Errichtung der Mauer : Pfusch am Bau

Eine Materialschlacht im Rekordtempo. Noch heute gilt die Errichtung der Berliner Mauer als logistisches Meister- und Schurkenstück. Die Wahrheit ist: Es ging drunter und drüber.

Wachstum. Erst Stacheldraht, dann Zäune, dann Beton. Mauerbau in der Zimmerstraße, November 1961. Foto: Ullstein
Wachstum. Erst Stacheldraht, dann Zäune, dann Beton. Mauerbau in der Zimmerstraße, November 1961. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild - Czechatz

Fünfzig Jahre danach gibt es an der Bernauer Straße wieder eine Mauer. Eine grüne Mauer aus Ahorn, Birken und Gestrüpp, dicht und wild und spontan gewachsen seit dem Wendeherbst 1989. Man kann nur noch erahnen, wo einmal das Haus mit der Nummer 29 stand. Frieda Schulze hat hier gewohnt, bis zum 25. September 1961, als die Räumkommandos der Ost-Berliner Grenzpolizei in die Bernauer Straße kommen. Das Haus gehört zu Ost-, der Gehweg davor zu West-Berlin. Frieda Schulze ist 77 Jahre, als sie den Osten auf dem kürzesten Weg verlassen will. Sie steht schon auf den Fenstersims ihrer Wohnung im ersten Stock, da stürmen die Grenzer zur Tür herein.

Ein Amateurfilmer hat die folgenden Sekunden festgehalten. Wie oben die Grenzpolizisten nach Frau Schulzes Händen greifen und unten eine aufgebrachte Menge von spontanen Fluchthelfern an ihren Füßen zerrt. Ein paar ewige Sekunden lang schwebt die alte Dame in ihrem schwarzen Kleid zwischen zwei Welten, bis sie endlich im Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr landet.

Das öffentliche Gezerre um Frieda Schulze hat die Bernauer Straße berühmt und für die nächsten 28 Jahre zum touristischen Pflichtziel gemacht. Die halbe Welt erregte sich über den menschenverachtenden Charakter des Grenzregimes. Etwas anderes hat damals kaum einen interessiert. Dass es nämlich beim angeblich perfekt geplanten und durchgeführten Mauerbau offenbar drunter und drüber ging. Noch sechs Wochen nach dem 13. August 1961 war es ohne größeren Aufwand möglich, den Osten zu verlassen. Und der Westen durfte zuschauen, filmen, mitmachen.

Die Berliner Mauer war zunächst keinesfalls die perfekte Grenze und das logistische Meisterstück, als die sie auch im Westen gern hingestellt wurde. Das belegen Forscher der Technischen Universität in ihrer Dokumentation „Die Baugeschichte der Berliner Mauer“. Ihre Planung verlief chaotisch, sie litt unter Materialmangel und Pfusch am Bau. In ihren ersten Wochen bestand die Grenze zwischen Berlin und Berlin aus einem löchrigen Gürtel von Fabrik-, Friedhofs- und Häuserfassaden, zusammengehalten von hastig aufgemörtelten Hohlblocksteinen und reichlich Stacheldraht. Und eine Mauer war sie eigentlich auch nicht. „Noch 1989 bestand die Grenzanlage zu zwei Dritteln aus Zäunen“, sagt Johannes Cramer, Professor für Baugeschichte an der TU. „Eigentlich müsste man vom Berliner Zaun sprechen.“

Das mit der Mauer hat sich Walter Ulbricht ausgedacht. Im Juni 1961, als es schon reichlich leer geworden ist im Osten Deutschlands. Auf einer internationalen Pressekonferenz wird der SED-Chef gefragt, ob er angesichts der dramatisch steigenden Flüchtlingszahlen über eine befestigte Staatsgrenze am Brandenburger Tor nachdenke. Ulbricht antwortet: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt … äh voll eingesetzt wird.“ Pause. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Ein paar Tage später fliegt Ulbricht nach Moskau und lässt sich von den sowjetischen Freunden die Zustimmung zur Abriegelung geben. Ab Mitte Juli verdrahten uniformierte Bautrupps zunächst die Grenze zwischen West-Berlin und dem Brandenburger Umland. Das ist politisch nicht weiter kompliziert, wohl aber technisch, weil die Grenze durch Seen und Wälder verläuft und mit 112 Kilometern deutlich länger ist als die innerstädtische Demarkationslinie (43 Kilometer). Ein echtes Fluchthindernis ist der Zaun an der westlichen Peripherie nicht. Er wird kaum überwacht und kann mühelos überklettert werden. Die West-Berliner und die West-Alliierten geben sich damit zufrieden, dass die innerstädtische Sektorengrenze frei zu passieren ist.

Dabei arbeitet die DDR-Führung längst an der Logistik einer kompletten Teilung der Stadt. In einer hochkonspirativen Planungsgruppe führen seit Beginn des Jahres die Repräsentanten der bewaffneten Organe das Wort: Innenminister Karl Maron, Staatssicherheitsminister Erich Mielke und Verteidigungsminister Heinz Hoffmann. Über allen steht die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Mit ihr muss jeder Schritt abgestimmt werden.

Um die Koordinierung kümmert sich der Genosse Erich Honecker, er führt im Zentralkomitee der SED den Titel eines Sicherheitssekretärs. Honecker wird erst Anfang August eingeweiht, was für eine relativ spontane Planung spricht und wahrscheinlich auch dafür, dass der Abriegelungstermin wegen der immer höheren Flüchtlingszahlen kurzfristig vorgezogen wird. Dokumente zur detaillierten Projektplanung sind nie aufgetaucht, es hat wohl auch keine gegeben.

Honecker lässt in der gesamten DDR heimlich Baumaterial sammeln. 400 Lkw-Fuhren sind nötig, um 18 200 Betonsäulen und 150 Tonnen Stacheldraht rund um West-Berlin zu deponieren. Weil Stacheldraht knapp ist in der DDR, muss er im Westen nachgekauft werden. Die entscheidende Phase beginnt am 13. August um 1 Uhr mit der kompletten Abriegelung West-Berlins. Zur Ausführung stehen 5000 Grenzpolizisten, 5000 Volkspolizisten, 4500 Kampfgruppenmitglieder und 7300 Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) bereit.

Die Arbeiten zwischen Lübars/Rosenthal im Norden und Rudow/Altglienicke im Süden werden in die drei Abschnitte Nord, Mitte, Süd eingeteilt. Die Planung sieht vor, die innerstädtischen Straßen- und Schienenübergänge innerhalb der nächsten drei Stunden zu sperren und im Anschluss daran die gesamte Grenzlinie mit Zäunen zu sichern. Stacheldrahtrollen blockieren die Fahrbahnen einmündender Straßen. Am 14. August um 7 Uhr meldet das Ost-Berliner Polizeipräsidium: „Alle befohlenen Straßenübergänge sind gesperrt.“ Von einem durchgehenden Zaun oder gar einer Mauer aber kann in diesem Stadium noch keine Rede sein.

Gespannt warten die Machthaber in der DDR, wie der Westen auf das noch provisorische Bauwerk reagiert. Die West-Berliner sind geschockt, aber schon Bundeskanzler Konrad Adenauer sieht keine Notwendigkeit für eine Reise von Bonn in die von ihm wenig geliebte preußische Steppe. Und die West-Alliierten geben sich damit zufrieden, dass sie über die sofort eingerichteten Grenzübergänge ihr Recht auf freien Zugang nach Ost-Berlin wahrnehmen können. „Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg“, sagt John F. Kennedy.

Durch diese Zurückhaltung bestärkt, protokolliert das ZK der SED am 15. August 1961: „Die Maßnahmen zur vorläufigen Sicherung der Grenzen nach Westberlin sind im Wesentlichen durchgeführt. Es ist erforderlich, schon jetzt einen Plan für den weiteren Ausbau der Grenzsicherung in der zweiten Etappe auszubauen.“ Erst jetzt, zwei Tage nach dem 13. August, beginnt die DDR damit, wozu laut Walter Ulbricht niemand die Absicht hatte: Sie errichtet eine Mauer.

Noch am selben Tag nutzt der Volkspolizist Conrad Schumann einen unbeobachteten Augenblick zu seinem berühmten Sprung über die Stacheldrahtrolle an der Kreuzung Bernauer Ecke Ruppiner Straße. Allein an der Bernauer Straße fliehen alle paar Stunden Menschen durch die noch offenen Hauseingänge. Wahrscheinlich verhindert in diesen ersten Tagen der Teilung nur die allgemeine Schockstarre in der Bevölkerung, dass es noch ein wenig leerer wird in Ost-Berlin. Wer nicht weiß, wann und ob er seine Familie wiedersehen wird, der tut sich schwer mit einer spontanen Flucht von der einen Welt in die andere.

Das Regime setzt auf den Faktor Abschreckung. Am Brandenburger Tor etwa besteht der erste Riegel aus einer Kette bewaffneter Polizisten. In ihrem Rücken haben die Baukolonnen Mühe, das vorgegebene Tempo einzuhalten. Das erste richtige Stück Mauer im Grenzzaun wird in der Nacht zum 18. August auf dem Potsdamer Platz errichtet. Diese ersten Mauersegmente bestehen aus losen Betonblöcken, sie werden später aufgestockt mit Betonbalken und Hohlblocksteinen. Mangels genauer Planungsvorgaben wird oft erst vor Ort über die genaue Bauausführung entschieden. Die hastig angelernten Bauarbeiter in Uniform fertigen zuweilen so instabile Konstruktionen an, dass diese nach Kurzem von selbst zusammenbrechen. Dazu zeigen die Beschimpfungen aufgebrachter West-Berliner Wirkung. In einer Meldung an das Ost-Berliner Polizeipräsidium heißt es: „Die Bauarbeiten am Brandenburger Tor gehen schleppend vor sich, da sich die Bauarbeiter von ... westlicher Seite beeinflussen lassen.“

Auch weil die volkseigenen Betriebe auf eine Rückkehr der für die Abriegelung abgestellten Mitglieder der Kampfgruppen dringen, rekrutiert Honeckers Stab vermehrt Maurer der volkseigenen Betriebe Bau und Bau-Union. Jene Bauarbeiter, die laut Ulbricht damit beschäftigt sind, Wohnhäuser zu bauen. Dafür aber ist ohnehin kein Geld mehr da. Im Jahr 1961 verschlingt das Projekt Grenzsicherung alle für den DDR-Wohnungsbau veranschlagten Kapazitäten.

Die größeren Probleme gibt es dort, wo die Sektorengrenze identisch ist mit dem Verlauf der Häuserfluchten. Zum Beispiel an der Bernauer Straße, deren Häuser auf der südlichen Seite zum Ost-Berliner Bezirk Mitte gehören, der angrenzende Bürgersteig aber schon im West-Berliner Bezirk Wedding liegt. Die spätere Brandenburger Sozialministerin Regine Hildebrandt, aufgewachsen an der Bernauer Straße, hat die besondere Situation an dieser besonderen Stelle einmal so beschrieben: „Wenn wir aus dem Fenster geguckt haben, waren wir mit dem Kopf schon im Westen.“ Derartige Feinheiten hatten Churchill, Roosevelt und Stalin nicht im Sinn, als sie Berlin 1945 auf der Konferenz von Jalta in vier Sektoren aufteilten.

Am 19. August 1961 beginnen Kampfgruppen damit, die Türen der Grenzhäuser an der Bernauer Straße mit Stacheldraht und Mauerwerk zu verbarrikadieren. Vorerst können die Mieter ihre Wohnungen noch durch Hinter- und Seiteneingänge betreten. Als dann die Räumkommandos der Grenzpolizei anrücken, kommt es zu verzweifelten Spontanfluchten. Am 22. August wirft die 59-jährige Ida Siekmann ihr Bettzeug aus dem Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock des Hauses Bernauer Straße 48 und springt gleich hinterher. Sie stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Frieda Schulze hat am 25. September mehr Glück, aber noch am selben Abend überlebt die 81-jährige Olga Segler ihren Sprung aus dem zweiten Stock der Bernauer Straße 34 nicht.

In der Folge baut die DDR-Regierung die Grenze auch an der Bernauer Straße zum militärischen Sperrgebiet aus. Erst werden Trümmerhäuser abgerissen, ab Oktober 1961 auch die noch intakten Grenzhäuser.

In sechs Ausbaustufen wächst in den folgenden Jahren ein System mit Lichttrasse, Spanischen Reitern, Kolonnenwegen, Zäunen, Hundelaufanlage, Hinterlandmauer und Stalinrasen – Matten mit stählernen Nägeln, die sich in die Füße der Flüchtenden bohren. Auf den brandenburgischen Übungsplätzen von Streganz und Neu Zittau richten die Grenzstrategen Abenteuerspielplätze für die großen Jungs des Sozialismus ein: An einer Probemauer üben Soldaten, wie die echte am besten zu überwinden ist und wie sich dasselbe verhindern lässt, möglichst schon weit vor den eigentlichen Sperranlagen, auf dass der Staatsführung peinliche Proteste aus dem Ausland erspart bleiben. Auch deshalb gibt es rund um West-Berlin keine Selbstschussanlagen und Minenfelder.

Die späte DDR will nicht nur respektiert, sie will auch gemocht werden. In seinen letzten Tagen arbeitet das Regime an dem Projekt „optisch humanitäre Grenze“, was man aus dem sperrigen DDR-Deutsch übersetzen könnte mit: „Unsere Mauer soll schöner werden.“ Spanische Reiter, Wachtürme und Bunker verschwinden, dafür wird mehr Wert auf die gärtnerische Gestaltung der Anlagen gelegt. In einer Studie des Militärtechnischen Instituts der NVA vom 10. Januar 1989 heißt es: „Der Forderung Aussehen ist gegenüber der Forderung Sperrwert der Vorrang einzuräumen.“

Die Wirklichkeit hat dieses Projekt längst überholt. Zum 50. Jubiläum ist die Betonmauer weg und hat Platz geschaffen für eine neue, an der nicht geschossen und gestorben wird. Im August 2011 gibt es an der Bernauer Straße wieder eine Mauer. Eine grüne Mauer aus Ahorn, Birken und Gestrüpp, dicht und wild und spontan gewachsen seit dem Wendeherbst 1989.

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