Zeitung Heute : Erinnerung lebendig halten

Zentraler Ort der alljährlichen Veranstaltung in Berlin ist der Friedhof am Baumschulenweg

Silke Zorn

Friedhöfe – für die meisten Menschen sind es die Orte der Toten, der Trauer und des Abschiednehmens. Dass Friedhöfe aber auch Begegnungsstätten, Stätten des Trostes und der lebendigen Erinnerung sein können, das will jedes Jahr am dritten Wochenende im September der „Tag des Friedhofs“ zeigen. Am morgigen Sonntag ist es wieder soweit.

Ursprünglich initiiert durch den Bund deutscher Friedhofsgärtner (BdF) ist der „Tag des Friedhofs“ seit seinem Debüt im Herbst 2001 zu einer Veranstaltung herangewachsen, die bundesweit erhebliche Beachtung findet. Das Programm, das den Besuchern geboten wird und für das die einzelnen Städte und Gemeinden sowie die vor Ort ansässigen Friedhofsgärtner, Bestatter, Steinmetze, Floristen und Friedhofsverwaltungen nebst zahlreichen anderen Initiativen und Vereinen verantwortlich zeichnen, ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Gemeinsam ist den Beteiligten aber ein Ziel: Den Besuchern Geschichte und Tradition gewachsener Friedhofskulturen näherzubringen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich mit den Themen Friedhof, Bestattung und Tod auseinander zu setzen.

In Berlin und Potsdam wird der Tag des Friedhofs am morgigen Sonntag mit zahlreichen Führungen, Präsentationen, Konzerten und Informationsveranstaltungen begangen. Zentrale Veranstaltungsorte sind in diesem Jahr der Friedhof am Baumschulenweg in Berlin-Treptow und der Friedhof Goethestraße in Potsdam-Babelsberg.

An Baumschulenweg steht das zwischen 1996-98 errichtete Krematorium im Mittelpunkt des Interesses. Entworfen wurde es von dem Architekten Axel Schultes, der wenig später auch das Bundeskanzleramt realisierte. Betritt man den alten Teil des Friedhofs durch den Haupteingang an der Kiefholzstraße ist es kaum zu übersehen. Am Ende einer kleinen Allee aus jungen Bäumen thront der moderne Bau aus hellem Beton mit seiner gewaltigen Glasfront. Im Inneren des Gebäudes wachsen in einer weiten, lichtdurchfluteten Halle 29 Betonsäulen in die Höhe. In ihrer Mitte ist ein kleines rundes Wasserbecken in den Boden eingelassen.

Anhänger zeitgenössischer Architektur schwärmen von einem einzigartigen Raumerlebnis. Dennoch befällt so manchen Betrachter beim Anblick des Betonriesen auch eine gewisse Beklemmung. Abschied nehmen, trauern, gedenken – manch einer mag dafür einen intimeren Ort vorziehen. Eine eigene Meinung über Architektur und Technik des Krematoriums kann sich der Besucher morgen im Rahmen von einstündigen Führungen bilden, die um 10 Uhr und 14 Uhr stattfinden.

Zur gleichen Zeit kann man sich auch über den Friedhof führen lassen. Das weitläufige, mit ausladenden alten Bäumen bewachsene Gelände beherbergt unter anderem Ehrengräber für die Gefallenen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs und Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus.

Sehenswert ist auch der älteste Teil des Friedhofs, im Dreieck zwischen Südostallee und Britzer Zweigkanal. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. In unmittelbarer Nachbarschaft des modernen Krematoriums schlummern fast vergessene Grab- und Urnenfelder unter Efeu- und Brombeerranken friedlich in der Herbstsonne. Kunstvoll gehauene Urnensteine erinnern an Menschen, die hier bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ihre letzte Ruhestätte fanden. Ein Stückchen weiter führt ein mit Moos bewachsener Weg in ein kleines Wäldchen aus Birken und Eichen. Und auch hier stößt man im Unterholz immer wieder auf mit Spinnweben überzogene Grabsteine längst vergangener Epochen. Allein das entfernte Rauschen des Straßenverkehrs holt den Besucher in die Gegenwart zurück.

Mit Gegenwart und Zukunft, Leben und Tod beschäftigen sich auch zahlreiche Filme, die morgen in der kleinen Feierhalle des Krematoriums von 10 bis 17 Uhr wiederholt vorgeführt werden. In den rund halbstündigen Streifen „Willi will’s wissen: Wie ist das mit dem Tod?“ und „Abschied von der Hülle“ geht es um Tod und Trauer aus Sicht von Kindern. Zwei Filme des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge informieren über deutsche Soldatengräber in Wolgograd-Rossoschka und St. Petersburg-Sologubowka.

Wie arbeitet ein Steinmetz? Was muss ich über Dauergrabpflege wissen? Welche Möglichkeiten der Trauer- und Grabfloristik gibt es? Über diese und andere Themen rund um den Friedhof kann man sich morgen von 10 bis 17 Uhr an zahlreichen Informations- und Beratungsständen auf dem Friedhofsgelände informieren, kann mit Vertretern des Humanistischen Verbandes über die Wünsche und Erwartungen bei der Trauer um Verstorbene diskutieren oder sich die von den Künstlerinnen Babara Nowy und Éva Schmidt-Szilágyi gestalteten Urnen und Särge ansehen. Konzerte des Gitarristen Viktor Maximow und des Ensembles „ars gregoriana“ sowie eine Abschlussandacht mit dem Pfarrer Winfried Böttler um 16.30 Uhr runden das Programm ab.

Doch nicht nur am zentralen Veranstaltungsort Baumschulenweg wird man am „Tag des Friedhofs“ aktiv. Auch einige andere Berliner Friedhöfe haben sich für den morgigen Sonntag ein besonders Programm einfallen lassen. Auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde zum Beispiel findet um 15 Uhr eine Führung zu den restaurierten Grabanlagen der Sozialisten statt. Der Friedhof „Am Fließtal“ am Waidmannsluster Damm in Berlin-Reinickendorf informiert von 11 bis 15 Uhr rund um die Themenfelder Friedhof, Bestattung und Grabpflege.

In Potsdam rückt der kleine Friedhof Goethestraße im Stadtteil Babelsberg in den Vordergrund. Im August dieses Jahres stand er schon einmal im Rampenlicht – als dort die bekannte Ufa-Schauspielerin Ilse Werner bestattet wurde. Auch an der Goethestraße stellen Steinmetze, Floristen und Bestatter sich und ihre Arbeit vor. Friedhofsgärtner präsentieren Symbol- und Schaupflanzen. Es gibt Führungen über den Friedhof, der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge ist vertreten, der Verein „Tabea“ informiert über Trauerarbeit mit Familien und Kindern und die Malerin Bettina Hünicke stellt Aquarelle und Bleistiftzeichnungen aus. Außerdem kann man sich Lebend- und Totenmasken aus Bronze und Gips ansehen. Musikalisch untermalt wird die Veranstaltung durch ein mobiles Glockenspiel.

Mehr Informationen im Internet:

www.tag-des-friedhofs.de

www.stadtentwicklung.berlin.de

www.potsdam.de

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