Erkältung : Verschnupfte Mongolen

Erkältung kommt von Kälte, so will es der Volksglaube. Und so werden beim leichtesten Anflug von herbstlicher Frische Schal und dicke Kapuzenjacke herausgekramt.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nur wer bis oben hin eingemummelt ist, übersteht die Attacke der Kältekeime unbeschadet. Soweit der Glaube. Mit handfesten Beweisen für die Kälte-Theorie hapert es dagegen etwas. Es könnte auch umgekehrt sein: Wärme begünstigt Erkältungen. Die winterliche Heizungsluft trocknet die Schleimhaut aus und macht sie empfänglicher für Schnupfenviren. Und das man mehr Zeit in geschlossenen und schlecht belüfteten Räumen verbringt, könnte das Übertragen von Krankheitskeimen zusätzlich fördern. Es gibt aber noch einen anderen möglichen Grund für mehr Erkältungen und Grippeerkrankungen im Winter: Vitamin-D-Mangel.

Vitamin D ist streng genommen kein Vitamin, sondern eher ein Hormon. Der Körper kann es selbst herstellen. Es wird unter dem Einfluss des UV-Lichts der Sonne in der Haut gebildet. Scheint sie nicht, kann der Vitamin-D-Spiegel im Blut deutlich zurückgehen, im Winter etwa kann er in nördlichen Gegenden um die Hälfte absacken. Das „Sonnenvitamin“ D ist wichtig für gesunde Knochen und stärkt das Immunsystem.

Wie sich das auswirkt, zeigt eine vor kurzem veröffentlichte Untersuchung an 250 mongolischen Schulkindern. Die dunklen, harten Winter in der Mongolei sind natürlich schlecht für den Vitaminhaushalt der Kinder, die praktisch alle viel zu wenig Vitamin D im Blut haben. Zwischen Januar und März bekamen 150 der Kinder Milch mit reichlich Vitamin D, die restlichen 100 dagegen lediglich Milch, die nicht angereichert war. Den Unterschied kann man übrigens nicht schmecken.

Die Kur war erfolgreich – die Zahl der Atemwegsinfekte, vulgo: der Erkältungen, sank in den drei Monaten in der Vitamin-D-Gruppe um die Hälfte. Das berichtet der Studienleiter Carlos Camargo von der Harvard-Universität im Fachblatt „Pediatrics“. Andere Untersuchungen, etwa zur Virusgrippe Influenza, deuten in die gleiche Richtung. Und es gibt historische Beispiele: Die Sanatoriumsaufenthalte für Tuberkulosekranke, wie in Thomas Manns „Zauberberg“, haben wohl durch reichlich Sonne das Vitamin D erhöht und damit die Körperabwehr verbessert.

Heißt das nun, dass wir künftig nur noch Vitaminpillen schlucken müssen, um gegen Schnupfen- und Grippeviren immun zu sein? Schön wär’s. So einfach ist es leider nicht. Viel hilft nicht unbedingt viel – wer also Vitamine in rauen Mengen schluckt, kann sich damit mehr Schaden als Nutzen zufügen. Zudem darf man nicht vergessen, dass die mongolischen Kinder einen deutlichen Vitaminmangel hatten, ihr geschwächtes Immunsystem wurde regelrecht aufgepäppelt. So schlimm steht es um unsere Vitaminversorgung nicht. Aber auch sie könnte häufig besser sein. Das gilt ganz besonders für ältere Semester. Wer die 65 überschritten hat, sollte sich überlegen, ob er Vitamin D nicht zusätzlich in Pillenform zu sich nimmt. Und natürlich: viel Sonne. Aber warm anziehen!

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