Erinnerungen : Zuhause in der Duftfabrik

Eine poetische Erinnerung an eine Kindheit in den Orangenplantagen von Zentral-Florida

Anne Hull

Within a Fragrant Grove

Mit verbundenen Augen hatte man meinen Vater mitten in einem Orangenhain ausgesetzt; nur anhand des Geruchs konnte er erraten, wo er war. Er stand einfach da und atmete tief ein. Die Bäume verrieten ihm Dinge, die kein anderer Zitrus-Mann von ihnen erfuhr. Für ihn atmeten sie angebrannte Marmelade oder versteckten sich schüchtern hinter Jasmin. Sogar ein von Krankheit befallener Hain strömte Süße aus, bevor er öffentlich für alle sichtbar verwelkte.
All diese Gerüche des Blühens und Verwelkens waren in meiner Kindheit eingeschlossen, an einem Ort namens The Ridge, übersetzt der Kamm. Komischer Name. Der Kamm erhob sich mit Mühe und Not über die Sümpfe und Schlucklöcher von Zentralflorida. Er erstreckte sich auf etwa 100 Meilen in Nord-Süd-Richtung, aber dieses geologische Plateau besaß die größte Dichte an Zitrushainen auf der Welt. Die überwältigende Menge an Bäumen machte den Kamm zu einer Duftfabrik der Natur, besonders im März, wenn die Bäume blühten und die Obstküchen loslegten. Die Luft roch, als wäre ein Lastwagen in eine Parfümerie gekracht. Der Geruch steckte in meinen Haaren und Kleidern und in jedem Molekül meines Bewusstseins. Schließlich kam der Tag, an dem ich diesen duftenden Ort zum ersten Mal verließ. Ich war fünf, und wir fuhren durch das Waldland Nordfloridas. Von den Zellstofffabriken am Fluss wehte der Geruch fauler Eier herüber und traf mich so stark, dass ich keuchend auf dem Rücksitz saß und ungläubig erkennen musste, dass die Welt auch stinken konnte. Ich war froh, dass wir nicht im Papiergeschäft waren.
Wir waren im Zitrusgeschäft, und das seit fünf Generationen. Mit dem Planwagen war meine Familie in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts aus Georgia gekommen. Die Damen, die ich später als Großtanten und Urgroßmütter kennen lernen sollte, bastelten spitzenverzierte Scrapbooks, in denen unsere Vorfahren als stocksteife christliche Pioniere auf der Suche nach einem besseren Leben porträtiert waren. Außerdem waren sie besiegte Südstaatler, die sich nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs neu erfinden mussten. Was auch immer sie waren, sie haben sich einen schrecklichen Ort ausgesucht, um haltzumachen. Dichtes Gestrüpp aus Palmettopalmen erwürgte den Boden und schnitt ins Fleisch. Moos ließ keine Sonnenstrahlen durch und glitzerte vor krabbelndem Getier. Es gab Stechmücken und giftige Schlangen, und es war so schwül, dass Esel im Geschirr tot umfielen. Der Boden schmatzte bei jedem Schritt. Die Luft war genauso suppig wieder Boden. Und wenn eine Stelle mal gerade ausgetrock</SB>net war, fing es sofort an zu regnen. Ohne einen Funken Ironie nannten die Siedler ihr Dörfchen „Hopewell“, also „Hoffnungsquelle“.
Wie die meisten dort baute unsere Familie zunächst Gemüse an, um genug Geld zu anzusparen, um Orangenbäume zu pflanzen. Unsere Matriarchin um die Hundertwende war eine schwarzäugige, primitive Baptistin namens Mamie, bei der stets ein Gewehr neben der Tür lehnte, falls es Ärger mit den „aufrührerischen Indianern“ in der Gegend geben sollte. Die Indianer hatten allen Grund, verärgert zu sein, denn die US-Regierung hatte ihnen gerade per Gesetz, dem so genannten „Armed Occupation Act“, ihr Land weggenommen, was ihnen nur die Wahl ließ, Hausbesetzer zu werden oder sich in den Westen deportieren zu lassen. Außer dem einen oder anderen mürrischen Indianer, der durch Mamies Garten streifte, gab es nie wirklich Ärger.

Bis ich schließlich auf die Welt kam, hatte das Mercury-Projekt bereits begonnen, und silberne Kapseln wurden von Floridas Küste aus ins All geschossen, aber unten auf der Erde, versteckt hinter uralten Eichen, lag Hopewell. Das Dorf war keine Pioniersiedlung im wilden Grenzgebiet mehr, sondern ein prächtiges Stück Land mit sorgfältig angeordneten Zitrushainen und den beiden ursprünglichen Häusern, dem großen und dem kleinen, die, immer noch Seite an Seite, eine überraschende, primitive Schönheit ausstrahlten. Mami lebte nicht mehr, Big Nanny war in die Stadt gezogen, und die Matriarchin zur Zeit meiner Geburt war meine Großtante Dot. Sie betrieb unseren Obststand am Highway mit handgemalten Schildern, die Autofahrern in altmodischen Großbuchstaben zuriefen: „Jetzt bremsen, die süßesten Orangen Floridas, 500 Meter". Das kleine Haus in Hopewell hatte einen ganz bestimmten Zweck. Jeder junge Mann in der Familie holte seine frisch Angetraute in das kleine Haus, um dort in das gemeinsame Eheleben zu starten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie meine Mutter den mit Muschelbruch gestreuten Weg herauf geritten kam, um ihre alttestamentarische Zukunft zu beginnen. Sie war nicht von dort, noch nicht einmal aus der Gegend. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein Jahr später, als sie schwanger war und ihre Fruchtblase platzte, wurde sie schleunigst in das moderne und klimatisierte South Florida Baptist Hospital gefahren. Zwei Tage später saß sie wieder auf der hölzernen Veranda in Hopewell und wiegte mich in der Junihitze in den Schlaf.

Das Gedächtnis der ersten Jahre hat keine Geschichten zu bieten. Wir haben nur Fragmente, und eines meiner ersten ist Moos. Das Moos an den mächtigen Eichenbäumen Hopewells war im vergangenen Jahrhundert nur dicker geworden und ließ noch weniger Sonnenlicht durch; es war wie eine schwammige, poröse Barrikade, die die Familie über all die Jahre abgeschottet hielt. Mein Großonkel sang seine Kirchenlieder, während der Duft seiner Haine durch die Fenster seiner Kirche hereinströmte, die ein paar hundert Meter die Straße runter lag. Vor meinem Vater hatte nie ein Hull diese schattige Geborgenheit verlassen. Er beschloss, sein Glück am anderen Ende des Kammes zu suchen. Ich habe mich oft gefragt, was wohl gewesen wäre, wenn wir in Hopewell geblieben wären, eingehüllt in schützendes Moos, erstarrt in einer früheren Zeit, aber immerhin heil und unversehrt.
Die Dichterin Louise Glück hat einmal gesagt, dass wir die Welt ein einziges Mal ansehen, in der Kindheit; der Rest ist Erinnerung. Ich habe die Welt einmal angesehen. Es war ein Sommertag, und ich saß auf dem Beifahrersitz des verdreckten Ford meines Vaters. Wir waren unterwegs, um einen Zitrushain zu besichtigen. Seine wunderbare Nase, diese übernatürliche Waffe, die ihm den Weg zur Spitze der Zitrus-Leute des Kammes ebnen sollte, hatte gerade begonnen, ihn im Stich zu lassen. Auf dem Highway fuhren wir an einer Sträflingskolonne vorbei, die am Straßenrand arbeitete. Die Männer waren rot im Gesicht, und ihre schweren Fußfesseln schleiften am Boden, während sie das hohe Gras des Straßengrabens mähten. Ein Truck fuhr langsam ein kleines Stück vor der Kolonne her, und auf der Ladefläche saß ein Wächter mit einer Schrotflinte neben einem großen Wasserkanister. Wir fuhren schweigend vorüber. Mein Vater tastete seine Hemdtaschen nach seinen Zigaretten ab. Ich dachte, er suchte angestrengt nach einer Parabel zum Thema Recht und Ordnung. Stattdessen sagte er, dass er nur ein Sträflingskolonnenlied kenne: "The hobo told the bum. If you get any cornbread save me some.", was so viel bedeutet wie: "Es sprach der Vagabund zum Penner, wenn du etwas Maisbrot kriegst, lass mir etwas übrig."
Wir sangen es ein paar Male. Ich konnte an nichts anderes denken, als an die pelzigen Zungen und Gaumen der Gefangenen und den Wasserkanister, den sie nie erreichen würden. „Kennst du irgendwelche Lieder von 4-H? Das ist eine vom staatlichen US-Institut für Nahrungsmittel und Landwirtschaft geführte Jugendorganisation D.Red.“, fragte ich, aber da war der Orangenhain schon in Sicht gekommen. Über eine Schotterpiste ging es zu der grünen Wand aus Bäumen, vor der der Ford zögerte, als ob er abwöge, welche Chancen eine kantige Maschine aus Metall hätte, in die runde Welt der Orangen vorzudringen. Mein Vater schaltete runter. Der Sand war tief. Die großen Radialreifen suchten nach Halt. „Festhalten“, sagte er, und wir waren drin. Die vier Meter lange Stabantenne auf der hinteren Stoßstange peitschte mit einer Wucht durch die Bäume, die die halbe Natur runterschüttelte. Orangen und Blätter und die vertrockneten weißen Leichen der Blüten fielen durch die offenen Fenster ins Auto. Die Orangen rollten wie Betrunkene auf den Fußmatten umher. Grelles Sonnenlicht fiel in Scheiben durch die Baumschatten, und wir fuhren durch diesen flimmernden Film, der zu gut roch, um wahr zu sein.


Die Autorin lebt als Journalistin in Washington DC.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

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