Zeitung Heute : Ergaunerte Popularität

Urban Media GmbH

Von Thomas Loy

Es ist wieder soweit. Zeit für den Dagobert-Funke-Test. Ein Kamerateam schlawenzelt etwas unentschlossen durch die Köpenicker Altstadt. Plötzlich macht der Truppführer ein Zeichen in Richtung des Testobjekts, eines auffällig unauffällig gekleideten Mannes in den besten Jahren. Die Fernsehleute kommen über die Straße, nähern sich zielgenau. Fast will das Testobjekt schon kapitulieren, die rechte Hand zum Gruß zücken, doch das Team zieht vorbei, einfach so, vorbei an Arno „Dagobert“ Funke, dem bekanntesten Kaufhausbomber und Geldübergabemaschinenbastler der westlichen Hemisphäre. Test erfolgreich verlaufen. Arno Funke kann wieder Arno Funke sein – wenn er nur wüsste, wer Arno Funke ist.

Er sieht erholt aus, frisch, als er das CafŽ betritt, in dem er Journalisten zu treffen pflegt. Es nennt sich Altstadt-CafŽ und in seinem Interieur gibt es nichts, was auf den eigenwilligen Charakter seiner Besucher schließen ließe. Arno Funke mag es nicht, wenn in seinem Seelenleeben herumgedeutelt wird. Er bestellt einen Milchkaffee, gnubbelt nervös am Ohr und pariert die meisten Fragen mit einem kurzen Witz, über den er anschließend einen Tick zu laut lacht. Klar, es ist ein Lachen aus Unsicherheit. Arno Funke weiß das inzwischen selbst und arbeitet dran. Das Erröten verläuft schon nicht mehr so heftig. Früher war er der „scheueste Discjockey Deutschlands“, heute kann er dem Publikum bei Lesungen zumindest für einen Moment offen ins Gesicht sehen.

Arno Funke hat viel dazugelernt, seit vor fast acht Jahren seine Laufbahn als „Dagobert“ abrupt endete – an einer schlichten Telefonzelle in Treptow. Man könnte sogar sagen, die Zeit im Gefängnis hat ihm gut getan. Eigentlich sollte ihn der Bundesjustizminister überall herumreichen – als Beispiel für eine gelungene Resozialisierung. Doch die politische Nomenklatura hält beflissen Distanz. Und auch das einfache Volk zeigt sich gespalten. Die einen bejubeln ihn als Rächer der Gescheiterten, die anderen missgönnen ihm seine ergaunerte Popularität. Sicher, ohne „Dagobert“ wäre Arno Funke heute kein Buchautor, kein Eulenspiegel-Zeichner und kein Wesen von öffentlichem Interesse, aber soll er sich dagegen wehren? Soll er wie der typische Ex-Knasti arbeitslos vor der Glotze herumhängen, alimentiert vom Sozialamt?

So, wie er heute seinen Tag verbringt, eher ruhig und monoton, fühlt er sich wohl. Morgens am Müggelsee joggen, den Rest des Tages schreiben oder zeichnen, abends mit seinem Sohn in die Philharmonie oder einen dieser eher unangenehmen Leseauftritte hinter sich bringen. Man werde schließlich älter, sagt er. Was man eben so sagt, wenn man nichts erklären möchte. Wie alt er sich fühle? Da lugt wieder der Kasper über die Schulter. „Ich bin 51, sehe aus wie 80 und benehme mich wie 12.“

Früher glich das Leben des Arno Funke dem verzweifelten Versuch, ein Freak zu werden. Er war Super-8-Filmer, DJ, Fotograf, Kunstmaler, Coca-Cola- Ausfahrer, Angler und Bauarbeiter in Norwegen. Zwischendurch heuerte er bei seiner alten Firma in Neukölln immer wieder als Schilder- und Lichtreklamehersteller an – das hatte er gelernt. Funke nennt diese Rollenspiele: Träume verwirklichen. Er habe eben nicht wie andere nur träumen, sondern seine Träume auch erleben wollen. Darüber soll auch sein Buch handeln, an dem er schon sehr lange schreibt, weil er sich immer wieder verzettelt. Von Träumen, die den Träumer in den Abgrund stürzen, als er daran geht, sie zu verwirklichen. Träume verwirklichen ist in der Regel schädlich. Diese These hat natürlich viel mit ihm selbst zu tun. Und was hätte er stattdessen tun sollen? Langes Zögern. In der Antwort verheddert sich Funke, weil er über sich nur als abstraktes Konstrukt sprechen mag. Angenommen, ein gewisser Funke hätte Malerei studiert... oder sagen wir Physik, aber weiß man, was draus geworden wä re?Nachher ärgert man sich, dass man´s nicht gemacht hat... Machen kann man sein Leben sowieso nicht...

Der konfus mäandrierende Gedanke endet damit, dass Schildermaler Funke seine Nase nicht so tief in die Lacktöpfe hä tte stecken sollen. „Das war mein einziger Fehler.“ Er lacht, obwohl es ihm diesmal ernst ist. Aus den Lacktöpfen lässt sich alles Weitere schön herleiten. Wegen der Dämpfe aus den Töpfen ist er krank geworden, chronisch depressiv und gefühlstaub, fing an zu trinken, konnte nicht mehr arbeiten, wollte sich schließlich umbringen und dachte dann, vorher könne er auch noch einen seiner großen Träume verwirklichen – den vom Reichsein.

An dieser Stelle seines Lebens kam Dagobert ins Spiel. 1988 explodierte im KaDeWe eine Bombe, und Arno Funke ließ sich aus der S-Bahn ein Paket mit 500 000 Mark zuwerfen. Ein durchgreifendes Erfolgserlebnis, doch Funke machte die schockierende Erfahrung, dass es ihn nicht glücklich machte. Obwohl er den Alkohol absetzte, blieben seine Nerven wie betäubt. Erst da kam er auf die Idee, zum Arzt zu gehen. Auch wenn er nun quasi krankgeschrieben war, Arno Funke blieb seiner neuen Erwerbstätigkeit treu, bastelte in seinem Gartenhaus immer abstrusere Maschinen zur Geldübergabe (siehe Kasten), die von der Polizei mit Papierschnipseln statt harter D-Mark gefüllt wurden.

Den Fahndern war bald klar, dass sie keinen abgebrühten Gangster verfolgten, sondern einen technisch begabten, hypersensiblen Außenseiter. Die Dagobert-Rolle wurde immer anstrengender für Arno Funke. Während sich die Nation die Schenkel klopfte, ging er durch ein Meer aus Selbstzweifel und Angst. Seine Festnahme erlebte er als Erlösung. Im Prozess kam schließlich sein IQ ans Licht: knapp 145. Arno Funke also auch einer dieser unverstandenen Hochbegabten? Mit 23 habe er selbst einen IQ-Test gemacht, sagt er, aber da sei es ja schon zu spät gewesen, die ganze Schlauheit in etwas Sinnvolles zu investieren. Eigentlich habe der Test nur eine brauchbare Erklärung geliefert, warum er sich so intensiv mit Elektronik und Astronomie beschä ftigt habe, während seine Kumpels in der Disco abhingen.

Und die Jahre im Knast? Da sollte man besser rauskommen als reingehen. Wieder so ein Ausweich-Witz. Richtig schlimm scheint es nicht gewesen zu sein. Er fand zum Lesen und Schreiben – vielleicht sogar zu seiner Bestimmung? Wird sich zeigen. Funke ist vorsichtig mit Vorhersagen. Im Gefängnis kam mal Götz George vorbei, um mit ihm zu besprechen, wie er Arno Funke spielen könnte. Danach hat er von dem Filmprojekt nichts mehr gehört. Götz „Schimanski“ George sei ja nun auch zu alt, um Arno „Dagobert“ Funke zu spielen. Das würde er bei Bedarf auch selbst übernehmen. Schauspieler hat er noch nicht ausprobiert.

Und dann ist da noch Arno Funke, der Schuldner. Fünf Millionen Mark Schadensersatz verlangt der Karstadt-Konzern von ihm. Die Tantiemen für seine Biographie „Mein Leben als Dagobert“ wurden vollständig gepfändet. Von den Schulden irgendwann runterzukommen, hält Funke für illusionär. Allein die Zinsen beliefen sich im Monat auf rund 20000 Mark. Aus diesem Dilemma gibt es wohl nur einen legitimen Ausweg: Lotto spielen. Arno Funke lacht. Damit wäre er endlich in der anonymen Masse der Normalbürger angekommen, die von einem Geldspeicher wie bei Onkel Dagobert träumen. Nur gewinnen darf er nicht.

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