Ernährung : "Wir können Schüler auf den Geschmack bringen"

Nach der neuen Verzehrsstudie sind vor allem Kinder aus unteren sozialen Schichten schlecht ernährt. Ein Gespräch mit Birgit Veyhle, die in Hamburg ein Sozialprojekt für Schulessen leitet.

Ja, das können wir bestätigen. Wir, das Laurens-Janssen-Haus, stellen in Hamburg Schulessen und -frühstücke her und betreiben auch in einer Schule eine Kantine. Wir haben zwar nicht ausschließlich mit sogenannten Unterschichtenkindern zu tun. Aber wir sehen, dass vor allem bei ihnen die Ernährungsprobleme zunehmen.

Ist Übergewicht in niedrigen sozialen Schichten ein Problem des fehlenden Geldes – oder eine Folge mangelnden Wissens über gute Ernährung?

Da kommen einige Dinge zusammen. Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle. Man muss sehen, dass die Eltern dieser Kinder oft seit Jahren schon mit dem Problem Arbeitslosigkeit konfrontiert sind. Im Elternhaus wächst die Distanz zwischen Arbeit und Kultur. Man geht nicht mehr zur Arbeit, das Fernsehen spielt eine größere Rolle, auch die Anfälligkeit für Werbung steigt. Diese Werbeanfälligkeit kann dazu führen, dass versucht wird, die materielle Unterversorgung durch den Kauf von beworbenen Produkten zu kaschieren. Dabei geht es um Fertigprodukte oder Fast Food. Dadurch geraten Menschen dann in eine mangelhafte Ernährung. Das ist zumindest eine Vermutung, die man anstellen kann.

Sie haben davon gesprochen, dass sie als freier Träger Hamburger Schüler mit Essen versorgen. Wie sieht das konkret aus?

Unsere Schul- und Stadtteilkantine befindet sich in Hamburg-Veddel, einem Gebiet mit hohem Migrantenanteil. Das Laurens-Janssen-Haus ist Teil einer gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft. Wir organisieren Beschäftigung für Menschen in Hartz IV. Es geht um sogenannte Ein-Euro-Jobs, wobei die Beschäftigten eine etwas höhere Aufwandsentschädigung bekommen, nämlich 1,40 Euro pro Stunde. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Arbeit zu bringen. Unsere Stärke als Beschäftigungsgesellschaft ist dabei, dass wir auch eine soziale Interpretation des Instrumentes Hartz IV machen. Es geht nicht darum, die Menschen mit irgendetwas zu beschäftigen, sondern mit etwas gesellschaftlich Sinnvollem. Mit diesen Menschen, die bei uns befristet beschäftigt sind, stellen wir eben Schulessen und Schulfrühstücke her. Weil wir kein direktes Gehalt bezahlen, können wir die Kosten für das Essen auf der anderen Seite auch sehr niedrig halten und den Schulkindern eine ausgewogene Ernährung bieten. Das Geld, das sie von zu Hause mitbekommen, fließt dann nicht in Dinge wie Schokocroissants oder ein trockenes Brötchen, sondern zum Beispiel in KäseObst-Spieße, in Milchreis oder Gemüsetaschen.

Wie reagieren die Kinder darauf, wenn sie von Ihnen ein anderes Essen geboten bekommen als zu Hause?

Sie reagieren ganz überwiegend positiv und nehmen es gerne. Sie sagen dann auch, dass es lecker geschmeckt hat. Und es wird schon mal Essen getauscht. Es kommt zum Beispiel vor, dass ein Kind ein Schulbrot, das es von zu Hause mitgebracht hat, gegen Obst eintauscht, das ein anderer Schüler bei uns gekauft hat.

Ernährungsminister Horst Seehofer will sich nicht für ein eigenes Schulfach Ernährungskunde einsetzen. Glauben Sie, ein solches Fach wäre sinnvoll?

Ich fände das sehr sinnvoll. Schüler können Praktika bei uns machen. Sie sehen dann, wie frisches Obst und Gemüse verwendet wird. Auch unsere Essensproduktion kann vor Ort direkt eingesehen werden. Natürlich gibt es da auch mal Pommes frites. Kinder mögen Pommes – und ab und zu darf es sie auch mal geben. Wir bieten Kartoffeln auch in vielen anderen Formen an. Die Kinder bekommen das Essen in einer größeren Vielfalt geboten als vielfach zu Hause. Sie werden durch diese Praktika ganz anders an das Thema Ernährung herangeführt. Dadurch werden sie möglicherweise weniger anfällig für Fast Food. Es hilft einfach, wenn Kindern schon in der Schule von Lehrern an gesundes Essen herangeführt werden. Wir können zwar die Welt nicht verändern, wir können Schüler aber durchaus auf den Geschmack bringen.

Birgit Veyhle ist Leiterin des Laurens-Janssen-Hauses in Hamburg-Veddel. In diesem Sozialprojekt werden Schüler mit Schulessen und -frühstücken versorgt.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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