Eröffnungsfeier in Berlin : Dieter Hoeneß von Hertha BSC: „Das Olympiastadion atmet“

Mit fünf Jahren war er das erste Mal auf der Tribüne, bei der WM 1986 stand er vor 140.000 Fans auf dem Platz. Herthas Manager Dieter Hoeneß kennt sich aus in Fußballstadien

Matthias Klappenbach
So sah es 2006 bei den Rolling Stones im Olympiastadion aus.Weitere Bilder anzeigen
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22.06.2018 08:58So sah es 2006 bei den Rolling Stones im Olympiastadion aus.

Herr Hoeneß, Sie haben Ihr Leben quasi im Fußballstadion verbracht. Was fasziniert Sie an diesem Ort?


Da könnte ich Ihnen viel erzählen, aber es wäre besser, Sie fragen erst einmal den jungen Dieter Hoeneß.

Bitte .

Ich muss fünf Jahre alt gewesen sein, als mich mein Vater das erste Mal zum Fußball mitnahm. Eines Tages kam er zu mir und sagte: „Komm, wir gehen ins Donaustadion.“ Das war die Heimat von Ulm 1846. Als ich abends heimkehrte, dachte ich: Du hast den Nabel der Welt gesehen.

Herrje, das Ulmer Donaustadion?!

Wer die Betonschüssel kennt, lacht, aber für mich war es überwältigend. Ulm spielte in der Ersten Liga, auf den Tribünen standen 30000 Menschen, dicht gedrängt und ich mittendrin. Ich habe vor lauter Menschen das Spielfeld nicht gesehen, aber ich fühlte, was dort abläuft. Das Raunen und all die Kommentare.

Jetzt sagen Sie bloß, Sie wurden Fan von Ulm 1846.

Ja, in gewisser Weise schon. Ich stand zwar nie in einer Fankurve, aber ich war stolz auf meinen Verein. Ulm 46 hat später in einem Freundschaftsspiel gegen den Weltpokalsieger FC Santos gewonnen. Da war mir klar: Ulm hat nicht nur das beste Stadion der Welt, sondern auch die beste Mannschaft. Ich war jung.

Gut, fragen wir den erwachsen Herrn Hoeneß. Sie waren Nationalspieler, haben bei Bayern München gespielt, sind Manager von Hertha BSC. Abgesehen von Ulm – wo steht das schönste Stadion der Welt?

Waren Sie mal in Bernabeu, dem Stadion von Real Madrid? Das werde ich nie vergessen. Bernabeu strahlt eine ganz besondere Aura aus. Aber war es das schönste? Ich denke an das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Vielleicht ist mein Blick auf das Spiel verklärt, es war schließlich ein sehr persönliches Erlebnis. Wir standen mit der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1986 im Finale. Es sollte mein letztes Länderspiel sein, die Sonne brannte, 140000 Menschen standen auf den Tribünen. Es war bewegend.

Warum sprechen Sie nicht vom Olympiastadion, in dem Sie mit Hertha, die vergangene Saison ausgenommen, viele Erfolge feiern konnten?

Moment! Ich erinnere mich ja an mein erstes Spiel in Berlin. Ich muss 24 Jahre alt gewesen sein, wir haben mit dem VfB Stuttgart in Berlin gespielt. Wir fuhren mit dem Bus in den Tunnel, stiegen aus und liefen durch endlos lange und feuchte Kellerflure zur Kabine. Der Bau war sehr ästhetisch, gigantisch, aber sagen wir mal so: Es war ein Stadion, das nur bedingt state of the art war.

Was war in den Siebzigerjahren state of the art, also auf neuestem Stand?

Ganz klar das Münchner Olympiastadion mit der geschwungenen Dachkonstruktion aus Glas. Dort fanden damals die Olympischen Spiele statt. Ich weiß, wie ich als Fußballer das erste Mal das Entmüdungsbecken in der Kabine sah. Wir haben uns nach dem Abpfiff darin entspannt, es war angenehm, ganz anders als Hamburg. Im Volksparkstadion standen Badewannen in der Ecke, in denen sich Kalk ablagerte.

Ein Stadion wie das in München würde heute niemand mehr bauen. Wie Berlin hat es eine Laufbahn.

Zugegeben, das Münchner Olympiastadion ist nicht zeitgemäß, dort kann niemand eine Loge bauen und damit Geld verdienen. Berlin ist anders. Wenn ich Zeit habe, fahre ich mit dem Wagen rüber, mein Büro liegt nicht weit entfernt. Ich setze ich mich auf die Tribüne und bin jedes Mal beeindruckt.

Von einem leeren Stadion?

Ich denke an etwas anderes: Wir haben es in Berlin geschafft, ein modernes Stadion zu bauen, ohne die Ausstrahlung des Bauwerks zu verändern. Wir haben Logen geschaffen und uns wirtschaftlich einen Spielraum verschafft. Trotzdem besitzt das Stadion Charisma, anders als viele Neubauten für die WM 2006. Die sehen sich ähnlich. Wir haben Stil bewahrt.

Was meinen Sie damit?

Das Zusammenspiel zwischen Alt und Neu und Helligkeit und dunklen Farbtönen. Das Dach mit seinen Stahlträgern schwebt über dem Zuschauer, ohne ihn einzuengen. Wir haben mit dem Sandstein einen Kontrast zu den dunklen Sitzschalen geschaffen. Das Stadion wirkt harmonisch. Die dunklen Hölzer in den Logen, das Parkett und die Möbel, das erinnert mich an englische Stadien. Das Olympiastadion atmet.

So, wie Sie schwärmen, ahnen wir, wie es in Ihrem Wohnzimmer aussieht.

Ich bevorzuge helles Parkett.

Herr Hoeneß, eines verwundert: Sie haben immer für den Neubau eines reinen Fußballstadions geworben. Warum, auf einmal, finden Sie alles wunderschön?

Ich war nie gegen die Sanierung! Ich sah nur die Gefahren. Ich hatte das alles schon mitgemacht. Als ich Manager beim VfB Stuttgart war, wurde das Stadion für die Leichtathletik-WM 1993 umgebaut. Da waren viele Kräne im Stadion, aber weiß Gott keine Stimmung und Atmosphäre! Das hat nur ein Jahr gedauert, für den VfB war es schlimm genug. Als ich hörte, wir sollen das mit Hertha BSC vier Jahre mitmachen – sollte ich da begeistert sein? Wir haben 16 Millionen Euro weniger Einnahmen gehabt in den vier Jahren. Ich musste neulich erst an einen Spruch denken. Vor dem Umbau habe ich gesagt: „Wenn wir fertig sind, ist Hertha abgestiegen.“

Das geheimnisvolle Olympiastadion in Bildern
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22.06.2018 08:58So sah es 2006 bei den Rolling Stones im Olympiastadion aus.

Nun hat Hertha den Abstieg verhindert und den Umbau überstanden. Sie dürfen jetzt schimpfen: Was war das Schlimmste in den vergangenen vier Jahren?

Die letzte Saison natürlich! Aber Sie meinen das Stadion, und da sind es zwei Punkte: Der erste war das Geld. Hinzu kam die schlechte Atmosphäre. Wissen Sie noch, wie die Fankurve auseinander gerissen wurde? Die einen saßen plötzlich in der Westkurve, die anderen im Osten, obwohl sie seit Jahren gemeinsam zu Hertha gegangen sind. Und zwischen ihnen standen die Bagger.

Der Umbau hätte besser laufen müssen.

Nein, nein! Das war eine Meisterleistung. Walter-Bau hat gut gearbeitet, war zügig und pünktlich. Wir haben gelitten und werden jetzt belohnt.

Wie waren Ihre Vorstellungen vor dem Umbau? Was will ein Fan im Stadion?

Er will ein Dach, aber Freiheit spüren. Er will eine Anzeigetafel, auf der ein Tor in Zeitlupe zu sehen ist. Er will eine Kleinigkeit essen, ohne sich den Magen zu verderben. Ich kann noch einiges mehr aufzählen, vor allem muss der Fan sich das leisten können. Achten Sie auf die Preise in England! In London kostet eine Karte fast dreimal so viel wie bei uns.

Welche Stadien, die für die WM 2006 gebaut wurden, mögen Sie nicht?

Hamburg und Köln finde ich gelungen, weil die Stadien eng sind, aber luftig. Etwas enttäuscht bin ich von der Arena auf Schalke. Das ist wie in einer Turnhalle, künstlich laut und stickig. Ich mag Charme, und der ist in Gelsenkirchen etwas abhanden gekommen.

Das Stadion in Berlin verbinden viele mit den Nazis.

Natürlich wurden hier die Olympischen Spiele 1936 ausgetragen und natürlich hielt Adolf Hitler Hof. Wir werden an die Zeit in einem Museum erinnern, wir werden Informationstafeln aufhängen. Trotzdem sei ein Hinweis erlaubt: Das Konzept des Stadions stammt aus den Zwanzigerjahren. Berlin wird mit dem Stadion bewusst leben, mehr als je zuvor. Von nun darf es Werbung sein für die Stadt. Ein Denkmal, eine Sehenswürdigkeit.

Das Gespräch führten André Görke und Mathias Klappenbach.

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