Zeitung Heute : Erinnerungsklamotte

Der Tagesspiegel

Es ist unglaublich. Sechs Monate danach lassen sich die Tränen erneut nur schwer unterdrücken. Besonders aufrüttelnd klingt jenes dumpfe, laute Geräusch, das fortwährend zu hören ist. Es sind Menschen, die auf den Boden aufschlagen, Menschen, die in ihrer Verzweiflung aus dem 80. oder 90. Stock des World Trade Centers gesprungen waren. „Es regnete menschliche Körper“, erinnert sich ein New Yorker Feuerwehrmann. Dieser Feuerwehrmann war am 11. September, kurz nachdem das erste entführte Flugzeug aufgeprallt war, in die Lobby des Nord- Towers vorgedrungen, begleitet von dem französischen Kameramann Jules Naudet und dessen Bruder Gedeon. Sie wollten einen Dokumentarfilm über die Arbeit der New Yorker Feuerwehr drehen.

Das Material ist sensationell. Mit dreißig Kilogramm Ausrüstung am Leib rennen die Feuerwehrmänner zunächst ins World Trade Center. Was tun? Sollen sie auf Treppen achtzig Stockwerke nach oben laufen, um zu löschen? Hektische Gespräche. Die Funk-Kommunikation bricht zusammen. Plötzlich wird der zweite Tower getroffen. Was genau passiert ist, ahnt hier drinnen keiner. Alle anderen Amerikaner sehen George W. Bush im Fernsehen von Terrorismus sprechen. Vor Ort jedoch herrscht nichts als Konfusion. Plötzlich wird es laut. Der Süd-Tower stürzt gerade ein. Jules filmt weiter, mit einer Hand wischt er ständig die Kameralinse sauber. Wieder rennen alle. Dann ist bloß noch weißer Staub zu sehen. Eine seltsame, unheimliche Ruhe breitet sich aus. Jetzt gilt nur noch eines: Raus hier. In buchstäblich letzter Sekunde schaffen sie es, nicht unter den Trümmern des zweiten einstürzenden Towers begraben zu werden.

Es ist unglaublich. Der zweistündige Film „9/11“, der am Sonntagabend ohne Werbeunterbrechung auf CBS ausgestrahlt wurde, hätte das packendste Dokument des 11. Septembers werden können. Statt dessen wurde das Material verhunzt. Robert de Niro doziert eingangs langatmig über Mut und Heldentum. Die Szenen werden mit dramatischen Klavierakkorden unterlegt oder durch schrecklich bombastische Kirchenmusik künstlich aufgeladen. Im fünfminütigen Abspann sind alle getöten Feuerwehrmänner in Viererblocks zu sehen. Statt eines Dokumentarfilms ist eine platt-patriotische Erinnerungsklamotte entstanden. Vor Zorn trockneten die Tränen schnell. Malte Lehming

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