Erich Honecker : Der Krebs der DDR-Macht

Zum Fall Erich Honecker: ein Zwischenruf. Manche wussten eher Bescheid als andere

Peter Becker
308523_0_559fc316.jpg
Gezeichnet. Honecker bei den 40-Jahr-Feiern der DDR im Oktober 1989. Foto: dpa-

Die Erosionsgeschichte der in der Nacht des Mauerfalls explodierten DDR erzählt sich in diesen Gedenktagen immer wieder aus einer Mischung von Weltpolitik und einzelnen Biografien. Es gebe aber, so las man kürzlich in der „FAZ“, in der „europäischen Geschichte wohl keinen anderen Fall, in dem die persönliche Krankheits- und Sterbegeschichte eines Herrschers so vollkommen parallel zur Krise und zum Untergang seines Staates“ verlaufen sei. Gemeint war Erich Honecker. Dazu gibt es freilich ein Detail anzumerken: Manche wussten über Honeckers nahendes Ende offenbar früher Bescheid als bislang kolportiert.

In einem gerade ausgestrahlten NDR-Porträt über Honecker hieß es wie in Pressekommentaren, man habe erst nach seinem am 18. Oktober im SED-Politbüro erzwungenen Rücktritt jenen unheilbaren Nierentumor festgestellt, der 1994 zum Tod führte. Meines Wissens, das auf einem persönlichen Zufall beruht, ist das falsch, auch wenn der Berliner Urologe Peter Althaus, der Honecker im Januar 1990 noch operierte, in dem Fernsehporträt die bisher offizielle (sprich auch: DDR-offizielle) Krankheitsgeschichte stützt.

Warum sollte einen das interessieren? Weil das SED-System wie das der Sowjetunion von seinem Ersten Mann entscheidend abhing. Tatsächlich war der DDR- Staatsratsvorsitzende, der noch im Juni 1989 prophezeit hatte, die Mauer könne auch „in 50 oder 100 Jahren“ stehen, vom 8. Juli bis Ende September 1989 von der Bildfläche verschwunden. In dieser Zeit der anschwellenden Massenproteste und Zuflucht von DDR-Bürgern in den Botschaften der Bundesrepublik in Budapest und Prag fragte sich alle Welt: Was macht die Macht, wo bleibt Honecker?

Fahl, abgemagert, maskenhaft trat er erst zur gespenstischen 40-Jahr-Feier der DDR am 7. Oktober wieder kurz ins Licht der Weltöffentlichkeit. Davor war über eine Erkrankung nur immer spekuliert worden. Am 28.8.1989 meldete der „Spiegel“, nichts deute „darauf hin, dass dem nach einer Gallenblasenoperation im Krankenhaus liegenden Staatsratsvorsitzenden die Entscheidungsgewalt entgleite“. Eine Woche später war im „Spiegel“ wieder von einer Gallenblasenoperation die Rede, aber auch von „Westquellen“ und der „Behauptung aus Geheimdienstkreisen“, Honecker habe Krebs, womöglich ein Karzinom an der Bauchspeicheldrüse. Doch das blieb Spekulation.

Im September 1989 war ich auf der italienischen Insel Ischia Mitglied einer Film- und Theaterjury. Es ging um den „Premio Visconti“ und um deutsche Themen im Werk von Luchino Visconti. Als Gast war auch der Ostberliner Theaterhistoriker und Chefkritiker der „Berliner Zeitung“ Ernst Schumacher eingeladen: ein Brecht-Schüler und im DDR-Kulturbetrieb einflussreicher Mann.

Mit ihm musste ich bei einer italienischen Pressekonferenz, nichts von der berühmten Frage des italienischen Kollegen an Schabowski am Abend des 9. November ahnen könnend, noch über die deutsch-deutschen Kulturbeziehungen streiten. Was an diesem Ort recht absurd war. Hinterher, beim Mittagessen, fragte ich Schumacher ganz beiläufig, was eigentlich mit Honecker sei. Und er flüsterte mir, es war am 28. September 1989, ins Ohr: „Honecker hat Nierenkrebs.“ Er wisse es „aus sicherer Quelle“.

Der jetzt 88-jährige, noch immer als Autor tätige Schumacher kann oder möchte auf Befragen die Quelle nicht mehr nennen. Heute sagt er: „Ich muss es aus höchsten, eingeweihten Kreisen erfahren haben.“ Weil prominente Künstler und „Kulturschaffende“ in der DDR durch ihre besonderen Kontakte oft erstaunlich viel besser als Journalisten informiert waren, klang das glaubwürdig. Und an jenem 28. September dachte ich, ohne den Mauerfall schon zu erträumen: Ein todkrankes System mit einem Moribunden an der Spitze, das ist das Ende der DDR, wie wir sie kannten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar