ERINNERUNGEN AN 1968Peter Schneider liest aus „Rebellion und Wahn“ : Am besten bei Tempo 120

Gerrit Bartels

Es wirkt verdächtig termingerecht, wenn Peter Schneider mit „Rebellion und Wahn“ ausgerechnet jetzt seine „autobiografische Erzählung“ über 1968 veröffentlicht – zum 40-jährigen Jubiläum, da landauf, landab in allen Medien an 1968 erinnert wird. Andererseits ist wohl kein zweiter Schriftsteller so prädestiniert für eine solche Auftragsarbeit. Wie kaum ein anderer Autor aus dieser Generation kommt Schneider in seinem Romanwerk hartnäckigst auf seine 68er-Sozialisation zurück: sei es in seinen Neunziger-Jahre-Romanen „Paarungen“ und „Eduards Heimkehr“, sei es in seinem letzten Roman „Skylla“ (2005), in dem er seinen Helden Brenner in Italien durch die Begegnung mit einem alten Weggefährten von der 68er-Vergangenheit einholen lässt.

In „Rebellion und Wahn“ berichtet Schneider mit Hilfe seiner damals entstandenen Tagebuchaufzeichnungen davon, wie er zu einem der prominentesten Aktivisten der Jahre 1967/68 neben Rudi Dutschke, Bernd Rabehl oder Christian Semler wurde. Es ist überaus aufschlussreich, wenn Schneider seine politischen Verstrickungen, seine Begegnungen mit den wichtigsten Personen von damals nüchtern und reflektiert schildert. Es gibt auch schöne Anekdoten, etwa die von Günter Grass beim Skatspielen, als Schneider 1965 noch zum SPD-Redenschreiberteam gehörte. „Rebellion und Wahn“ ist jedoch immer dann unangenehm angeberisch und schwitzig, wenn Schneider sich seiner Liebeserlebnisse erinnert: „Und sie nahm mich, wo und wann es ihr gefiel. Im Kino, auf der Parkbank, im Fahrstuhl, im VW-Cabrio bei 120 auf der Autobahn.“ Gerrit Bartels

Schaubühne, Studio Di 18.3.,

20 Uhr, 8 €, erm. 6 €

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