kandidat erst in den Pausen. Wenn die Probanden glauben, sie könnten mal kurz entspannen, liegen die ebenfalls anwesenden Personalexperten des Unternehmens besonders auf der Lauer. Ein Kandidat würzt sein Essen nach, noch bevor er es probiert hat? Die Personaler notieren im Geiste: Könnte ein Besserwisser sein. Zumindest vertraut nicht von vorneherein darauf, dass andere einen guten Job machen. Den könnte man vielleicht im Controlling gebrauchen.

Einer drängelt am Buffet? Die Beobachter werden sich fragen: Ist das etwa Vorstandsmaterial? Durchsetzungsvermögen braucht der Mensch für die große Karriere. Oder doch nur ein teamunfähiger Egoist? Ein Dritter sucht Verbündete, in dem er an allem herum meckert. Ganz übel, denkt der Personalmensch, ein Berufsnörgler. Derweil stellt einer fest, dass alle Kaffeekannen leer sind und bittet das Servicepersonal um Nachschub. Endlich ein Arbeitstier, das sowohl an Lösungen als auch am Wohlbefinden der Gruppe interessiert ist!

Die Angst vor einem Assessment ist also eigentlich überflüssig. Es ist auch nicht schlimmer als das ganz normale Leben. Da werden wir ja auch ständig beguckt und beurteilt. In der Familie, in der Schule, im Freundeskreis. Am Ende muss man gar nicht so wahnsinnig schlau sein, um gut durchzukommen. Oft zählen andere Faktoren. Im Team wie im Leben.

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