Zeitung Heute : Erinnerungen auffrischen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Mein Mädchen kramt gerne in Erinnerungen, und das ist an sich auch eine tolle Sache, das tun wir doch alle. Was, wenn es nicht so wäre? Würden wir dann die Welt mit anderen Augen sehen? Würden wir immer noch Schröder wählen? Oder auch nur ein einziges Mal noch zu Hertha gehen? Gut, mein Mädchen wird nie zu Hertha gehen, tat sie noch nie, und das eine Mal, das zählte nicht, schließlich war damals noch ziemlich viel Mutter rund um sie. (Es war ein schönes Spiel, gegen Köln, 4:2, Alex Alves – was wurde eigentlich aus dem? – stand bei 0:2 im Mittelkreis, Preetz stößt an, spielt zu Alves, Alves haut drauf und TOR!)

Erinnerungen also. Fast ein Jahr ist es her, dass mein Mädchen an Bord der OS 0276 Berlin verlassen hat, und auch, wenn sie hier in Wien ein Leben hat, so denkt sie noch oft zurück. Immer wieder will sie zum Computer, die Bilder sehen: Ihre Kita von außen, ihre Kita von innen, die Kita-Freunde, Kita-Zahnputzbecher und ihr altes Kita-Zeichen. Sie lacht dann, gluckst und erzählt Geschichten, von denen ich nicht einmal die Hälfte verstehe.

Irgendwann las ich mal, dass man alles, was einem vor dem dritten Geburtstag passiert, später vergessen wird. Als mein Mädchen Berlin verließ, war sie noch nicht mal drei. Doch wann verblasst die Erinnerung? Keine Ahnung, ich warte nach wie vor auf den Verfall. Die meisten Namen von damals hat sie noch parat. Wenn ich sie frage, wo sie denn früher gewohnt habe, dann sagt sie immer noch „Oranienburger Straße“. Sie kennt noch den Dussmann samt der Spielecke, das Einstein mit den vielen Zeitungen und den Neuen See samt den Ruderbooten. Sie weiß, dass man in der Berliner Wohnung mit dem Lift bis in den siebten Stock hoch kam und nicht mühsam zwei Altbau-Treppen steigen musste, und dass es neben dem besten Spielplatz in Mitte ein Café mit wunderbarem Milchschaum gab. Und wenn man sie nach ihren besten Freunden fragt, dann fallen die Namen von zwei Berliner Bengels, die sie vor Monaten zuletzt gesehen hat, und noch ist das für sie so selbstverständlich wie die Milchflasche zum Schlafengehen.

Bloß: Wie lange noch? Rein sprachlich hat der Verfall schon begonnen, und das, obwohl wir oft das nicht unoriginelle Spiel „Mädchen sag, wie heißt das in Berlin“ spielen. Ich halte ihr dann eine Semmel hin und sie sagt „Schrippe“, eine Schaufel und sie sagt „Schippe“, einen Kübel und sie sagt „Eimer“, doch bei Apfelsaft, Frankfurter und Topfengolatsche steigt sie schon aus. Sie weiß das, und obwohl sie noch ziemlich klein ist, will sie was gegen das Vergessen tun.

Neulich flogen wir mal wieder nach Berlin. Seelenruhig räumte sie ihr Zimmer zusammen, packte ihre wichtigsten Spielsachen und – noch wichtiger – ihre Lieblingsklamotten zusammen, ja, sie war freudig erregt. Nur einmal geriet ihre Welt ins Wanken. Als wir schlussendlich ins Airport-Taxi stiegen, schaute sie mich verblüfft an und fragte: „Papa, und wann kommt der große Lastwagen?“ Dass man die Strecke nach Berlin auch ohne Umzugskisten bewerkstelligen kann, war ihr nicht klarzumachen. Erinnerungen eben.

Geborgte Erinnerungen gibt es am Spielplatz in der Auguststraße in Mitte. Unter der rechten Sitzbank ist der Name meines Mädchens eingraviert.

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