Zeitung Heute : Erfolgreich mit „Firlefanz“

Unternehmensgründerin Gisela Erler verkauft Arbeitgebern Servicepakete zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Annette Fahrendorf Regina-C. Henkel

Von Annette Fahrendorf

und Regina-C. Henkel

Bettina Volkens hat am 1. März die Regionalleitung Nord bei der Deutschen Bahn AG übernommen. Ein Problem mit der Betreuung ihres fünf Monate alten Töchterchens hat sie nicht. Um das Kleinkind kümmern sich tagsüber zwei Kinderfrauen, zu denen die promovierte Juristin „volles Vertrauen“ hat. Der Grund: Volkens konnte als Mitarbeiterin der Deutschen Bahn AG bereits vor der Geburt ihrer Tochter an einer so genannten „Child Care“-Beratung teilnehmen. Dazu gehören Informationen über Betreuungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Kosten, aber auch die Vermittlung passender Tagesmütter, Kinderfrauen, Kita-Plätze oder Au pairs. Genau das also, was sich angehende Eltern wünschen. Umso mehr, wenn sie im Beruf engagiert sind – und es auch bleiben wollen, wenn die Lebensbereiche Arbeit und Familie neu ausbalanciert werden müssen. Immer mehr Arbeitgeber bieten ihren Mitarbeitern für diese Situationen Hilfestellung an, indem sie eine neue Dienstleistung einkaufen: Familienservice.

Als Teil der betrieblichen Sozialarbeit bucht der Arbeitgeber für die gesamte Belegschaft eine Art Abonnement und zahlt einen Pauschalbetrag. Mitarbeiter „in familiären Umbruchsituationen“ können dafür einzelne Dienstleistungen eines Servicepakets in Anspruch nehmen. Gedacht wird dabei an berufstätige Eltern auf der Suche nach einer Kinderbetreuung ebenso wie an Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Eltern. Elke Schumacher, Karriereberaterin aus Gütersloh, weiß: „Meist sind es die Frauen, die zu Hause bleiben, wenn die Betreuung der Eltern nicht an ein Heim delegiert werden soll.“ Gleichzeitig ist sie sicher, dass vom Arbeitgeber bezahlte Familiendienstleistung in Zukunft ausgebaut wird – selbst in Zeiten knapper Unternehmenskassen: „Auf gut ausgebildete Frauen“, sagt Schuhmacher, „wird man bei immer noch sinkenden Geburtenraten schon bald nicht mehr verzichten können.“

Vertane Arbeitszeit kostet Geld

Gisela Erler hat das schon vor über zehn Jahren erkannt. Die heute 56-Jährige entwickelte 1992 auf Wunsch des Autoherstellers BMW ein „Kinderbüro“ – einen Beratungs- und Vermittlungsdienst für Tagesmütter, Kinderfrauen und Au-pair Mädchen. Inzwischen ist aus dem lokalen Kinderbüro die europaweit operierende pme Familienservice GmbH geworden. Eine Million Mitarbeiter von mehr als 160 Betrieben nutzen allein in Deutschland die Angebote von Gisela Erler und ihren Regionalteams.

Die Grundidee von Gisela Erlers Dienstleistung, für die sie von der Jury „Prix Veuve Clicquot“ zur „Unternehmerin des Jahres 2002“ nominiert worden ist: Arbeitnehmer mit privaten Nöten arbeiten unkonzentriert. Sie sind mit den Gedanken ganz woanders: Etwa Eltern, die sich um ihr – bei der Nachbarin untergebrachtes – Kind sorgen, oder auch Mitarbeiter mit einem pflegebedürftigen Vater, der tagsüber Medikamente einnehmen muss und dabei e Aufsicht braucht.

„Weil vertane Arbeitszeit Geld kostet, rechnet sich der Service für den Kunden“, sagt Erler. Angesichts der Wirtschaftsflaute betriebliche Sozialleistungen in Frage zu stellen, hält sie für falsch. „Es gibt Firmen“, sagt die Unternehmerin, „die sagen im Moment: Weg mit dem Firlefanz jetzt wird gearbeitet. Doch andere legen, um auf Dauer wettbewerbsfähig zu sein, gerade jetzt Wert auf gute Personalarbeit. Eine hohe Mitarbeiterfluktuation kommt auch teuer.“

Die Max-Planck-Gesellschaft gibt Gisela Erler bereits seit Juli 2000 Recht. Bei der Großforschungseinrichtung muss nicht nur auf die Kosten geachtet werden, man kennt auch die Ergebnisse einer Studie der Universität Bielefeld: Fast 50 Prozent der berufstätigen Mütter wünschen sich eine längere tägliche Betreuung für ihr Kind: um wieder oder auch mehr arbeiten zu können. Ebenso wird es bei der Deutschen Bahn AG gesehen, die seit Mitte 2002 mit dem Erlers Service arbeitet und gute Erfahrungen gemacht hat – trotz der spezifischen Probleme. Die meisten Beschäftigten arbeiten im Schichtdienst, übers ganze Land verteilt. Da trifft es sich gut, dass Gisela Erlers Unternehmen inzwischen in mehr als 20 Städten von 70 Experten angeboten wird. Dabei gilt grundsätzlich: Die Beratung ist für die Mitarbeiter kostenlos, die Betreuung der Kinder muss von den Eltern selbst finanziert werden.

Über „Childcare“ hinaus hat pme Familienservice mittlerweile – gemeinsam mit Commerzbank und dem Flughafenbetreiber Fraport – einen Notfallkindergarten für Eltern eingerichtet, die innerhalb Deutschlands oft auf Geschäftsreisen sind. Außerdem werden weitere Services offeriert, die bereits ein Drittel des Auftragsvolumens ausmachen. Die Angebotspalette für die rund 6000 Endkunden pro Jahr erstreckt sich inzwischen auch auf haushaltsnahe Dienste, Volunteering, Fortbildung und Coaching, Studien und Bedarfsanalysen sowie Personal- und Arbeitsvermittlung. Auf großes Interesse stößt „Eldercare“. So legt Birgit Reinhardt, Beauftragte für Chancengleichheit bei der Bahn AG, Wert auf die Aussage: „Unsere Beschäftigten haben ein Durchschnittsalter von 41 Jahren. Da ist uns auch das Thema pflegebedürftige Angehörige wichtig“.

Gisela Erler freut sich über solche Erkenntnisse. Die 56-Jährige gilt als Kapazität in allen Fragen der Work-Life-Balance – und dazu gehört auch die demographische Entwicklung. Noch aber wird ihr Know-how am häufigsten im Kerngeschäft „Childcare“ nachgefragt: Laut Mikrozensus waren im April 2001 in Deutschland rund 5,7 Millionen Mütter und etwa 6,8 Millionen Väter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig. Deshalb organisiert Erler auch Kongresse zur Vereinbarkeit von ausgefülltem Privatleben und Beruf. Außerdem berät sie das Land Brandenburg bei der Umgestaltung der Kinderbetreuung.

Den Vorsprung ihres Unternehmens zu den meisten lokalen Anbietern hat Familienforscherin und Buchautorin Erler auch dadurch erreicht, dass sie sich entschieden gegen die Konzeption des Geschlechterkampfs wendet. Sie setzt eher auf den „Diversity“-Ansatz der Wirtschaft: Menschen nach ihren individuellen Stärken und Bedürfnissen zu fördern und dadurch wirtschaftlichen Erfolg sowie Zufriedenheit im Privatleben zu ermöglichen. Bahnmitarbeiterin Volkens indes ist erst einmal glücklich darüber, dass sie den neuen Job als Regionalleiterin Nord mit ihrer fast genauso neuen Mutterrolle unter einen Hut bekommen konnte. „Alles hat sehr gut geklappt“, lobt Volkens.

Buchtipps: Heike M. Cobaugh, Susanne Schwerdtfeger: Work-Life-Balance – So bringen Sie Ihr Leben (wieder) ins Gleichgewicht, Redline Wirtschaft, München, 15 Euro 90.

Broschüren: money – made by women, kostenlos, anzufordern unter 0180/380 90 80. Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung – Konzepte und Praxisbeispiele, kostenloser download unter www.bmfsfj.de .

Weitere Informationen im Internet:

www.familienservice.de , www.vamv.de , www.familienhandbuch.de , www.desy.de/frauen/texte/gutachten_diw.pdf , www.tagesspiegel.de/berlin-retten , www.diw.de

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