Erneuerbare Energien : Offshore-Windräder in der Nordsee

Strom aus der Wüste? Eine Zukunftsvision. In der Nordsee aber, gut 40 Kilometer hinter Borkum, ist eine große Idee schon Gegenwart: Hier entstehen Deutschlands erste Offshore-Windräder. Aber keiner hat geahnt, wie kompliziert dieses Projekt werden würde. Ein Arbeitsbesuch auf hoher See.

Deike Diening[Nordsee]
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Strom aus der Wüste? Eine Zukunftsvision. In der Nordsee aber ist eine große Idee schon Gegenwart: Hier entstehen Deutschlands...Foto: dpa

Bei 1,50 Meter Wellenhöhe liegt die Kotzgrenze. Gestern waren sie drüber. Doch um halb sechs Uhr früh an diesem Julimittwoch betreten unverdrossen, aber ernst an der deutschen Nordseeküste vor den ostfriesischen Inseln im Hafen von Norddeich unter Möwengeschrei ein gutes Dutzend Männer in Arbeitskluft das Versorgungsschiff „Windforce I“. Ein Name, so unbescheiden wie das ganze Projekt. Der Maschinist hievt einen rollenden Kühlschrank an Bord. Die Männer, die den ersten deutschen Offshore-Windpark bauen, lagern auf Kisten, empfindlichen elektronischen Prüfgeräten und Kletterausrüstung und halten ihre Nasen in Kaffeebecher. Sie haben drei Wetterdienste verglichen, die ein Gewitter für möglich halten, sie sind gespannt und still, weil man den Unwägbarkeiten eines Arbeitstages auf hoher See nur mit Konzentration begegnen kann. Es sind Elektro- und Glasfasertechniker, Projektsteuerer, ein Profitaucher. Kapitän Johann Schröder zündet den Motor.

Auf dem Arbeitsdeck der „Windforce 1“ trägt der politische Wille Schwimmweste. Es ist der Wille, bei der Energiegewinnung für die Menschheit eine grundsätzliche Wende einzuläuten. Und noch während die Welt über „Desertec“ staunt, das verwegene Projekt Wüstenstrom für Europa, ist vor der deutschen Küste das Unternehmen Offshore zu einer zehnjährigen Saga geworden. Bis 2030 sollen 15 Prozent des deutschen Stroms aus Seewind gewonnen werden, 18 Windparks sind in der Nordsee genehmigt, weitere Verfahren laufen, seit Jahren wird um die Bedingungen gekämpft. Doch erst seit Mitte Juli hängen die ersten Rotoren im ersten Testfeld „Alpha Ventus“, das bis Ende des Jahres zwölf Räder umfassen und damit allein 50 000 Haushalte versorgen soll. Die wenigsten konnten sich vorstellen, dass sich die Windkraft an Land zur Windkraft auf See in puncto Wagemut, Logistik, Recht, Geowissenschaft und Finanzbedarf verhält wie eine Berliner S-Bahn-Unterführung zur Durchquerung des Schweizer Gotthardmassivs.

Das hier, ruft Kapitän Schröder nordwärts in das Motordröhnen, wird einmal eine Attraktion. Neben den Fahrten zu Robbenbänken und mit Krabbenkuttern werde es in Zukunft Ausflüge zu den Offshore-Parks geben, komplett mit Strandkorb auf Deck. Vermutlich werden die Kapitäne am Mikrofon die Superlative herunterrattern, die enorme Wassertiefe bis 35 Meter, die mit fünf Megawatt größten Anlagen auf dem Weltmarkt, die mit 80 Kilometern enorme Entfernung zur Küste. Und während sich drehend die Investition amortisiert, werden sie humoristisch erzählen wie extrem aufgeladen das Projekt war. Vonseiten der Politiker, der Wissenschaftler und der Wirtschaft. Vielleicht werden die Leute noch ein bisschen seekrank, aber ansonsten wird alles so harmlos aussehen, wie es niemals war.

Dass dies hier keinesfalls harmlos ist, das mögen die Männer, die sich für diese Jobs beworben haben. Auch deshalb sind sie hier, die jetzt auf der Ladefläche sitzen und einmal ganz normale Elektriker, Glasfasertechniker und sogar Dachdecker waren, bis sie in Rotterdam ein Hochseesicherheitstraining gemacht haben und sich ihr Leben änderte. Jetzt sind sie Elektriker mit Abenteuer-Diplom. Pioniere. Jeder, der hier ist, hat sich in einem Wasserbecken aus einem gesunkenen Helikopter befreien müssen, sie drückten die Scheiben ein, erhielten eine Kletterausbildung und einen Rettungskurs. Jeder für sich hat gehofft, seefest und schwindelfrei zu sein. Wie sonst kann ein Kölner Glasfasertechniker wissen, ob er seefest ist? Und die Sache enttäuscht sie nicht: Zusammenhalt. Auch Stolz. Farbe im Gesicht. Gute Laune. Exzellente Bezahlung.

Schröder auf der Brücke fährt nach dem Echolot auf seinem Bildschirm. Er steuert extrem langsam durch die Fahrrinne im Watt. Das Niedrigwasser ist so flach, dass sogar die Markierungstonnen umgefallen sind. Er hat noch 40 Zentimeter Wasser unter dem Kiel, 30, 20, 10, und dann steckt er erst einmal fest.

Das ist natürlich nichts Ungewöhnliches in der Geschichte der deutschen Hochseewindkraft. Ungezählt die Hindernisse, an denen das gesamte deutsche Offshore-Projekt zu scheitern drohte. Wären sie denn überhaupt hier ohne den Extraauftrieb durch die Politik? Ohne das Infrastrukturbeschleunigungsgesetz? Ohne die Stiftung Offshore?

„Dies“, sagt Udo Paschedag, „ist das Projekt, das am häufigsten gestorben und wieder auferstanden ist.“ Paschedag, 55, war jahrelang Richter am Verwaltungsgericht in Stade. Seit 2001 kann er als Ministerialrat im Umweltministerium am Berliner Alexanderplatz endlich Dinge beeinflussen, bevor sie passieren. Aber auch hier warteten Untiefen. In seinen Ohren hallt jeder einzelne Einwand nach. Paschedag musste sich mit den abwegigsten Argumenten auseinandersetzen. Da veranlasste er Schallprüfungen für die Rammarbeiten, während die Bundeswehr unter Bestandsschutz für ihre Tiefflugschießgebiete Granaten ins Wasser jagte. Er wunderte sich, wie alt ältere Rechte aussehen können. Würden zum Beispiel die Stromkabel den Meeresboden erwärmen? Würden die Fundamente Muscheln und andere Lebewesen am Grund verdrängen? Das musste geprüft werden, sagt Paschedag, während zugleich die Schleppnetzfischerei die Nordsee geradezu pflügt!

Es ging auf und ab. Mit den Kabeln, dem Naturschutz, den Rechten, der Finanzierung. Jedem Durchbruch folgte ein Problem. Er agierte an Land, in der Politik, zwischen Mittelständlern, Konzernen, Umweltschützern. Auch er befand sich häufig oberhalb der Kotzgrenze. Nie jedoch verließ ihn der Mut derart, dass er umgefallen wäre wie eine der Tonnen, die bei Niedrigwasser die Fahrrinne markieren sollen.

Wenige Minuten nur hat es gedauert, bis das Wasser genügend gestiegen ist, dann gewinnt das Schiff an Fahrt, mehr als zwei Stunden bei dröhnender Maschine. Aus dem Frühdunst schält sich am Horizont das schaukelnde Baufeld, gut 40 Kilometer nördlich von Borkum, aber selbst Borkum ist nicht mehr sichtbar, die Erde ist einfach zu krumm. Aus dem Wasser ragen die halb fertigen Windradstümpfe, eines ist schon komplett mit Rotor, ein zweiter Rotor liegt quer auf einer Hubplattform.

Johann Schröder hält frontal auf einen Turm zu. Bei abfließendem Wasser hat er Probleme, ihn zu treffen, er saust dann seitlich dran vorbei. „Das ist nicht seemännisch gedacht“, sagt er. Seemännisch wäre es gewesen, wenn sie vier Treppen angebracht hätten, damit man von jeder Seite bei jedem Wind und Wellengang anlegen kann.

Ihre Arbeit, einmal im Turm, kennen sie längst vom Land. Was sie morgens so gespannt und still hat sein lassen, sind die Bedingungen dieser Arbeit. Der berüchtigte „Übertritt“, wenn sie vom Schiff die Leiter greifen oder von der Leiter wieder das Schiff betreten. Es ist die gefährlichste Stelle bei der ganzen Offshore-Geschichte überhaupt. Und so konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf den Moment, wenn vom schwankenden Schiff, das je nach Wellengang am Turm auf und ab quietscht, die Leiter betreten wird. Gämsig schnell klettern sie zur ersten Plattform, bevor das Schiff wieder aus dem Wellental kommt und ihnen von hinten in die Beine sausen kann. Die Mitarbeiter stecken dabei in einem Überlebensanzug, der es ermöglicht, auch Stunden im Nordseewasser zu überleben, sie haben einen Peilsender und eine Kletterausrüstung mit Seilen und Karabinern, denn wer fällt im Turm, in dem noch kein Aufzug funktioniert, fällt 50 Meter tief.

Von Hand winden sie ihr Werkzeug in Säcken auf die Türme, bevor sie zur Montage einer Kabelaufhängung im Turm verschwinden. Da schwankt zwar der Boden nicht mehr wie auf dem Schiff, aber das Meer ist noch hörbar, die Tide rauscht in den Füßen des Turms. „Wie das Atmen eines schlafenden Riesen“, sagt einer.

Wenn die Arbeiter von diesen Mühen erzählen, tun sie das mit einer Euphorie, die Udo Paschedag an Land über Jahre vermisste. Er hatte sogar den Eindruck, dass die Energiekonzerne und die Umweltschützer die Offshore-Windkraft gar nicht wollten. Nur dass er ihre Argumente für „so kurz“ hielt, „wie eine fette Sau springt“.

Zuerst kümmerten sie sich um den Naturschutz, sie haben Schutzgebiete ausgewiesen für Säuger, Zugvögel und schützenswerte Riffstrukturen. „Wir sind das einzige Land der EU, das in seiner Allgemeinen Wirtschaftszone Schutzgebiete gemeldet hat“, sagt Paschedag. Sie investierten mehr als 20 Millionen Euro für die Forschung. Sie tüftelten ein System aus, mit dem der für Schweinswale schädliche Lärm der Rammarbeiten reduziert wurde: Mit Druckluft stiegen Luftblasen aus Schläuchen um den Pfahl. Das dämmte. „Mit der Rammung haben wir keinem Schweinswal etwas zuleide getan.“ 2004 erließen sie eine differenzierte Offshore-Vergütung, je nach Wassertiefe und Entfernung von der Küste.

Aber noch immer begann keiner mit der Realisierung. Die Banken wollten ohne jede Erfahrung nicht finanzieren. „Banken machen am liebsten Geschäfte ohne Risiko.“ Das Umweltministerium förderte also auch die Fertigung der Fünf-Megawatt-Maschinen.

70 Prozent der Baufelder sind heute in der Hand der Energieversorger. Und das war auch ein Problem. „Sobald denen ein Projekt gehört hat, rührte sich nichts mehr, da war die Luft raus.“ Die Genehmigung lag in ihren Händen. Was sollte man dagegen noch machen? Sie brauchten eine Eisbrecherfunktion.

Man könnte, so ihre Idee, für die Pioniertat mit Unterstützung des Ministeriums eine Stiftung gründen und ein Testfeld bauen. Nicht unter dem Zwang, es wirtschaftlich betreiben zu müssen. Zum Sammeln von Erfahrung. Sie haben also 2005 die Deutsche Offshore-Stiftung begründet mit dem Ziel, das Risiko auf viele Schultern zu verteilen. Die Erfahrungen sollten allen zugutekommen.

Aber klar, sagt Paschedag, dass nun niemand sein Baufeld als Testfeld hergeben wollte: Es könnte ja in Zukunft viel wert sein. Noch stand kein einziges Windrad, aber schon verhielten die Projektentwickler sich wie Spekulanten. Paschedag sprach mit vielen. Ingo de Bur von Prokon Nord besaß die älteste Genehmigung für seinen Windpark überhaupt, und vor allem besaß er eine genehmigte Trasse für den Strom nach Niedersachsen über Norderney. De Bur war bereit, die Genehmigung zu verkaufen: an die Stiftung, ihrerseits ausgestattet mit fünf Millionen Euro durch das Ministerium.

Drei Konzerne, Vattenfall, Eon und Ewe, verbandelten Heerscharen von Juristen 2006 zur „Deutschen Offshore Testfeld-Infrastrukturgesellschaft“, die jetzt Alpha Ventus betreibt.

Es wurde ein letztes Mal eng, als die Konzerne sich mit den Herstellern der Windturbinen einigen mussten. Letztere mussten für Produkte haften, die sie selbst zum ersten Mal machten. Bei schlechtem Wetter würde man die Wartung vom Hubschrauber aus garantieren müssen. Jeder hatte das Gefühl, ein größeres Risiko zu tragen. Paschedag erinnert sich an die „zittrige Hand“, mit der der mittelständische Hersteller Multibrid den Vertrag für die ersten sechs Windräder unterschrieb.

Ein Paradox, dass sie sich für den Betrieb natürlich die windigsten Stellen ausgesucht haben, für die Montage der Rotoren aber praktisch Flaute brauchen.

Kapitän Schröder legt seitlich an der „Petr Kottzov“ an, dem russischen Wohnschiff, wo Arbeiter für zwei Wochen einquartiert werden. Man reicht den Inhalt des Kühlschranks herüber, Fleisch und Sellerie und Frischkäse gehen über die Reling. Alle rufen gegen den Wind und tarieren mit ihrem Körper die Wellen aus. Hinten im Dunst liegt die „Sovereign“, das Spülschiff, das zwischen den Türmen mithilfe eines Unterwasserroboters Kabel in den Grund einspült.

Einerseits, sagt der Taucher Alexander Weilandt, sind sie natürlich Pioniere hier. Andererseits haben sie keine Zeit für Versuch und Irrtum. Alles muss nahtlos ineinandergreifen. An Land vergessenes Werkzeug kann für alle die Arbeit um einen Tag verlängern. „Das Meer wird immer unterschätzt“, sagt Kapitän Schröder.

Schon jetzt hat sich Schröders Radarbild sichtbar erweitert, um den Standort der Sonden, der Messgeräte, der Tonnen und Bojen, der gebauten und geplanten Windräder und der Routen für die Messung der Vogelkundler. Er hat Ankerplätze eingezeichnet und Schutzzonen. Die Wissenschaftler, die er in den letzten Jahren für ihre Untersuchungen aufs Meer fuhr, brachten ihm die verschiedenen Vogelstimmen bei. Er konterte damit, dass auf Helgoland die Drei-Zehen-Möwe gegessen wird. Das hatten sie noch nicht gewusst.

Er holt jetzt die Arbeiter von den Türmen. Er aktualisiert die Passagierlisten. Wer wurde wann zu welchem Turm gebracht? Der Elektriker erzählt, an der Umspannstation fehlten die Adapter für seine Prüfgeräte, ein Artikel für 100 Euro.

Schröder, so wenig er an die Unfehlbarkeit des Menschen glaubt, glaubt an die Lernfähigkeit der Tiere. Er glaubt, dass die Vögel ihre Routen ändern werden, so minimal wie nötig, um die Windparks zu umfliegen.

„Klar“, dröhnt sein Maschinist, „das spricht sich bei denen rum.“

Fische, glaubt Schröder, werden sich ansiedeln, die Bestände sich erholen, denn die Windparks sind Schutzgebiete, in denen schon der Kabel wegen keine Kutter mit ihren Netzen kurven dürfen. Die Folgen einer menschlichen Erfindung kann man ohnehin nie abschätzen, sagt Schröder. Am Rande seines Radars kommt jetzt die Wirtschaftskrise vorbei. In der Fahrrinne für die riesigen Containerschiffe fährt eines der größten Schiffe der Welt. Wenn er mit der rechten Maustaste auf den Namen klickt, sieht er die Abmessungen, 395 Meter, den Gefahrengrad der Ladung, den Zielhafen. „Mehr Brücke als Ladung“, spöttelt Schröder. Die Riesenschiffe, glaubt er, die werden sich nicht durchsetzen. Wieder so ein rein kaufmännischer Gedanke.

Viele von den Arbeitern sind jetzt dagegen unentbehrlich. Sie haben schon Folgeaufträge in der Tasche von der Bard- Gruppe, einem privatwirtschaftlichen Unternehmer, das als Nächstes seinen Windpark errichten wird. Und dann wird es sich für jeden von ihnen gelohnt haben, dass sie einst in Rotterdam bei einem gesunkenen Helikopter die Scheiben eingedrückt haben.

Um kurz nach acht am Abend verpöttert nach über 13 Stunden der Motor im Hafen von Norddeich. Bis morgen!, dann verschwinden sie schnell. Ungewohnt fester Grund beult ihnen die Schritte aus.

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Paradox. Die Windräder sollen an den windigsten Stellen stehen, doch zur Montage der Rotoren braucht man praktisch Flaute. Foto:...

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