Zeitung Heute : Erfurt und die bedrohlichen Zweifel

Bald zwei Jahre ist der Tod seiner Freundin her. Aber Eric Langer hat noch nicht begonnen zu trauern. Weil er nicht weiß, was damals wirklich geschah. Jetzt will er den Amoklauf von 2002 noch einmal aufrollen. Denn die Fragen werden immer lauter: Hätte man einigen der Opfer noch helfen können?

Christine-Felice Röhrs[Erfurt]

Ein paar Tage, bevor Birgit starb, hatte sie ihm noch einen Heiratsantrag gemacht. Er hätte Ja gesagt. Er kam nicht mehr dazu. Denn dann lief einer ihrer Schüler Amok. 26. April 2002, Gutenberg-Gymnasium, Erfurt: Robert Steinhäuser schießt um sich mit einer Pistole und einer Pumpgun. Er tötet einen Polizisten, die Schulsekretärin, zwei Schüler und zwölf Lehrer, darunter Birgit Dettke.

21 Monate später. Die ganze Woche über gab es für ihn keinen Tag ohne sie. Birgit in Zeugenaussagen, Birgit im Obduktionsbericht, Birgit in diesen dürren Worten, die ihren Tod beschreiben, er hat sich in sie reingewühlt, noch mehr als in den letzten Monaten. Jetzt ist Donnerstag, Eric Langer macht Tee. Er ist in seiner Wohnung, eine Etage über der Kanzlei, Langer ist Rechtsanwalt, und es ist eine eher untypische Wohnung für einen allein stehenden Mann: bunt und voller Nippes. Blumen in Vasen, an den Wänden Dutzende Bilder und Fotos von Reisen, Provence, Libanon, Japan. „Das hatten wir gemeinsam“, sagt Langer und stellt Tassen auf den Tisch. „Reisen, Fotografie, Kunst.“ Eine Woche Kanada acht Museen. Und wenn er schon k.o. ins Café wollte, dann ist Birgit immer noch was Neues eingefallen.

Schlamperei? Oder mehr?

Für Eric Langer ist Birgit Dettke nicht tot. Nicht richtig zumindest, das hieße ja sonst, ihren Tod akzeptiert zu haben. Langer hat aber noch nicht einmal begonnen zu trauern. Er kann nicht, sagt er, noch nicht, erst, wenn er weiß, was wirklich geschehen ist, wenn das innere Auge nicht mehr Zerrbilder zeigt, sondern einen scharfen Film: Wie genau sie starb, wann genau sie starb. Ihren Tod als real zu begreifen – diesen Tod, der nicht „normal“ war, kein Unfall, nicht Krankheit, sondern eine Hinrichtung mit Kopfschüssen – das ging für Langer nur durch schonungslose Konfrontation mit den Fakten. Da hat er sie dann entdeckt, die Widersprüche, die Unterschiede in den offiziellen Berichten, zwischen Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft und vorläufigem Abschlussbericht der Landesregierung. Schlamperei? Oder mehr?

Jetzt will Eric Langer alles wieder aufrollen. Monatelang hat er auf eigene Faust recherchiert, hat sich als Anwalt nicht öffentliche Ermittlungsunterlagen verschafft, hat 800 Fragebögen verschickt an Menschen, die damals in oder vor dem Gymnasium waren, einen Ordner voll Zeugenaussagen gesammelt. Ende Februar wird Langer Strafanzeige stellen gegen die, die damals helfen sollten. Er denkt: Gegen die, die damals viel zu spät geholfen haben. Erfurt kommt nicht zur Ruhe.

Vor ein paar Tagen fing das wieder an, in Erfurt, als – und Langer hat viel damit zu tun – Ines Geipels Buch erschien. „Für heute reicht’s“ heißt es, nach den Worten des Amokläufers, als er endlich die Waffen streckte. Die meisten Erfurter hassen dieses Buch, das versucht, Tat, Vorgeschichte und Nachspiel minutiös zu rekonstruieren – das alle hier wieder aufrüttelt in ihrem Streben nach Normalität. Bei der Lesung kommt es zum Eklat, Zuhörer springen auf, brüllen dazwischen. Dass die Autorin ihre Quellen oft nicht nennt, dass ihre Hauptfigur erfunden ist, dass sie Politikernamen verwechselt – Anlass genug zur Kritik. Und wo hat sie die Ermittlungsunterlagen her, aus denen sie zitiert? Verschlussakten, eigentlich. Wer hat mit ihr geredet?

Der „Spiegel“ schreibt: Niemand der von der Autorin Befragten will hinterher mit ihr gesprochen haben. Das stimmt nicht ganz. Eric Langer gibt es zu, ja, er sagt es sogar ziemlich laut. Endlich mal jemand, der die richtigen Fragen stellte – vor allem nach dem Vorgehen der Einsatzkräfte.

Schon Tage nach Robert Steinhäusers Amoklauf waren erste Vorwürfe gegen die Polizei laut geworden. Im Haus verängstigte und verletzte Lehrer und Schüler, auf dem Hof angeschossen ein Polizist und Birgit Dettke – und die Beamten, die anfangs noch glauben, es gebe einen zweiten Täter, durchkämmen vorsichtig den labyrinthischen Gründerzeitbau Zimmer für Zimmer, statt zu stürmen und alle da rauszuholen, so schnell es geht. Ein namentlich nicht genannter SEKler sagt dem „Stern“ später: „Es gab ein ziemliches Chaos in der Einsatzleitung. Erst überhaupt keinen Plan, dann fast eine halbe Stunde Lagebesprechung. Der Einsatzleiter hat definitiv gegen die Lage entschieden. Die Versorgung von Verletzten muss absoluten Vorrang haben. Der ganze Einsatz war die größte Scheiße.“

Hätte man den Opfern noch helfen können? Irgendwann im Lauf des Gesprächs sagt Langer: „Ich quäle mich mit der Vorstellung, dass man einigen das Sterben zumindest leichter hätte machen können.“

Der Hauptvorwurf von Langers Anzeige wird denn auch unterlassene Hilfeleistung sein. Langer führt das aus, schiebt die Teetasse zur Seite, um den Gesten Platz zu verschaffen, und man sieht, dass er im Innern Anklagen und Argumente führt wie Schwerter. Er sagt: „Die Gegenseite behauptet, dass die Opfer doch sowieso schon tot waren.“ Thüringens damaliger Innenminister Christian Köckert hatte mehrmals bekräftigt, dass „die 16 Opfer des Robert Steinhäuser auch dann keine Überlebenschance gehabt hätten, wenn die Polizei ein anderes Einsatzkonzept verfolgt hätte“. Langer sagt und betont es Wort für Wort: „Aus meinen Unterlagen geht aber hervor: Sie waren nicht alle sofort tot.“

Um 10 Uhr 58 an jenem 26. April hatte sich Robert Steinhäuser auf seinen Weg durch die Schule gemacht, die Pumpgun auf dem Rücken und die Pistole in der Hand. Ob’s nur der Rauswurf aus der Schule war, der ihn trieb, ist bis heute nicht ganz geklärt. Sicher ist: Um 11 Uhr 18 sperrt der Lehrer Heise den plötzlich erschöpften Amokläufer in ein Klassenzimmer. Auf 16 Menschen hat er geschossen. Kurz darauf erschießt er sich selbst.

Zu dieser Zeit liegen in der Klasse 8c die Schüler Ronny und Susann und bluten. Durchs Treppenhaus schleppt sich der Biologielehrer Hans Lippe und ruft um Hilfe. Die ersten vier SEK-Beamten betreten die Schule aber erst um 12 Uhr 03. Fast eine Stunde ist vergangen, seit die Kugeln Birgit Dettke trafen. Mehrmals war die Kunstlehrerin über den Schulhof gelaufen, hatte Schüler rausgelotst, bis Steinhäuser sie entdeckte. Zeugen, die Ines Geipel in ihrem Buch zu Wort kommen lässt, erzählen: Frau Dettke rannte zwischen die Autos und der Maskierte mit erhobener Waffe hinter ihr her. Und: Frau Dettke lag hinter einem dunkelblauen VW Lupo. Vielleicht war sie hingefallen. Bei einem Schuss zuckte sie noch einmal zusammen. Dann lief Blut unter ihrem Körper hervor.

Etwas stimmt nicht

Erst um 12 Uhr 37 kann Birgit Dettke geborgen werden. Tot. Erst um 14 Uhr 37 ist laut Abschlussbericht der Landesregierung die Hausdurchsuchung beendet. Erst um 15 Uhr 34 verlassen die letzten Schüler das Gebäude, mehr als vier Stunden nach der Tat. Und die Rettungsärztin, die schon um 11 Uhr 19 das Haus betrat, hatte erst einmal eine Stunde lang im Sekretariat bleiben müssen, sicherheitshalber. Als sie endlich raus darf, zum verletzten Lehrer Lippe, lebt dieser noch, das sagen Zeugen, die Eric Langer befragt hat – er stirbt jedoch noch während der Behandlung. Da ist es auf jeden Fall nach 12 Uhr 30. Aber wie passt das zu den Totenscheinen, die besagen, dass alle Opfer, außer Birgit Dettke, bis 11Uhr 29 tot waren?

Mindestens zwei haben länger gelebt als auf den Scheinen angegeben, sagt Langer, er habe Beweise. Will er damit sagen, dass Daten gefälscht wurden, um ein Versagen der Einsatzkräfte zu vertuschen? Der Anwalt kommentiert das nicht. Er will Details seiner Anzeige nicht im Vorhinein preisgeben.

Eric Langer ist aufgestanden und hat Fotos geholt, ganz abgegriffen schon, aufgebogen an den Ecken. Sorgfältig legt er eins neben dem andern aus, eine Galerie von lächelnden Birgits, weichfransiges, rotes Haar, langer Hals, Sommersprossen. Ist das nun Selbstquälerei? Ist Langer Fanatiker? Einer, dem der Verlust die Maßstäbe raubt? Er wirkt nicht so. Eher konsequent, wenn es auch eine bis auf die quälend dünne Spitze getriebene Konsequenz ist – ein Mann, der versucht, Trauer mit dem Verstand zu besiegen nach den Exzessen der ersten Wochen. Er hat gesoffen damals, schlief nicht, aß kaum. Dann wieder saß er in Restaurants und fraß, was er fand, stopfte sich voll, betäuben wollte er, verdrängen, mit Exzessen, mit allem, was Schutz bot.

Andere Angehörige haben am ersten Jahrestag einen Punkt gesetzt. Mach auch bald Schluss, bitten sie ihn, du gehst sonst kaputt. Das sind die netten Reaktionen. Wenn die Erfurter sagen, sie seien wie eine Familie, dann ist das richtig. Andererseits zeigt diese Familie die Clan-typischen Merkmale der Abschottung: Kritik lässt die Gemeinschaft zuklappen wie eine Auster. „Mach so weiter, und du lebst nicht mehr lange“, sagen fremde Männerstimmen am Telefon zu Langer. Er ist zwar auch ein Angehöriger, sogar Betroffener, aber doch ein aus der Art geschlagener. Er hat den Kodex verletzt. Aber: Der Ausgestoßene zieht sich auch von selbst zurück.

Ein großartiger Anfang

1990 war Eric Langer von Köln nach Erfurt gekommen, mit 27, und hatte sich selbstständig gemacht. Es war großartig damals, sagt er und breitet die Arme aus. Die Leute hatten Ideen, wollten gestalten – sie wuchsen gemeinsam, Langer und seine neue Heimat. Bis 1999 hatte er sich eine der größten Kanzleien am Ort aufgebaut, sieben Anwälte, ein Büro auf 450 Quadratmetern. Dass er 2001 wieder verkleinerte, sagt er, habe auch damit zu tun gehabt, dass er mal Atem holen wollte. Lebensqualität ist ein Wort, das Langer oft sagt. Ein Karrierist ist er nicht, aber ohne Ehrgeiz war er auch nie.

Jetzt, fast zwei Jahre nach Birgit Dettkes Tod, hat Langer sein Büro verkauft. Seit November arbeitet er in zwei Zimmerchen im Haus, in dem er auch wohnt. Alles, was ihn noch ablenkt von Birgit, hat er weggeschoben. „Die paar Euro, die ich brauche, verdiene ich auch so“, sagt er. Nur, dass er sie nicht als Anwalt verdient. Firmensanierungen macht er noch, davon lebt er, aber nie wieder Jura, nie wieder ein Anwaltsschild vor der Tür. Stattdessen hat er „E. Langer“ mit Kreide an die Hauswand gekratzt. „Es ist der absolute Frust allem gegenüber, was hier Justiz ist.“

Wenn seine Anzeige scheitere, sagt Langer, dann werde er damit leben. Aber danach sieht es nicht aus. Denn nachdem damals Innenminister, Ministerpräsident und Polizeichefs verkündet hatten, der Einsatz sei fehlerfrei gelaufen, hat man nun doch eine Untersuchungskommission eingerichtet. Warum? „Kein Kommentar“, sagt der Justizministeriumssprecher. Heißt das, dass da einer die richtigen Fragen androht? Drei Richter und ein Staatsanwalt beschäftigen sich in den kommenden sechs Wochen mit allen bisher gesammelten Erkenntnissen.

Nach Birgits Tod hatte ihr Langer bei sich im Haus einen Briefkasten eingerichtet, gleich über seinem. Es musste sich ja jemand kümmern um die Post, die noch kam. Ihr Name steht immer noch da.

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