ERINNERUNGEN AN DEN MAUERFALLThomas Rosenlöcher diskutiert : Westliches ab heute gratis

Noemi Hahnemann

Man hat ihm nicht nur sein Dresdner Sächsisch („Sprich anständig, Domas“), sondern auch sein „deutsch-deutsches Problemgesicht“ zum Vorwurf gemacht. Zwischen Polen und Wladiwostok hat sich der Dichter Thomas Rosenlöcher nach der Wende mehfach fragen lassen müssen, warum er sich über das vereinigte Deutschland so wenig freue: „So ein Glück wie ich hätte man dort auch einmal haben sollen: vierzig Jahre lang Westpakete bekommen und zum Schluss auch noch ganz Westdeutschland gratis dazu.“ Einen Grund hat er, ironisch-bitter, wie er in seinem ganzen Feinsinn ist, in den Aufsätzen seines Bandes „Ostgezeter“ genannt: „Bekanntlich bedeutet der Verlust der Diktatur auch den Verlust des Traums vom Verlust der Diktatur. Im hiesigen Fall kommt noch ein empfindlicher Verlust an Schimpfgegenständen hinzu.“

Wenn sich der 1947 geborene Rosenlöcher, einer der großen unterschätzten Lyriker dieses Landes, nun zusammen mit Katja Lange-Müller und Marcel Beyer im Gespräch mit Renatus Deckert an „Die Nacht, in der die Mauer fiel“ erinnert, braucht man keine Feierstundenlyrik zu befürchten. Da ist Raum für Ambivalenzen – und ein viel zu schnell abhandengekommenes Geschichtsbewusstsein. Die genannten Autoren sind drei von 25 Schriftstellern aus Ost und West, die Deckert für die gleichnamige Anthologie im SuhrkampVerlag (239 Seiten, 8,90€) eingeladen hat, ihre Erinnerungen festzuhalten. Im Vorwort beschreibt er Rosenlöchers Dresdner Wendetagebuch „Die verkauften Pflastersteine“ als aufschlussreichstes literarisches Zeugnis jener Zeit. Noemi Hahnemann

Akademie der Künste am Pariser Platz, Di 14.7., 20 Uhr, 5/3 €

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