Zeitung Heute : Erhaben sind die Schwachen

Richard Schröder

TRIALOG

Nein, ich werde mir Gibsons Film nicht ansehen. Ich halte es da mit Paulus. Das Wort vom Kreuz sei eine Gotteskraft. Das ist ganz etwas anderes als ein Video von der Kreuzigung. Wenn jemand beim Versuch, ein Kind aus den Flammen zu retten, umkommt, werden wir mit Bewunderung davon erzählen, aber doch nicht ein Video zeigen, wie er verbrennt.

Nun ist aber der Gekreuzigte in jeder Kirche dargestellt. Ist das nicht auch entwürdigend oder zum Mindesten geschmacklos? Goethe sah das so. Der Gekreuzigte widersprach seinem Menschenbild: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Er hat allerdings, wohl dieses edlen Menschenbildes wegen, seine todkranke Frau nie besucht. Von Thorvaldsen stammt die Statue eines segnenden Christus, der ganz dem klassizistischen Menschenbild entsprach. Sie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ungemein beliebt und verbreitet. Nach dem 1. Weltkrieg stellte man sie beiseite. Die Kriegsheimkehrer konnten mit diesem Christusbild nichts mehr anfangen. Romanische Kruzifixe zeigen Christus in triumphierender Haltung, als königlichen Menschen. Als die Pest in Europa um sich griff, wurde der „Schmerzensmann“ dargestellt. Außerhalb der Kirchen begegnet das Kreuz nur noch als das Rote Kreuz. Das passt sehr gut zum Menschenbild des Crucifixus: sich von den Leidenden, auch den fremden Leidenden, nicht abwenden.

Auch Mohammed konnte mit dem Gekreuzigten nichts anfangen, nun aber nicht des Menschenbildes, sondern des Gottesbildes wegen. „Sie töteten ihn nicht, noch kreuzigten sie ihn, sondern es erschien ihnen nur so,“ heißt es im Koran. Durch einen Trick habe er sich der Kreuzigung entzogen. Mohammed würdigt nämlich Jesus (Isa) als einen der Propheten Allahs, und die müssen immer siegreich sein, weil Allah vor allem allmächtig ist. Paulus dagegen behauptet, Gottes Kraft sei in der Schwachheit mächtig. Und dafür steht ihm das Kreuz.

Wie sind die ersten Christen darauf gekommen, diesen grausamen Tod Jesu mit Gott in Zusammenhang zu sehen, ja geradezu als Gottes Selbstoffenbarung zu verstehen? Dass das den einen ein Ärgernis, den anderen eine Torheit ist, war Paulus bewusst, er hat es so ausgesprochen. Denn in Gott wird allgemein das Höchste, Erhabenste, Majestätischste gesehen und verehrt.

Zweierlei hat sie dazu gebracht. Zum einen Begegnungserfahrungen mit dem Auferstandenen, die wir in unser naturwissenschaftliches Weltbild nicht verorten können. Wichtiger vielleicht noch war das Studium der hebräischen Bibel. Da stießen sie im zweiten Teil des Jesajabuches auf Texte, in denen von einem leidenden Gottesknecht die Rede war. Und das hat ihnen plausibel gemacht, dass Jesu Geschick nicht sein Scheitern war, ja dass dieser sein Tod in gewisser Weise zu seinem Leben passte. Der sich im Namen Gottes den Verlorenen, Ausgestoßenen zugewandt hatte, endete als Ausgestoßener, aber nicht als Gottverlassener. Darauf konnten sie nur kommen, weil sie Juden waren. Aber dafür fanden sie nicht aller Juden Zustimmung. Deshalb kam es zum Familienzerwürfnis.

Man kann alles übertreiben und missbrauchen, auch den christlichen Glauben, zum Beispiel durch Leidenssehnsucht oder durch eine sehr ambivalente Passionsfaszination oder die Liebe zur Verliererrolle.

Aber dass Leid von Gott nicht trennt und dass er von den Siegern nicht gepachtet ist – es wäre ganz gut, wenn der Crucifixus uns daran erinnern würde.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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