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Wie machen wir Wissen verständlich? Forscher und PR-Profis kommunizieren auf vielen Kanälen – dabei hilft manchmal einfach ein Blick in den Himmel.

Peter Habison
Sternenklar sind Wissenschaftsthemen selten. Die meisten Einrichtungen beschäftigen heute Experten, um ihre Forschungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen – denn auch die Konkurrenz schläft nicht. Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb
Sternenklar sind Wissenschaftsthemen selten. Die meisten Einrichtungen beschäftigen heute Experten, um ihre Forschungen einer...Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wir leben in einer Zeit des beispiellosen technischen Fortschritts, die digitale Revolution und die Wissenschaften haben unser Leben in den letzten Jahrzehnten komplett verändert. Zudem haben die weltumspannende mobile Kommunikation und die neuen Medien schon wieder eine neue Umwälzung in Gang gesetzt, der gegenüber vor kurzer Zeit als modern geltende Technologien als vollständig veraltet erscheinen. Gleichzeitig boomen pseudowissenschaftliche Theorien und esoterische Angebote aller Art und sind oftmals schwer vom Bereich der seriösen Wissenschaft abzugrenzen. Sollten wir bei all dem heutigen Wissen und der Vielfalt ihrer Vermittlung nicht klarer sehen? Die Aufgaben, Ziele und Ergebnisse der Wissenschaft nicht besser einordnen und verstehen können?

Die Antwort gleich vorweg: Nein, leider nicht, denn gerade die Kommunikation unseres Wissens an breite Schichten der Bevölkerung ist das Problem und die zentrale Herausforderung. Über viele Jahrzehnte war es Wissenschaftlern nicht wichtig, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit adäquat mitzuteilen – ja, es war nicht einmal erforderlich. Oft waren es nur einige wenige Wissenschaftler in großen Forschungseinrichtungen, die Spaß an der Vermittlungsarbeit hatten und in ihrer Freizeit Vorträge hielten, Interviews gaben, Präsentationen zusammenstellten und den Prozess der Übersetzungsarbeit für die Öffentlichkeit gestalteten. Speziell dafür ausgebildet waren sie allerdings nicht.

In den letzten Jahren veränderte sich dieses Bild jedoch stark. Durch die zunehmende Konkurrenz um die Genehmigung von Budgetmitteln der öffentlichen Hand und den Wettbewerb um Drittmittel hat die Wissenschaftskommunikation stark an Bedeutung, medialem Einfluss und Professionalität gewonnen. Die meisten akademischen Einrichtungen und Fachgesellschaften beschäftigen inzwischen Public Relations Beauftragte, die Anforderungen und das Selbstverständnis der Wissenschaftskommunikation haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Der Kommunikationsprozess hat wesentlich an Bedeutung gewonnen. Oft wird heute das Ergebnis des Wissenschaftlers nicht direkt an den Journalisten weitergeleitet, sondern in einem Zwischenschritt von einem Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit aufbereitet und erst danach an die Medien übermittelt. So können die nur allzu unterschiedlichen Welten von Wissenschaft und Journalismus besser überbrückt werden. Zusätzlich kann der Vermittler weitere Aufgaben wie ein zeitliches und organisatorisches Management der Datenaufbereitung übernehmen oder gezielte Projekte für die Vermittlung initiieren.

In Wahrheit ist der Kommunikationsprozess noch komplexer und vielfältiger – gibt es heute doch eine Vielzahl von Vermittlungskanälen an die Öffentlichkeit wie Webseiten, Blogs, Apps und das Gebiet der Sozialen Medien. Hier vollzieht sich bereits ein erneuter Paradigmenwechsel mit Blick auf interaktive Kommunikationsplattformen wie Science Blogs und Open Innovation. Ein Modell hierfür ist das „Crowdsourcing“ von Forschungsdienstleistungen, wobei traditionell interne Teilaufgaben der Produktentwicklung an freiwillige Benutzer ausgelagert werden – wie bei der freien Internetenzyklopädie Wikipedia.

Wir müssen immer verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation in Erwägung ziehen, und nicht jeder Inhalt ist für jede Art der Kommunikation gleichermaßen geeignet. Die Bandbreite der Wissenschaftskommunikation – der sogenannte Kommunikationsraum – ist breit gefächert. Das Spektrum reicht von der formalen Bildung in Schulen und Universitäten über informelle Bildungsprogramme in Weiterbildungseinrichtungen, Museen, Bibliotheken und Wissenschaftszentren, weiter zu PR-Aktivitäten in den Medien, zu Presseinformationen, Pressekonferenzen und Medieninterviews bis zur Platzierung von Werbeartikeln, Branding und der Unterstützung von Testimonials.

Welches Element des Spektrums zur Kommunikation ausgewählt wird, sollte daher im Vorfeld genau überdacht und nach einem Kommunikationsplan entwickelt werden. Die Aufgabe und Kunst besteht nun darin, für einen spezifisch zu vermittelnden Inhalt an eine spezielle Zielgruppe die richtige Zusammenstellung des Kommunikationsportfolios zu finden. Dass die Lösung dieses Problems nicht Aufgabe des Wissenschaftlers sein kann, versteht sich von selbst.

Im letzten Jahrzehnt entstanden somit ein neuer Tätigkeitsbereich und der Beruf des „Wissenschaftschaftskommunikators“. Ein neues Arbeitsfeld, aber gab es nicht schon ähnliches seit langer Zeit? Unsere Frage führt uns himmelwärts, in die Welt der Sternenkunde. Die Astronomie als älteste der Wissenschaften übt eine natürliche Anziehungskraft auf Jung und Alt aus. Sie handelt von den großen Fragen der Menschheit, von der Entstehung des Universums über die Entwicklung der Sterne und unserer Milchstraße, der Geburt unseres Sonnensystems bis hin zum blauen Planten Erde auf seinem Weg um die Sonne. Die Astronomie nimmt eine Sonderstellung unter den Wissenschaften ein, denn der gewölbte Himmel über unseren Köpfen verbindet uns untrennbar mit unserem täglichen Leben.

Seit Jahrtausenden hat die Menschheit den Himmel gemalt, beschrieben, besungen und seit etwa 160 Jahren fotografiert. Beispielgebend in den letzten Jahrzehnten sind sicher die Bilder des Hubble Weltraumteleskops oder der Teleskope der ESO in Chile, die es regelmäßig auf die Titelseiten von Zeitungen und Journalen schaffen. Darüber hinaus beobachten Tausende Amateurastronomen täglich den Himmel. 2009 entstand die Initiative „The World at Night“. Ziel ist die Veröffentlichung von Bildern beeindruckender Orte und Landschaften vor dem Hintergrund des Himmelszelts. Oft sagt hier ein Bild „mehr als tausend Worte“, und die ein solches schaffenden Menschen werden unvermittelt zu Wissensvermittlern.

So schließt sich der Kreis und wir sehen, dass die Kommunikation von Wissenschaft immer auch integraler Bestandteil der Wissenschaft selbst war, tagtäglich ist und in der Zukunft verstärkt sein wird.

Der Autor ist Astronom und Physiker und leitete von 2000 bis Februar 2013 die Sternwarte der Urania Wien. Seit 2011 leitet er im Technischen Museum Wien das Projekt „Astronomie & Weltraumwissenschaften“.

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