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Anton Gass studiert Archäologie und profitiert vom Erfolg eines wohl einzigartigen Vereins

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Von Niclas Dewitz

Anton Gass ist Träger eines beeindruckenden Titels: „Geschichtsforscher, Geschichtslehrer für Hochschule und Archäologie“ darf sich der Spätaussiedler aus Kasachstan nennen. Erworben hat er diesen Titel durch ein vierjähriges Studium an der Staatlichen Nordkasachischen Universität in seiner Heimatstadt Petropawlowsk. Er wollte lieber einen deutschen Abschluss. Doch am Ende der Schulzeit hatten die Behörden seinen Antrag zur Übersiedlung nach Deutschland noch nicht entschieden. Bereits als Schüler hatten den heute 23-Jährigen die verschütteten Spuren des menschlichen Lebens vor Tausenden Jahren begeistert. Also studierte er Archäologie und Geschichte der Nomaden Kasachstans. „Ich wusste, dass ich das machen will“, erzählt er. „Das ist Romantik, erfordert Köpfchen und ist zugleich schwere körperliche Arbeit unter freiem Himmel.“

Im Jahr 2000 kam er endlich nach Berlin. Jetzt hat er die Chance ergriffen, einen deutschen Abschluss zu machen. In einem Dahlemer Villengarten, zwischen einer roten Backsteinvilla und dem Hörsaal des Instituts für Prähistorische Archäologie der FU sitzt er und schrubbt Tonscherben in einer Schüssel mit lehmigen Wasser. Alltagsgeschäft für Archäologiestudenten.

Doch während anderswo nur Wissenzuwachs lockt, wird hier Geld verdient. Die Scherben, die Anton Gass und seine Kommilitonen in Dahlem putzen, sortieren und katalogisieren, stammen aus Brandenburger Erde. Gass arbeitet als Hilfskraft bei der Gesellschaft für Archäologische Denkmalpflege (GAD), die zu den größten regionalen Anbietern von archäologischen Baugrunduntersuchungen gehört. Neben fünf ständigen sind rund 40 freie Mitarbeiter bei der GAD beschäftigt, darunter viele Studenten wie Anton Gass.

Das strenge brandenburgische Denkmalschutzgesetz schreibt vor, dass jeder Bauherr bei Verdacht der Denkmalschützer seinen Grund nach prähistorischen Spuren untersuchen lassen muss - auf eigene Kosten. Bei Bauherren und Denkmalschützern ist die GAD inzwischen gleichermaßen beliebt, denn das wissenschaftliche Ethos steht stets im Vordergrund: Wenn die Wissenschaftler nichts finden, brechen sie die Grabung ab und erstatten dem Bauherren anteilig sein Geld zurück. Der Verein floriert: Studenten sammeln praktische Erfahrungen, und Absolventen des Instituts ermöglicht er den Einstieg ins Berufsleben.

Daneben erwirtschaftet er Geld für das Institut, das in die Ausbildung der Studenten und die Institutsbibliothek investiert wird. Rund 60.000 Euro überweist der Verein jedes Jahr. Anton Gass verdankt der GAD mehr als nur seinen Lebensunterhalt. Während der Arbeit lernte er gut Deutsch und kam mit seinen Kollegen beim abendlichen Zusammensein in Kontakt. Inzwischen hat er sich in Berlin gut eingelebt. Das Institut und die GAD sind für ihn eine neue Heimat: „Wir sind verrückte Leute“, sagt er. „Wir leben für die Romantik dieser Arbeit, arbeiten zusammen, studieren zusammen, und wenn wir auf Ausgrabung sind, dann leben wir sogar zusammen.“

Aufgrund seiner Vorkenntnisse konnte er das Grundstudium überspringen. Jetzt denkt er schon über seine Doktorarbeit nach. „Meine Eltern sind stolz auf mich, weil ich der erste Wissenschaftler in der Familie bin.“ Im Sommer sagte er sogar eine mit Freunden geplante Ferienreise ab, um in russischen und kasachischen Instituten die neusten Fundstücke in die Hand nehmen und mit ehemaligen Kollegen diskutieren zu können.

Die 4000 Jahre alten Scherben, die er im lehmigen Wasser putzt, sind für ihn mehr als Stücke gebrannten Tons: „Bei meiner Arbeit habe ich die Menschen vor Augen, denen diese Sachen gehörten und die damals ihr Leben meisterten. Jemand hat die Scherben gemacht, die ich heute ausgrabe. Das damalige Leben findet in meiner Fantasie statt.“ Die Quelle für diese Leidenschaft und Ernsthaftigkeit mag sein erster Ausgrabungsfund in der kasachischen Steppe gewesen sein. Nach und nach legte er damals das Grab einer jungen Frau frei. „Sie wurde getötet, denn ihr Schädel war gespalten. Alle Indizien weisen darauf hin, dass ein Reiter während eines Überfalls den tödlichen Streich führte.“

GAD - Gesellschaft für Archäologische Denkmalpflege e.V., Freie Universität Berlin, Institut für Prähistorische Archäologie, Altensteinstraße 15, 14195 Berlin.

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