Zeitung Heute : Erlebnis Glänzendes

Er gilt als einer der wichtigsten Fixpunkte der Stadt. Für viele ist dieser Ball der Ball Berlins. Auch, weil manche erst gar nicht eingeladen sind.

Berlin? Ach, das wird schon. Stagnation und Katzenjammer waren gestern, heute ist Optimismus das Hauptthema – gut, wenn es auch gleich den Berliner Ball der Wirtschaft dominiert.

„Die Berliner finden ihre Stadt endlich auch so gut wie die zehn Millionen Touristen, die 2011 gekommen sind“, sagte Markus Voigt, der Präsident des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), in seiner Begrüßungsrede. Angesichts günstiger Konjunktur fehlt es nur noch an einem erfolgreichen Fußball-Bundesligisten – diesen kleinen Wermutstropfen goss Staatssekretär Stefan Kapferer als Stellvertreter des Wirtschaftsministers Philipp Rösler in die Wogen der guten Laune.

Doch außer dem erneuten Hertha-Versagen gab es generell nichts zu meckern an diesem Abend im ballerprobten Hotel Intercontinental. Überhaupt ist der Ball der Kaufleute als ebenso hochkarätig besetzte wie überhaupt nicht pseudoglamouröse Veranstaltung einer der wichtigsten Fixpunkte auf dem Terminkalender der Stadt. Zugekaufte Busenwunder, halbseidene Mattscheiben- Prominenz und Dschungelcamper bleiben draußen, drinnen sind die, die in der Stadt das Sagen haben, auch wenn sie außerhalb der inneren Zirkel der Wirtschaft nicht unbedingt bekannt sind.

Politiker machen sich rar, aber wenn sie doch kommen, sind sie Stammgäste. „Das ist der beste Ball der Stadt“, ruft der FDP-Hoffnungsträger Martin Lindner und unterdrückt eventuelle Einwände sogleich mit einem resoluten „Punkt!“ Und Thilo Sarrazin, mit dem er grad ein wenig politisiert hat, ergänzt nickend: „Und ich gehe auch auf gar keinen anderen.“ So ähnlich muss man sich das auch bei Gästen wie dem ehemaligen Schulsenator Klaus Böger oder seiner Vorgängerin Sybille Volkholz vorstellen, die hier freilich als Chefin des Bürgernetzwerks Bildung in durchaus offizieller Funktion feiert – und überdies von der Förderung durch den VBKI profitiert.

Ein Ball wie dieser funktioniert nicht ohne Sponsoren. An den zentral platzierten und fein hochglanzpolierten Neuigkeiten der Berliner Daimler-Niederlassung kam niemand vorbei, andere wie die Weberbank verkaufen eher immaterielle Werte. Vorstand Klaus Siegers sieht den Ball als herausragende Gelegenheit, Freunde und Kunden zu treffen, ohne gleich in Geschäftsgespräche zu verfallen. „Wir als regionale Privatbank können hier besonders gut die Nähe zur Wirtschaft pflegen“, sagt er. Den Zeitpunkt des Balls findet er aus der Sicht Berlins „extrem spannend“. Die Stadt befinde sich in einer klaren Aufbruchstimmung, die auf einer solchen Veranstaltung gefeiert und angeregt werden könne. Den regionalen Aspekt betonen alle, die sich zum Thema äußern, so auch Willy Weiland, der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands: „Das ist ja gerade der Witz“, lobt er, „dass sich hier die gute Berliner Gesellschaft trifft, das gibt es in dieser Form auf keiner anderen Veranstaltung.“

Und sie tanzen auch kaum anderswo so gern wie hier. Staatssekretär Kapferer hatte sich zwar zum Eröffnungstanz mit Mirijam Voigt mangels größeren Repertoires einen Walzer bestellt, doch rasch übernahmen routinierte Könner die Herrschaft auf dem Parkett, beispielsweise Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz, die sich in Zweisamkeit mit ihrem Mann als elegante Tänzerin erwies.

Der Rest ist Essen und Trinken, Stärkung für eine lange Ballnacht. Das Hotel warf seine ganze kulinarische Erfahrung in die Schlacht der 3000 Gäste, drehte frische Nudeln, öffnete unzählige Austern, hatte sogar den Spezialisten für fachgerecht gedrehte Sushi engagiert – denn ein großer Berliner Ball ist natürlich auch eine Gelegenheit, Weltläufigkeit zu demonstrieren. Vom Buffet blickte melancholisch ein kompletter Thunfisch – einer der wenigen, die an diesem Abend nichts zu lachen hatten.

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