Zeitung Heute : „Ermutigungen für den Alltag“

Zwischen romantischer Schwärmerei und finsteren Bedrohungsängsten: Außenminister Frank-Walter Steinmeier über den Austausch mit Russland und die auswärtige Kulturpolitik

Herr Minister Steinmeier, Sie haben die Schirmherrschaft über die Ausstellung „Macht und Freundschaft“ übernommen. Was hat Sie dazu bewogen?

Ganz einfach: Ich bin überzeugt, dass wir nicht nur auf das politische Tagesgeschäft schauen dürfen. Natürlich gibt es da in Russland Entwicklungen, die wir kritisieren. Wir müssen aber auch in längeren Linien denken, die Dinge in ihren Kontext einordnen. Und da haben wir doch nach dem Ende der Sowjetunion endlich die Chance, die russische Kultur wieder sehr viel stärker in Europa zu integrieren. Anders als bei China oder Indien ist die kulturelle Tradition Russlands doch zutiefst westlich, europäisch. Und endlich können wir versuchen, das zusammenzuführen, was durch den Kalten Krieg viel zu lange geteilt war. Ich meine, so manche Chance haben wir verpasst, weil die tagesaktuellen Schlagzeilen im Vordergrund standen. Die Ausstellung zeigt, wie eng die Verbindungen zwischen den Dynastien und den Königshäusern waren und wie viel Nähe einst zwischen Nachbarn entstand, die keineswegs natürliche Verbündete waren.

Geben wir genügend Geld aus, um den kulturellen Austausch so zu fördern, dass die Menschen wissen, was in dem jeweils anderen Land vor sich geht?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht unbedingt an Geld fehlt. Staatliches Geld steht zur Verfügung, möglicherweise nicht genug. Aber bei großen Ausstellungen und Bildungsvorhaben haben wir immer wieder auch die Unterstützung von Stiftungen und aus der Wirtschaft. Woran es allerdings oft fehlt, sind Erfahrungen in der Kooperation. Hier müssen wir noch mehr Chancen schaffen, solche Erfahrungen zu sammeln.

Nun hat es in den vergangenen Jahren groß angelegte kulturelle Austauschprojekte gegeben, etwa die „Deutsch-Russischen Begegnungen 2003/2004“. Welchen langfristigen Erfolg messen Sie solchen Veranstaltungen bei?

Großprojekte wie diese Ausstellung – das sind Leuchttürme im kulturellen Austausch. Und Ermutigungen für den kulturellen Alltag. Ich sehe jedenfalls große Neugier an dem, was in Russland geschieht, übrigens nicht nur im Bereich der Bildenden Kunst, sondern auch im Bereich der Musik, der Literatur und des Films.

Neugier, ja – aber nicht eher Angst? In Deutschland herrscht offenkundig, auch in der Politik, immer noch enorme Skepsis.

Ja, das unterscheidet vielleicht die aktuelle politische Diskussion von der Diskussion über den kulturellen Austausch. Oft sehen wir Neugier im Bereich der Kultur und stattdessen Skepsis, ja sogar Angst bei der Politik. Natürlich gab es Momente in Russland in den letzten 15 Jahren, in denen wir Kritik üben mussten. Aber wir sollten uns vor allzu leichten Vereinfachungen hüten.

Wie stark wird das deutsch-russische Verhältnis von Irrationalität geprägt?

Gerade diese Ausstellung zeigt doch: Selbst in guten Phasen gab es in unserem Verhältnis immer wieder Schwankungen zwischen romantischer Schwärmerei und finsteren Bedrohungsängsten. Auch die schreckliche Erfahrung zweier Weltkriege mit Millionen von Toten dürfen wir nicht vergessen. Das hat die Wiederannäherung erschwert. Gerade erleben wir viele Jahrestage, die damit zu tun haben. 2009 jährt sich der Hitler-Stalin-Pakt zum 70. Mal. Vielleicht sind wir jetzt so weit, dass sich russische und deutsche Historiker gemeinsam mit polnischen und baltischen einmal zusammensetzen, um den Umgang mit unserer gemeinsamen Geschichte abzugleichen oder zu hinterfragen.

Die persönliche Erfahrung zeigt, dass in Russland die Sympathie für Deutschland und für deutsche Kultur ungeachtet der furchtbaren Geschichte außerordentlich hoch ist. Tragen wir diesem Interesse genügend Rechnung?

Ich meine, dass wir das Potenzial der auswärtigen Kulturpolitik noch lange nicht ausgeschöpft haben. Willy Brandt hat sie die „Dritte Säule der deutschen Außenpolitik“ genannt, aber in der Vergangenheit wurde ihr Wert nicht immer ausreichend erkannt. Seit zwei Jahren sind wir aber auf einem deutlich besseren Weg. Wir haben mehr Möglichkeiten geschaffen – auch im Verhältnis zu Russland. Und wir sind im engen Gespräch mit den Kulturmittlern, daran entsprechend mitzuwirken.

Ist Kulturaustausch ein Thema auch auf höchster politischer Ebene?

Ganz klar: Ja! Kultur ist für mich ein sehr wichtiger Bestandteil der bilateralen Beziehungen. Hinzu kommt im Verhältnis zu Russland der erfreuliche Umstand, dass beide Außenminister kulturell interessiert sind. Mein russischer Kollege betätigt sich nicht nur als Literat, sondern spielt auch klassische Gitarre!

Das deutsch-russische Verhältnis wird weiterhin vom Thema Beutekunst belastet.

Manchmal frage ich mich, ob die öffentliche Behandlung des Themas in der Vergangenheit wirklich dazu beigetragen hat, dieses Problem zu lösen. Und es wird nicht weiterhelfen, das ungelöste Problem als Prügel zu benutzen. Deshalb setze ich auf Entkrampfung.

Auf russischer Seite ist mit dem Duma-Gesetz von 1999 eine Situation geschaffen worden, die man im Grunde nicht mehr auf dem Verhandlungswege lösen kann. Sehen Sie einen Weg, aus dieser verfahrenen Rechtssituation jemals herauszufinden?

Auch wenn es ein Duma-Gesetz gibt: Sie kennen die völkerrechtliche Lage, auf deren Basis wir in dieser Frage weiter nach Lösungen suchen. Ich kann nicht versprechen, dass das in kurzer Frist möglich ist. Insbesondere würde ich diese Frage nicht zur Voraussetzung für den kulturellen Austausch machen.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Museen ist am stärksten von Verlusten durch die kriegsbedingte Verlagerung von Kulturgütern betroffen. Die Stiftung ist andererseits ein Hauptakteur der deutschen Kulturaußenpolitik und von daher gezwungen, im Umgang mit Russland stets die Beutekunst-Frage anzusprechen.

Ja, aber ich finde, gerade der scheidende Präsident, Klaus-Dieter Lehmann, hat doch gezeigt, dass man dennoch nicht aufhören muss, den kulturellen Austausch zu fördern. Lehmann hat vorgemacht, wie man seine Rechtsstandpunkte wahren und dennoch nach vorn schauen kann. Die großen Ausstellungen wie die zu den Merowingern sind unter seiner Präsidentschaft zustande gekommen – für mich der Beweis, dass beides miteinander geht. Ich bin mir sicher, dass das seinem Nachfolger Hermann Parzinger genauso gelingt, noch dazu mit seiner großen Russlanderfahrung.

Gerade das Beispiel Russland zeigt das große Interesse an einer spezifisch deutschen Kultur. Sie selbst haben einmal formuliert, dass Sie es begrüßen, deutsche Kultur, Demokratie und Lebensweise in ihrer Breite zu repräsentieren.

Ja, ich begrüße es nicht nur – es ist die Aufgabe der Kulturmittler, deutsche Kultur im Ausland zu vertreten. So verstehen sie ihre Aufgabe ja auch selbst. Aber die Bedingungen dafür waren nicht günstig. Zehn Jahre lang wurden die Haushalte der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik abgeschmolzen. Selbst das stolze Schiff des Goethe-Instituts geriet in schwieriges Fahrwasser! Ich freue mich, dass es mithilfe des Deutschen Bundestages in den letzten zwei Jahren gelungen ist, diesen Trend umzukehren. Das Goethe-Institut ist weltweit wieder auf gutem Kurs. Und wir ergänzen das durch Initiativen im Bereich der deutschen Sprache, bei deutschen Schulen und – ab dem nächsten Jahr – in der Außenwissenschaftspolitik. Ich hoffe, dass wir auch dafür die Unterstützung im Parlament finden.

Es gab zwischenzeitlich die Idee, Goethe-Institute in außereuropäischen Regionen ganz in europäischen Kulturinstituten aufgehen zu lassen. Zunächst unter einem gemeinsamen Dach, aber dann auch als europäisches Haus mit mehreren Türen, links Frankreich, rechts Deutschland …

Nach zwei Jahren Erfahrung als Außenminister sage ich: Das entspricht nicht der Erwartungshaltung, auf die ich in Asien, Afrika und Südamerika treffe! Wir sind nicht gegen Kooperationen. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Aber wir sollten sehen, dass in Brasilien, Ghana oder China weiterhin ein sehr großes Interesse besteht an einem spezifischen Angebot deutscher Kultur.

Ist Deutschsein attraktiv?

Ich war kürzlich in Vietnam. Dort gibt es hunderttausend Menschen, die gut Deutsch sprechen und zum großen Teil in Deutschland ausgebildet wurden. Dort gibt es eine große Nähe zu Deutschland und einen Bedarf an entsprechenden Kulturangeboten, den wir kaum zufriedenstellen können. Und auch wir haben doch ein Interesse daran, uns gut und verständlich darzustellen. Das eröffnet Zugangsmöglichkeiten zu deutscher Kultur, die sonst nicht selbstverständlich sind.

Welche Sprachen sollen in Zukunft erlernt werden? Deutsch?

Die Frage ist entschieden, der erste Platz des Englischen steht nicht infrage. Wir sehen aber auch die Bedeutung der deutschen Sprache – mit 100 Millionen Muttersprachlern, dazu als wichtige Zweitsprache gerade in Mittelosteuropa. In Hanoi sagte mir ein vietnamesischer Übersetzer: Die Sprache Goethes hat immer noch einen guten Klang!

Das Gespräch führten Stephan-Andreas Casdorff und Bernhard Schulz.

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