Erneuerbare Energien : Beginn der heißen Phase

Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore hat gefordert, die USA sollten in zehn Jahren ihren kompletten Strom aus erneuerbarer Energie beziehen. Wie realistisch ist das?

Harald Schumann

Al Gore hatte seinen kühnen Plan gerade erst in einem Kongresszentrum nahe dem Weißen Haus vorgestellt, da erhielt er Unterstützung von unerwarteter Seite: „Wenn er sagt, es ist machbar, dann glaube ich, dass es machbar ist“, erklärte ausgerechnet John McCain, der republikanische Präsidentschaftskandidat, dessen Partei traditionell der Öl- und Kohleindustrie nahesteht. McCains Kommentar spiegelte wider, was auch Gore in seiner Rede mehrfach ansprach. Angesichts des drohenden Klimawandels und der massiven Steigerung der Energiepreise ist die Bereitschaft der USBevölkerung, einen radikalen Umbau der Energieversorgung zu unterstützen, so groß wie nie zuvor.

Die nötigen Anstrengungen wären allerdings gigantisch. Bisher erzeugt die USWirtschaft gerade mal acht Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen. Mehr als die Hälfte des US-Bedarfs wird mit Kohlekraftwerken erzeugt, ein Fünftel steuern die 103 Atomkraftwerke des Landes bei, den Rest bestreiten mit Erdgas betriebene Generatoren.

„Rein technisch“ sei Gores Plan gleichwohl „durchaus machbar“, meint der Berliner Energieexperte Hans-Joachim Ziesing, der seit Jahrezehnten über die globalen Energiemärkte forscht. Das größte Potenzial liege dabei in der Steigerung der Effizienz. Pro Kopf verbrauchen die US-Bürger fast doppelt so viel Strom wie zum Beispiel die Deutschen. Allein durch Einsparungen könnte ein erheblicher Teil der Kohlekraftwerke überflüssig gemacht werden, erwartet Ziesing. Zudem gebe es genügend Flächen in Wüsten und Prärien, wo Windaufkommen und Sonnenstrahlung ideal seien für die Errichtung von großen Windparks und solarthermischen Kraftwerken. Einige Investoren haben auch schon mit entsprechenden Projekten begonnen. So startete jüngst der Ölmilliardär Boone Pickens die Errichtung eines zwei Milliarden Dollar teuren Windkraftwerks nahe der texanischen Stadt Pampas. Würde der „Windkorridor“ auf den Ebenen zwischen der kanadischen Grenze und Texas richtig genutzt, könne binnen zehn Jahren ein Fünftel der Stromerzeugung auf Windkraft umgestellt werden, kalkuliert Pickens. Parallel dazu steigen Stromversorger in Florida und Kalifornien in den Bau von thermischen Solarkraftwerken ein. Diese nutzen mit Spiegeln konzentriertes Sonnenlicht, um in einem Röhrensystem Hochdruckdampf zu erzeugen, der wie in klassischen Kraftwerken eine Turbine antreibt. Weil die Wärme in Salzspeichern aufbewahrt werden kann, können die Anlagen auch während der Nacht Strom liefern. Der australische Hersteller Ausra gab jüngst bekannt, er werde in den USA Anlagen mit einer Leistung von 1000 Megawatt bauen. Gemessen an Gores Ziel sind all diese Pläne jedoch allenfalls ein Pilotprogramm. Gore gab denn auch zu, dass sein Konzept zunächst den weiteren Betrieb der bisherigen Atomkraftwerke vorsehe.

Aber auch unter diesen Voraussetzungen sei es fraglich, ob der Umbau der übrigen Versorgung binnen eines Jahrzehnts zu bewältigen sei, meint Marktkenner Ziesing. Die Vorlaufzeit für die benötigten Anlagen und Stromleitungen betrage in der Regel mehrere Jahre. Auch müssten die bisherigen Stromproduzenten erst noch dafür gewonnen werden. Schließlich hätten diese zig Milliarden Dollar in ihre laufenden Kraftwerke investiert. Entsprechend verhalten fiel der Kommentar des Branchenverbandes „Edison Electric Institute“ aus. „Mit den Erneuerbaren allein kommen wir nicht aus“, sagte ein Sprecher. Benötigt würden auch mehr Atomkraftwerke und Kohlemeiler, in denen Kohlendioxid abgefangen und gespeichert werden kann. Auch Claudia Kemfert, Leiterin der Energieabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hält Gores Zehnjahresfrist für zu kurz. „Da hätte man vor 25 Jahren beginnen müssen“, sagte Kemfert.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, ein langjähriger Streiter für die „Solarwende“, weist diese Einwände zurück. Gewiss sei Gores Plan „ein absolutes Crash-Programm“. Aber „wer die Bedrohung durch den Klimwandel ernst“ nehme, der müsse „in solchen Dimensionen planen“, sagt er. Das war auch Gores zentrales Argument. Wer sage, zehn Jahre seien nicht genug, möge bedenken, dass „uns die führenden Experten sagen, dass wir in weniger als zehn Jahre entweder die CO2-Verschmutzung dramatisch mindern oder die Fähigkeit verlieren, uns jemals von dieser Umweltkrise zu erholen“, warnte er.

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