Zeitung Heute : Erinnerung an das Luna-Lager

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

Pankow. Ein paar Tage vor Ostern 1944: Die 20-jährige Anna und ihre Eltern lernen in Pankow auf der Straße eine deutsche Familie kennen. „Haben Sie Hunger?“, fragt der Mann. „Ja“, sagt Annas Vater, „im Lager bekommen wir Brot, aber das ist sehr trocken.“ Die Deutschen haben einen Garten, und fürs Umgraben wollen sie mit Essen zahlen. Anna geht hin, gräbt um und bekommt ein frisch geschlachtetes Kaninchen, Eier und frisches Brot. „Als wir es aßen, haben wir geweint“, sagte die 77-jährige Anna Buczak gestern in der Galerie im Pferdestall in Prenzlauer Berg. Sie ist zum ersten Mal wieder in Deutschland, zur Eröffnung einer Aussstellung über Zwangsarbeit im Nordosten Berlins 1938 bis 1945.

Aus einem polnischen Dorf bei Zamosc wurden Anna Buczak und ihre Familie 1943 nach Berlin deportiert. Sie lebten bis Kriegsende im „Luna-Lager“ in Schönholz und mussten für die Deutschen Waffen- und Munitionswerke arbeiten. Die Ausstellung des Verbundes der Kommunalen Museen von Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg stellt ab heute 12 Biographien ehemaliger Zwangsarbeiter aus Polen, der Ukraine und den Niederlanden vor. In zehn weiteren bezirklichen Heimatmuseen eröffnen in den nächsten Monaten Ausstellungen über andere Aspekte der Sklavenarbeit in Fabriken, Handwerksbetrieben, in Familien, auf Friedhöfen oder für öffentliche Betriebe. Zwei Jahre lang haben die Heimatforscher Archive durchforstet, mit ausländischen und deutschen Zeitzeugen gesprochen, ehemalige Arbeitsstätten und Lager gesucht und dokumentiert. Es sei gelungen, einen annähernd vollständigen Ü berblick über Zwangsarbeit in Berlin zu zeigen, sagten die Koordinatoren gestern. Im Sommer 1944 wurden in Berlin noch 420000 „Fremdarbeiter“ in rund 1000 Lagern festgehalten. Über dieses „System“ informiert eine Einfü hrung, die in allen elf Ausstellungen gezeigt wird.

Trotz der Forschungen in allen Bezirken gibt es noch viele weiße Flecke. So sind aus den Friedhofsunterlagen bislang 12500 Todesfälle bekannt. Der Historiker Helmut Bräutigam, der die Einführung erarbeitete, schätzt, dass eine Vielzahl bei Bombenangriffen und durch die „Todesursache Nr. 1, die Lungentuberkulose“ umgekommen sein müssten. Denn die Luftschutzkeller waren den Zwangsarbeitern versperrt und die medizinische Versorgung unzureichend.

In den drei nordöstlichen Bezirken entdeckten die Forscher 250 Arbeits- und Wohnorte, die Hälfte ist auf einem großen Stadtplan mit roten Fähnchen markiert. Auf dem Geländer der heutigen Kultur- und ehemaligen Schultheiss-Brauerei stecken zwei Fähnchen. Wie viele Zwangsarbeiter hier beschäftigt waren, ist nicht geklärt. Die Archive sind vernichtet. Aber ohne sie wäre der Brauereibetrieb nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Außerdem vermietete Schultheiss Kellerräume an Telefunken, auch dort arbeiteten Menschen aus Polen und Holland. „Die Leute, die hier wohnten, hatten es vor Augen“, sagt Helmut Bräutigam, „aber nach dem Krieg haben sie die Zwangsarbeiter schnell wieder vergessen.“

Wer heute genau wissen will, was war, kann in der Ausstellung auch selber recherchieren. Über 75 Betriebe und Lager sind Daten gespeichert, die auf einem Computer-Terminal abgerufen werden können. Auf den Textbildtafeln in der Galerie ist die Geschichte des „Luna-Lagers“ in Schönholz und des Lagers auf dem Gelände der alten Trabrennbahn Weißensee dokumentiert.

Anna Buczak erinnert sich gut an das Leben im „Hungerlager“ Schönholz, aber von ihren schlimmen Erlebnissen berichtete sie kaum. „Im Lager durften wir unsere Sachen nicht waschen, alle hatten Flöhe und Läuse“, sagte sie. Aber Anna hatte wieder Glück. Ein Meister in der Waffenfabrik ließ sie an die Schüssel mit dem Seifenwasser, in dem die frisch gebohrten Maschinenteile gereinigt wurden. So konnte sie ihre Wäsche waschen und sie sogar auf dem Maschinenofen trocknen. „ Wenn ich diesen Menschen heute treffe“, sagt Anna Buczak, „würde ich ihm die Hände küssen.“

Die Ausstellung in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg, Knaackstraße 97, ist bis zum 14. Juli zu sehen. Die Zeitzeugin Anna Buczak spricht dort am Sonntag, dem 3. März, um 18 Uhr. Informationen unter Telefon: 4240 1097. Die Ausstellung des Museums Neukölln eröffnet am 8. März. Informationen im Internet über alle Termine unter www.ausstellung- zwangsarbeit-berlin.de

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