Zeitung Heute : Erfolgreiche Abwehr

Adelheid Müller-Lissner

Morgen beginnt in Toronto die bisher größte Welt-Aids-Konferenz. Experten sind ungewohnt zuversichtlich – die Ausbreitung der Krankheit verlangsame sich. Was sind die Fortschritte im Kampf gegen Aids?


Peter Piot, Direktor des Aidsbekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen (Unaids), schlug kürzlich im Medizinerblatt „Lancet“ ungewohnte Töne an. Der unermüdliche Mahner konnte über kleine Erfolge in einigen afrikanischen Staaten berichten. In besonders betroffenen Ländern wie Kenia, Ruanda und Simbabwe ist der Anteil der Infizierten an der Gesamtbevölkerung erstmals leicht rückläufig. Ein wesentlicher Grund, so Piot, liege in einer Veränderung des Sexualverhaltens: „Die Menschen nehmen häufiger Kondome, haben später den ersten Sexualkontakt und insgesamt weniger Sexpartner“, sagt er. Und er folgert: „Aids ist ein Problem, für das es eine Lösung gibt, keine hoffnungslose Krise.“

Im Jahr 2005 wurde 28-mal so viel Geld in Hilfsprogramme für einkommensschwache Länder gesteckt wie noch 1996. Auf absehbare Zeit wird das Problem jedoch gigantisch bleiben: Weltweit leben nach Unaids-Angaben fast 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus, über vier Millionen infizierten sich allein im vergangenen Jahr neu. 2,8 Millionen starben im gleichen Zeitraum an der Immunschwächekrankheit Aids, die es auslöst.

Nach wie vor lässt sich das Virus nicht komplett aus dem Körper vertreiben. Es greift die Immunabwehr auf raffinierte Weise an und verändert sich ständig. Mit Medikamentenkombinationen gelingt es inzwischen jedoch, die heimtückischen Retroviren oft jahrzehntelang in Schach zu halten. Hatten im Jahr 2001 nur 240 000 Infizierte in armen Ländern Zugang zu den teuren lebensverlängernden Medikamenten, so sind es im Jahr 2005 dank preisgünstigerer Nachahmerprodukte schon etwa 1,5 Millionen gewesen. 250 000 bis 350 000 Todesfälle konnten dadurch nach Schätzung von Unaids verhindert werden. Das ehrgeizige WHOZiel, im Jahr 2005 drei Millionen Infizierte mit der antiretroviralen Therapie (ART) zu behandeln, wurde trotzdem nicht erreicht. Eine gerade im US-Medizinerjournal JAMA erschienene Studie zeigt aber, dass HIV-Infizierte aus Staaten südlich der Sahara, die die mit etlichen Nebenwirkungen behafteten Medikamente bekommen, der Behandlung gewissenhafter treu bleiben als Betroffene aus den USA. Unaids weist allerdings darauf hin, dass heute noch offen ist, wie der Zugang armer Länder zu den Präparaten, die ein Leben lang genommen werden müssen, langfristig gesichert werden kann. Umso wichtiger sind Initiativen zur Impfstoffforschung und zur Entwicklung Erreger abtötender Substanzen für Gels, mit denen Frauen sich schützen können.

Sorgen macht den HIV- und Aidsexperten auch der asiatische Kontinent. Zwei Drittel der 8,3 Millionen Menschen, die dort infiziert sind, leben nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef in Indien. Infizierten Kindern fehle der Zugang zu speziell auf sie abgestimmten Therapien mit virenhemmenden Medikamenten. Außerdem hapere es auch an Antibiotika, die gegen die Begleitinfektionen wirken. „Wenn wir jetzt darauf verzichten, Aids als außergewöhnliches Problem zu betrachten, werden wir unsere Entscheidung nach einigen Millionen Todesfällen bereuen“, sagt Piot.

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