Zeitung Heute : Erfolgreich verloren

Der Tagesspiegel

Von Cordula Eubel

und Matthias Meisner

Die Sozialisten sind bemüht, das Fiasko den Sozialdemokraten in die Schuhe zu schieben - vor allem denen in Berlin. „Die Tolerierung wurde wie ein Sündenfall im Ausland behandelt“, sagt Roland Claus, der Chef der Bundestagsfraktion. Und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch glaubt, ein wenig sogar Reinhard Höppner in Schutz nehmen zu müssen. Zwar hätte der eine „klare Ansage“ für eine rot-rote Koalition machen sollen. Doch zuviel falsch mache auch die rot-grüne Bundesregierung: „Die Chefsache Ost ist zur Nebensache geworden.“

Die PDS hat am Sonntag leicht an Stimmenprozenten gewonnen. Und doch zugleich viel verloren: Das Magdeburger Modell zur rot-roten Serie zu machen, mit diesem Ziel der PDS war Höppner durchaus einverstanden. Das aber rechnet sich nun, nach Auszählung der Stimmen, vorn und hinten nicht. „Der Erfolg käme zu früh“, sagte der Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion, Roland Claus, vor Wochen zu einem Szenario, bei dem die PDS besser als die SPD abschneiden würde. Damals kalkulierte er noch nicht damit, dass die SPD so dramatisch verlieren könnte. Ganz bewusst hatte die PDS darauf verzichtet, ihre Spitzenkandidatin Petra Sitte, Fraktionsvorsitzende im Magdeburger Landesparlament, zur Kandidatin für das Ministerpräsidentenamt auszurufen. „Die Grenze zwischen Mut und Übermut ist fließend“, sagte sie selbst – wohl wissend, dass ein Gelingen des rot-roten Projektes nur mit Höppner möglich gewesen wäre.

Ganz eindeutig hatte sich die PDS schon früh für die formale Beteiligung an der Regierungsmacht entschieden. Sie wollte nach acht Jahren Tolerierung aus dem Sünden- den Normalfall machen. Für Ministerposten im Gespräch waren neben Sitte etwa PDS-Parlamentsgeschäftsführer Wulf Gallert, einflussreicher Strippenzieher im rot-roten Tolerierungsmodell.

Claus, 1994 einer der Architekten des Magdeburger Modells, brachte sich dann zwei Wochen vor der Wahl doch für das Amt des Regierungschefs ins Gespräch. Doch dieser Vorstoß war rein taktisch – die Absicht bestand lediglich darin, Höppner für die Schlussphase des Wahlkampfes mehr Schwung zu geben. Hinter vorgehaltener Hand äußerten sich alle Spitzengenossen einvernehmlich: Fünf Monate vor der Bundestagswahl standen aus ihrer Sicht die Chancen für eine rot-rote Regierung, in der die PDS den Ministerpräsidenten stellt, gleich Null. Zugleich mussten sie feststellen, dass Höppner immer phlegmatischer wurde.

Aufgeschoben soll nicht aufgehoben sein. Mittelfristig ist die PDS sehr wohl darauf erpicht, auch einen Ministerpräsidenten in einem Ost-Bundesland zu stellen. Spätestens 2004, dann also womöglich in Sachsen oder Thüringen, werde es soweit sein, erläutert Bartsch am Sonntag. Doch er weiß, dass die Verwirklichung dieses Ziels nach dem Scheitern der Magdeburger Möchtegernkoalitionäre nicht leichter geworden ist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben