Zeitung Heute : Ernst-Michael Kanow, geb. 1938

Der Tagesspiegel

Die Offiziersuniform der Nationalen Volksarmee liegt schon lange auf dem Dachboden. Sie taugt nichts mehr - so ohne Armee. Er wollte sie auch nicht mehr sehen. Die Uniform passte nicht mehr zu seinem Leben und zu den Gedanken, die irgendwann in die Frage mündeten: Wozu braucht man noch Armeen in Europa? Oder besser: wogegen?

Oberstleutnant der NVA Ernst-Michael Kanow, von seinen Freunden nur Micha genannt, war Pazifist geworden. Menschenfreund war er ja schon immer. Vielleicht war er auch schon länger Pazifist, nur kam er nicht weg von der Armee. Das ging damals ja gar nicht, sagt Lisa, seine Frau. Einfach den Dienst quittieren? Dazu fühlte er sich seinem Land, seiner DDR, dann doch zu sehr verpflichtet. Ein Treuebruch kam nicht in Frage. Als sein Sohn im August ’89 in den Westen floh, kam er darüber lange nicht hinweg.

Warum hatte er die Uniform überhaupt angezogen? Lisa schaut etwas traumverloren. Wie soll man das erklären? „Die jungen Männer wollten ihr Land verteidigen, den Sozialismus.“ Als sie sich kennen lernten, trug er schon die Uniform. Es war auf einem Silvesterball im Hotel Astoria in Leningrad, im Jahr 1963. Heute heißt die Stadt wieder St. Petersburg, aber für Lisa ist es Leningrad geblieben. Micha war mit dem „Freundschaftszug“ in ihre Heimatstadt gekommen. Sie wollte ein wenig dolmetschen und ihr Deutsch aufbessern. Lisas Mutter war davon wenig angetan. Die Erinnerung an den Krieg war noch lebendig. Erst beim zweiten Besuch von Micha in Leningrad empfing sie ihn und erkannte schnell: Dieser Deutsche ist ein guter Mensch. 1965 wurde geheiratet.

Micha Kanow machte bei der NVA Karriere, studierte fünf Jahre an der Moskauer Militärakademie und kümmerte sich danach im DDR-Verteidigungsministerium um die Entwicklung neuer Waffensysteme. Das tat er gern, sagt Lisa. Mit technischen Fragen beschäftigt, blieb der Krieg abstrakt, und schließlich kämpfte ein NVA-Offizier immer für den Frieden. Viel sprach er nicht über seine Arbeit, das war streng verboten. West-Fernsehen war auch verboten.

Politische Diskussionen habe man sich aber schon geleistet, besonders, als es in der Sowjetunion mit Perestroika und Glasnost losging. In seiner Stasi-Akte fanden sich später Vermerke über Sitzungen im Ministerium: „Kanow äußerte sich kritisch.“ Das war schon alles. Von Sanktionen ist nichts bekannt. Lisa schließt daraus, dass es durchaus Spielraum für lautes Nachdenken über Alternativen gab. Vielleicht kritisierte Kanow auch einfach sehr diplomatisch.

Ein Haudegen und ideologischer Einpeitscher war er jedenfalls nicht. Noch vor der Wende hatte er die jüdische Kultur für sich entdeckt, die in der DDR lange Jahre totgeschwiegen wurde. Freunde aus dem Jüdischen Kulturverein erinnern sich an ein denkwürdiges Zusammentreffen am Hintereingang der Komischen Oper. Kanow wollte beim „Dybbuk“ mitspielen, einem jiddischen Drama von 1920. Ein Literaturwissenschaftler machte mit, ein Student, eine Archivarin, und ein Regisseur. Niemand wusste Genaueres über Micha, den bescheidenen, um Text und Ausdruck bemühten 50-Jährigen. Bis er eines Tages in Gala-Uniform erschien und „wir alle staunten, wie ein derart ziviler Mensch mit so viel Neigung für Poesie, für die Magie der Liebe über den Tod hinaus und sogar für die Mystik in eine solche Uniform passte“. Wenige Jahre später war die Uniform auf dem Dachboden angekommen, und Kanow beriet Wehrdienstverweigerer. Ein Saulus, der zum Paulus wurde?

Nein, von schicksalhaften Schlüsselerlebnissen weiß Lisa nichts zu berichten. Kanows sozialistisches Weltbild erodierte eher gemächlich vor sich hin. Erst die Flucht des Sohnes, dann die Maueröffnung, dann die Selbstauflösung der DDR, in deren Folge Kanow nun Offizier einer Streitmacht werden sollte, um deren Niederringung es ihm Jahrzehnte lang gegangen war. Kanow nahm seinen Abschied, gut versorgt vom ehemaligen Klassenfeind.

Wie schwierig der Spagat zwischen Soldat-Sein und Mensch-Sein gelegentlich werden konnte, hatte sich gegen Ende der DDR gezeigt. Familie Kanow durfte zum Sohn in West-Berlin keinen Kontakt aufnehmen. Soldat Kanow hielt sich daran, während Mensch Kanow litt. Lisa entschied sich anders, telefonierte mit Nikolai und fuhr am 10. November zu ihm hinüber. Abends kehrte sie zurück zum Soldaten Kanow, der Mühe hatte, sich zu beherrschen. Lisa hatte auf einen Zettel geschrieben, sie sei zum Einkaufen nach Wünsdorf gefahren. Mit diesem Zettel hätte sich Kanow im Ernstfall vor seinen Vorgesetzten rechtfertigen können.

Es wurde nicht ernst, sondern alles anders. Kanow suchte nach einem neuen Halt und fand ihn im Judentum. Da gab es eine mehr als zweitausendjährige Gewähr, dass nichts verloren gehen kann und sich nur wenig verändert. Kanow lernte Hebräisch, ging in die Synagoge; er hätte auch den jüdischen Glauben angenommen, aber nicht ohne sie. Aber Lisa wollte sich von ihren christlichen Wurzeln nicht lösen. Kanow engagierte sich gewerkschaftlich, machte beim Bündnis 90 mit, trat in die „Partei für soziale Gleichheit“ ein, ließ sich zum „Sozialberater“ fortbilden und kümmerte sich um jüdische Einwanderer aus Russland. Er übersetzte Schriften von Trotzki, dem er sich verbunden fühlte, las und las und las, um zu verstehen, warum es nicht geklappt hatte mit dem Sozialismus, schrieb erboste Briefe an den Bundespräsidenten, als deutsche Kampfflieger über Jugoslawien kreisten. Er habe immer noch vor Augen, schrieb er, wie das Gesicht seiner Mutter sich verzerrte, wenn die Bomben auf Berlin fielen.

Micha Kanow hat sich immer für eine Sache eingesetzt, sich ernsthaft angestrengt. Sehr schwer habe er vieles genommen, sagt Lisa, ohne je die Hoffnung aufzugeben. Oder gar seine Liebe zu Lisa und Russland. Wenn sie allein waren, haben sie sich nur russisch unterhalten, sagt Lisa. Als es ihm schon sehr schlecht ging, auf der Intensivstation, als die Krebs-Metastasen nicht mehr zu kontrollieren waren, verlangte er nach Wasser. Er sagte es auf russisch. Aber da versteht dich niemand, rief Lisa. Und Micha sagte es wieder auf russisch. Ja priwyk goworit po-russki. Anders mochte er nicht mehr sprechen. Thomas Loy

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