Zeitung Heute : Erfolgreich im Überlebenscamp

Arbeitnehmer, die ihre Rechte und Pflichten auf dem Arbeitsmarkt nicht kennen, verspielen ihre Chancen

Christine Schreiber

Die Regeln des Kinderspiels „Reise nach Jerusalem“ sind klar. Doch wenn die Musik abgestellt wird und eins der eben noch fröhlich herumspringenden Kids keinen Sitzplatz mehr abbekommt, fließen trotzdem schon mal Tränen. Wer raus ist, findet den Wettbewerb um Schnelligkeit und Ellenbogeneinsatz plötzlich doof.

Im Arbeitsleben ist das nicht viel anders. Mit einem Unterschied allerdings: Mitarbeiter sind erwachsene Menschen. Sie müssen sich deshalb im Klaren sein, dass es bereits während des Spiels ausgesprochen unlustig werden kann. Wer keine ausreichenden Fachkenntnisse hat und auch nicht über die erforderliche Sozialkompetenz verfügt, ist schnell raus aus dem Spiel. Und: Es sind nicht nur die Chefs, die die Musik abstellen können. Es sind auch die Kunden, die Konkurrenten und mitunter auch schon mal die eigenen Kollegen.

Die beste Strategie, beschäftigt zu bleiben, ist, wichtig für die Firma zu werden, in der man arbeitet. Vor allem unter den neuen Regeln für die Sozialauswahl im Fall betriebsbedingter Kündigungen ist klar: Wer vom Unternehmen als Leistungsträger identifiziert ist, hat bessere Karten, bleiben zu können. Die Arbeitgeber erwarten Leistungsbereitschaft, Flexibilität und Kompetenz. Wer sich ständig nur absichert und sich mit der Frage beschäftigt, ob die Kündigungswelle kommt und wen sie dann wohl trifft, schadet vor allem sich selbst.

Wichtig ist es, die Regeln zu kennen – die in Gesetze gefassten ebenso wie die ungeschriebenen. Sich gründlich zu informieren, ist deshalb die Empfehlung Nummer eins, die Fachanwälte für Arbeitsrecht geben, wenn Arbeitnehmer eine Kündigung fürchten (siehe Interview rechts). Die Juristen wundern sich ohnehin, dass es immer noch eine Menge Beschäftigte gibt, die die Lage nicht richtig einschätzen können: Angestellte, die trotz erkennbarer Schwierigkeiten in der Firma unaufgefordert mit einem Zettel über geleistete Überminuten zum Chef gehen oder einen Auftrag mit dem Hinweis verweigern „Das steht nicht in meinem Arbeitsvertrag“. Und Personalberaterin Elke Schumacher aus Gütersloh ist immer wieder erstaunt darüber, dass viele Mitarbeiter den eigenen Arbeitsvertrag nicht genau gelesen haben. Wer zum Beispiel nicht weiß, ob ihm Nebentätigkeiten erlaubt sind oder nicht, verschenkt entweder die Chance auf zusätzliche Einnahmen und Joberfahrungen – oder aber gefährdet seinen Arbeitsplatz. Genauso jeder, der im Arbeitsvertrag die Bereitschaft zur Mobilität unterschrieben hat, aber im Ernstfall dann kneift.

Mitarbeiter als Erfolgsfaktor

Entschieden wird die Konkurrenz um den eigenen Arbeitsplatz aber schon viel früher: Das Bewusstsein dafür muss jeder „Manager in eigener Sache“ mitbringen, wenn er sich auf eine der Stellenanzeigen bewirbt, in der mit schon fast bemerkenswerter Eintönigkeit der Satz auftaucht: „Wir schätzen an Ihnen Teamgeist, hohe Belastbarkeit und Flexibilität. Sie sollten bereit sein, Ihre Arbeitszeit den betrieblichen Anforderungen anzupassen." Es ist ein Fehler, diese Formel als Plattitüde abzutun, warnt der Stuttgarter Personalberater Stefan Müller.

Den meisten Unternehmen nämlich ist zwar inzwischen sehr bewusst, dass Mitarbeiter die „wichtigste Ressource“ für den Erfolg sind. So steht es in den Leitbildern großer Unternehmen wie DaimlerChrysler, Lufthansa und auch der Deutschen Bahn. Und dafür sind diese Unternehmen auch bereit zu investieren – solange die Gegenleistung stimmt. Die Bahn beispielsweise schickt ihre Auszubildenden in Überlebens-Camps, damit die jungen Leute Teamfähigkeit und Verlässlichkeit in kritischen Situationen lernen. Coaches, Trainer und Jobstrategen raten Bewerbern und Mitarbeitern darüber hinaus, den Arbeitgeber regelrecht zu fordern. Denn wer sich um Weiterbildungen oder Qualifizierungen bewirbt, sichert nicht nur den Arbeitsplatz. Er bekommt auch ein Signal, ob das Unternehmen sich immer noch für ihn interessiert – über die Zustimmung oder die Absage.

Heißt das aber, dass Mitarbeiter ihre Individualität dem Gruppendruck opfern, stress-stabil auf alle neuen Forderungen reagieren und den eigenen Lebens-Rhythmus für den Betrieb aufgeben müssen? Nein, sagt Eckhard Miketta von der Münchner Beratung Congena. Davon nämlich haben am Ende weder die Mitarbeiter noch die Unternehmen etwas. Miketta warnt seine Kunden – das sind Personalchefs, also Arbeitgeber – sogar ausdrücklich davor, von den Mitarbeitern Angepasstheit und Uniformität zu verlangen. Sonst hätten sie kaum eine Chance, wirkliche Talente und Leistungsträger zu entdecken oder zu behalten.

Er sagt: „Zu den vorab fest stehenden Gewinnern auf dem Arbeitsmarkt gehören diejenigen, die Spaß an ständig Neuem, an der Abwechslung haben, die lernen und sich beweisen wollen, mit einem Wort, die geborenen ,Flexisten’.“ Diese akzeptieren laut Miketta die Herausforderung und haben „den Zwang zum Wechsel mit ihrer Neigung zur Abwechslung zur Deckung gebracht“.

Nur, dass es von der Sorte eben nicht genug gibt. Es gibt auch die Anderen: Die guten und zuverlässigen Mitarbeiter, die neben dem Beruf auch noch andere Prioritäten haben. Vielen Unternehmen fällt es nicht leicht anzuerkennen, dass ein guter Mitarbeiter nicht von vorn herein den „richtigen“ Ehrgeiz entwickelt, ganz vorn mitzuspielen. Oder wenn einer der Leistungsträger ausschert, um eine bessere Balance zwischen Berufs- und Privatleben zu finden.

Veränderung löst Stress aus

Ein solches Verhalten ist aber nicht mit Desinteresse zu verwechseln: Es sei nicht nötig, in einem solchen Fall über eine Trennung nachzudenken – und schon gar kein Grund, den Druck zu erhöhen, meint Miketta . Im Gegenteil: Wenn man die Wünsche dieser Mitarbeiter ernst nehme, profitierten beide Seiten. Andernfalls aber können diese „Zeitpioniere eine gewisse Sprengkraft entfalten“, warnt Miketta. Wenn man ihre Bedürfnisse ignoriere, gerieten sie unter „Veränderungsstress“. Und das löse unter Umständen eine fatale Kettenreaktion aus. Diese gefährde am Ende die Identifizierung mit der Firma, der Arbeit und der Gruppe – und mache aus einem guten Mitarbeiter einen Störer und Bremser.

Dass sich die Arbeitgeberseite so viele Gedanken um das Wohlbefinden der Mitarbeiter macht, und bereits feste Programme etabliert hat, um das Selbstbewusstsein des einzelnen Mitarbeiters zu stabilisieren, scheint mancher Angestellte noch nicht mitbekommen zu haben. Vielleicht ist das ein Kommunikationsproblem, das die Geschäftsleitungen noch in den Griff bekommen müssen, vermutet Elke Schumacher.

Ganz sicher ist aber, dass Informiertsein über die Anforderungen und die Möglichkeiten des Arbeitsmarktes zu einer bedeutenden Holschuld der Arbeitnehmer geworden ist. Nur wer diese einlöst, kann – wie der vom Politiker zum erfolgreichen Manager umgestiegene Lothar Späth – mit Recht von sich behaupten: „Ich kann, was ich will“. Oder erkommt auf die Idee, sich beim „Spiel“ einfach einen Stuhl dazuzustellen.

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