Zeitung Heute : Erst die Kinder, dann die Ex

Zu Jahresbeginn stiegen die Unterhaltssätze im Schnitt um 13 Prozent. Ein Blick in die Düsseldorfer Tabelle

Höhenflug. Grund für den satten Anstieg ist eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2008, die den Mindestunterhalt an den Kinderfreibetrag koppelte. Steigt er, müssen Unterhaltspflichtige mehr zahlen. Foto: picture-alliance/gms
Höhenflug. Grund für den satten Anstieg ist eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2008, die den Mindestunterhalt an den...Foto: picture-alliance/ gms

Dieses Jahr ist der Unterhalt für Scheidungs- und Trennungskinder spürbar erhöht worden. Doch glücklich sind Experten mit der grundsätzlichen Unterhaltssystematik nicht.

Sobald es um Kindesunterhalt geht, geben zwei Worte den Ton an: Düsseldorfer Tabelle (siehe Grafik unten). In ihr steht auf den Euro genau, wie viel zum Unterhalt Verpflichtete – in der Regel die Väter – abhängig vom eigenen Einkommen und vom Alter des Kindes Monat für Monat überweisen müssen. Faustformel: Je höher das Nettoeinkommen und je älter das Kind, desto mehr Unterhalt muss gezahlt werden.

Die Düsseldorfer Tabelle trägt ihren Namen seit 1962. Damals legte das Oberlandesgericht Düsseldorf zum ersten Mal sogenannte pauschalierte Unterhaltssätze für Scheidungs- und Trennungskinder fest. Zuvor gab es höchst unterschiedliche Regelungen, weil mehr als 90 Landgerichte in der damaligen Bundesrepublik Deutschland auch bei vergleichbaren oder sogar identischen Fällen mal mehr, mal weniger, doch nie den gleich hohen Unterhalt verfügten.

Für Kinder war die Anpassung der Düsseldorfer Tabelle zum 1. Januar 2010 ein ordentlicher Schluck aus der Pulle. Die Unterhaltssätze stiegen im Schnitt um 13 Prozent. Ein Vielfaches dessen, was in den vergangenen Jahren heraussprang, als die Sätze nur zwischen ein und zwei Prozent angehoben wurden.

Grund für den satten Unterhaltslift in diesem Jahr ist eine Gesetzesänderung, die Anfang 2008 in Kraft trat. Seitdem wird der Mindestunterhalt an den Kinderfreibetrag gekoppelt. Folge: Setzt die Regierung den Kinderfreibetrag und damit auch das Kindergeld nach oben, müssen Unterhaltspflichtige mehr zahlen. Selbst wenn ihr Nettoeinkommen nur unmerklich oder gar nicht gestiegen ist und auch die Inflationsrate, wie derzeit, eher auf bescheidenem Niveau verharrt.

Schon heute befürchten viele Unterhaltspflichtige, dass ihnen finanziell die Puste ausgehen wird, falls der Gesetzgeber die Systematik nicht irgendwann grundlegend ändert. Denn falls Schwarz-gelb das noch recht verhalten formulierte Vorhaben, den steuerlichen Kinderfreibetrag mit dem Grundfreibetrag für Erwachsene gleichzusetzen, in die Tat umsetzt, würde der Mindestunterhalt – unabhängig von Lohnentwicklung und Inflation – auf deutlich mehr als 500 Euro steigen. Wohl viel zu viel für fast alle zahlenden Väter, die ein Monatsnetto von 1500 Euro oder weniger haben.

Die Berechnung des korrekten Kindesunterhalts ist dabei eine hoch komplizierte Sache. Denn Unterhaltspflichtige dürfen etwa berufsbedingte Aufwendungen und Schulden berücksichtigen. Außerdem muss ihnen genug Geld bleiben, damit sie selbst passabel ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Deshalb wird auf Seiten des Unterhaltspflichtigen zwischen dem „notwendigen“ und dem „angemessenen“ Eigenbedarf unterschieden. Überdies will oft auch die Ex-Partnerin ihren eigenen Unterhalt, sofern sie nicht berufstätig ist oder ein vergleichsweise geringes Einkommen hat. Allerdings gilt hier die Regel: Zuerst das Kind, dann der Unterhalt für den oder die Ex.

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