Zeitung Heute : Erich Marx?

Nicola Kuhn Christina Tilmann

WARUM SAMMELT ER ALS UNTERNEHMER KUNST?

Das Sammeln von Kunst war dem Arbeiterkind Erich Marx keineswegs in die Wiege gelegt. Aus dem kleinen Dorf Brombach bei Lörrach stammend, verdiente er sich sein erstes Geld, indem er die gelben Schilder einer Assekuranz für fünf Pfennig das Stück an den Türen der Häuser anbrachte. Nach dem Krieg studierte der Sohn eines Lagerarbeiters Rechtswissenschaften in Freiburg und Basel. Der Verleger Franz Burda machte den frisch promovierten Juristen zum Leiter seiner Rechtsabteilung; es folgte eine Berufung nach der anderen in die Chefetagen verschiedener Verlagsgruppen. Doch etwas fehlte dem Aufsteiger, der 1967 in Berlin eine eigene Bauträgergesellschaft gründete. Er spürte es selbst: ein kriegs- und nachkriegsbedingtes Defizit an kulturellen Erkenntnissen und Erfahrungen, wie der heute 84-Jährige es nennt. Auf Sylt, gleich bei seinem ersten Galeriebesuch, traf es ihn dann wie ein Blitz: eine Grafik des Worpsweder Künstlers Meckseper. Marx erwarb gleich vier weitere Blätter, die bis heute als Erinnerung in seinem Büro in Berlin-Charlottenburg hängen.

Seitdem hat ihn die Leidenschaft nicht mehr losgelassen. In der Kunst hat der nach wie aktive Geschäftsmann einen Gegenort zu den Zahlen und Bilanzen gefunden: „Es ist eine andere Welt, in jeder Beziehung, vor allem menschlich.“ Wie für viele Sammler ist ihm der persönliche Kontakt zu Künstlern wichtig. So schenkte ihm Anselm Kiefer, mit dem ihn Freundschaft verbindet, zu seinem 84. Geburtstag ein Gemälde mit entsprechend vielen Mohnkapseln.

WAS FÜR EIN SAMMLER IST ERICH MARX?

Seine Entscheidungen fallen spontan, auch heute noch. „Ich muss ein Bild nur einmal sehen, dann lässt es mich nicht mehr los“, erzählt Erich Marx mit einem Funkeln in den Augen. Ein „Bauch“- Sammler also, einer, der seinem persönlichen Geschmack, seinem Gefühl folgt, nicht dem Kalkül. „Ich habe ein gutes Auge für Qualität“, sagt er. „Ich bin zwar kein ausgebildeter Kunsthistoriker, aber die Bilder, die ich gekauft habe, zu denen stehe ich.“ So sammelt Marx privat. Als irgendwann klar wurde, dass die Sammlung Marx mehr sein sollte als das private Steckenpferd eines Kunstfreundes, eher eine richtige Sammlung als eine „Ansammlung“ unterschiedlicher Werke, kam der Unternehmer Erich Marx wieder durch. Gemeinsam mit dem damaligen Beuys-Sekretär Heiner Bastian entwickelte er ein stringentes Sammlungskonzept, mit drei Kriterien: Konzentration auf wenige Top-Künstler (Joseph Beuys, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Cy Twombly), nur zeitgenössische Werke, nur Bilder von Museumsqualität. Das Kalkül ging auf: Inzwischen ist die Sammlung Marx, die seit 1996 immer wieder im Berliner Hamburger Bahnhof zu sehen ist, vom Wert her im dreistelligen Millionenbereich anzusiedeln. Allein ein Werk wie Andy Warhols „Mao“ brächte auf einer Auktion 25 bis 30 Millionen Euro. Warhols, Rauschenbergs, Twomblys sind ebenfalls kaum mehr zu haben.

Doch Kalkül hin oder her: seinen alten Lieben bleibt der Sammler treu. So erwarb er in den Achtzigern Gemälde des italienischen Transavanguardia-Künstlers Sandro Chia. „Ich habe ihn persönlich gekannt und fand ihn immer gut in seinen kräftigen Farben. Ich habe ihn nie aus meiner Sammlung vertrieben, weil ich seine Bilder noch heute schätze. Seine Zeit ist zwar abgelaufen, aber das bedeutet doch nicht, dass er schlechter geworden ist.“ Eine weitere wichtige Sammlereigenschaft: der Wunsch, ja die Gier, ein Kunstwerk sein Eigen zu nennen, selbst wenn es am Ende in den „Keller“ kommt. „Was mir gefällt, das möchte ich besitzen“, sagt Marx. „Das kann zu einer gefährlichen Obsession werden.“ Und wenn er Bildern begegnet, die er nicht bekommen hat oder wieder verkaufen musste, dann macht er lieber einen weiten Bogen darum: „Das schmerzt zu sehr.“ Und noch eins gibt er zu: „Sammlerstolz? Ja, wenn eins meiner Kunstwerke in einem Katalog abgebildet wird, dann kommt auch Eitelkeit durch.“

WIE IST DAS VERHÄLTNIS DES PRIVATSAMMLERS ERICH MARX ZU DEN STAATLICHEN MUSEEN?

Über die Lage der Staatlichen Museen macht Erich Marx sich keine Illusionen. „Bei einem Ankaufsetat von 100000 Euro können die Kuratoren pro Jahr gerade einmal ein Kunstwerk erwerben. Allein für ein Bild des Belgiers Luc Tuymans ist das zu wenig.“ Die Museen sind also auf private Sammler angewiesen, die ihre Schätze en bloc überlassen. Das weiß der Sammler und weiß damit auch um seine Macht. Nicht von ungefähr hat Marx deshalb seine Kollektion von Anfang an mit Blick auf eine Museumspräsentation aufgebaut. Es gibt jedoch noch ein anderes Motiv: Marx empfindet eine besondere Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit. Wenn er über die amerikanische Tradition spricht, darüber, wie im calvinistisch geprägten Amerika Mäzene ihren Reichtum als Geschenk, aber gleichzeitig als Verpflichtung empfinden, klingt daraus deutlich Sympathie. Und gleichzeitig ein hoher Anspruch. Denn dass Marx mit seiner Leihgabe gewisse Erwartungen an den Hamburger Bahnhof knüpft, macht er mindestens ebenso deutlich: „Ich wollte dem Hamburger Bahnhof mit meiner Sammlung internationales Gewicht verleihen.“ Ein Kuratorium, international hochrangig besetzt, das über Kooperationen und Leihverträge befindet, war ursprünglich sein Plan. Damals, 1996, scheiterte dieser, und Marx zog sich frustriert zurück. Doch immer noch ist er überzeugt: „Der Hamburger Bahnhof braucht einen starken Direktor, um eigenes Gewicht zu gewinnen.“ Damit auch die Sammlung Marx endlich zur verdienten Anerkennung kommt.

WAS PLANT MARX FÜR DIE ZUKUNFT?

Mit Spannung wird am Mittwoch die Neupräsentation der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof erwartet, nachdem dort in sämtlichen Räumen – bis auf den Beuys-Saal – in den vergangenen Monaten die Friedrich Christian Flick Collection zu sehen war. Beobachter sahen in diesem Schachzug der Staatlichen Museen nicht zuletzt eine taktische Möglichkeit, die bisherige Dominanz der Sammlung Marx zu reduzieren. Marx selbst betrachtet seinen neuen Haus-Partner (Flicks Leihvertrag läuft über sieben Jahre) mit einer gewissen Reserviertheit, obwohl er ihn zunächst in Berlin willkommen hieß. „Als mich Flick allerdings fragte, ob ich bereit wäre, den Hamburger Bahnhof für seine Sammlung frei zu machen, habe ich das nicht mehr ganz so gerne getan,“ gesteht er ein.

Als Sammler bleibt Erich Marx aktiv. Er besucht Galerien, Messen, Ateliers. Seine Kauflust greift jetzt auch auf Gegenwartskunst über : In den vergangenen Jahren erwarb er zahlreiche Werke von Damien Hirst und anderen Vertretern der Young British Artists, die ebenfalls gleich im Hamburger Bahnhof zu sehen waren. Mit Misstrauen wurde dabei beobachtet, dass Einzelstücke aus der Museumspräsentation heraus wieder auf den Kunstmarkt gelangten. „Meine Sammlung muss lebendig sein und bleiben – und anders als Museumssammlungen wandelbar sein“ erklärt Marx dazu. „Ich habe immer mal verkauft, um Neues hereinzubekommen, also den Verkaufserlös wieder in Bilder gesteckt und nie dabei etwas privat herausgeholt.“

Wenn Marx jetzt, zur Neupräsentation seiner Sammlung nach neun Jahren, dennoch eine neue Vertragsvereinbarung mit den Staatlichen Museen getroffen hat, dann sei das nur in deren Interesse, sagt er. Marx denkt dabei an die Zeit nach seinem Tod: „Die Sammlung soll in Berlin dauerhaft zu sehen bleiben.“ Und noch eins wird jetzt neu zugestanden: Die Sammlung Marx wird nicht mehr, wie bisher ausbedungen, komplett im Hamburger Bahnhof gezeigt, sondern kann auch mit eigenen Beständen der Staatlichen Museen kombiniert werden, auch an anderen Museumsstandorten – die Präsentation „Gegenwelten“ in der Neuen Nationalgalerie, in die auch Werkblöcke aus den Sammlungen Flick und Marzona integriert sind, führt es vor.

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