Zeitung Heute : Erst die Kinder, dann die Rente

Antje Vollmer

TRIALOG

Nichts ist asozialer als eine hohe Arbeitslosigkeit – stellt Richard Schröder fest. Darin stimme ich ihm ebenso zu wie in seiner Analyse, auf welch hohem Niveau sich unser Leiden an den notwendigen Sozialreformen zurzeit bewegt. „Nichts ist rückständiger als ein auf Besitzstandswahrung ausgerichteter Blick auf die Inhaber von Arbeitsplätzen“, lässt sich die Argumentationslinie fortführen. Je teurer der Preis für einen rumdum geschützten Dauerarbeitsplatz, desto unüberwindbarer bleiben für Arbeitslose auch die Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt. Für die persönliche Lebensplanung weit problematischer als ein zunächst untertariflich bezahlter oder befristeter Jobeinstieg ist aber die Entwicklung einer Identität als dauerhafter Empfänger staatlicher Transferleistungen.

In Familien, die seit vielen Jahren von Sozialhilfe leben müssen, wird nicht mehr das Vorbild des Lernens, der Lehrstellensuche, des Erfülltseins von einem vielseitigen Arbeitsleben an Kinder und Enkel weitergegeben. Die Vermittlung des elterlichen Erfahrungsschatzes besteht hier – aus Überlebensgründen – in der Vermittlung von Strategien zur Optimierung von „Ansprüchen“, die dem Einzelnen „zustehen“. Nicht dem Vorwurf des Missbrauchs soll hier einmal mehr das Wort geredet werden! Die menschliche und soziale Tragik aber liegt für mich in Lebensläufen, für die Bildungsanstrengungen keinen Wert darzustellen scheinen, weil es schon in dritter Generation kein Familienmitglied mehr gibt, bei dem sie von Erfolg gekrönt gewesen wären.

Die jetzt begonnenen Sozialreformen sollen den Sozialstaat wieder auf diejenigen unverzichtbaren Funktionen zurückführen, die er ursprünglich und über viele Jahrzehnte erfüllt hat. Er soll befristete Hilfen zur Überbrückung vorübergehender Notlagen gewähren, zum Beispiel zwischen Ausbildung und Berufseinstieg, in Erziehungszeiten oder bei vorübergehender Arbeitslosigkeit. Die Würde wird den Menschen mit der Chance genommen, selbstverantwortlich ihr eigenes Leben zu gestalten und für sich und ihre Kinder aufzukommen. „Chance zur Teilhabe an der Arbeitsgesellschaft“ und „Öffnung der Arbeitswelt für moderne Biographien“ muss das Paradigma lauten, an dem alle konkreten Vorschläge zu messen sind.

Vielleicht, das ist meine Hoffnung, liegt in der entschiedenen Befolgung dieses Zieles auch der Schlüssel zu einem anderen großen Problem, das wir meist unter der verkürzten Überschrift „demografische Schieflage“ diskutieren. Hinter den statistischen Zahlen der 40 Prozent Akademikerinnen (und 30 Prozent aller Frauen), die kinderlos bleiben, stehen tausende von Frauen, die während ihrer Schul- und Ausbildungszeit eigene Kinder noch als selbstverständlichen Lebenswunsch genannt haben. Ganz offensichtlich vermochte kein fiskalischer Anreiz der letzten Jahre ihnen die berechtigte Angst zu nehmen, in der mobilen, flexiblen Arbeitswelt als Mütter unter die Räder zu kommen oder an den Rand zu geraten. Sie alle brauchen nicht die Aussicht auf eine spätere Witwenrente oder die Eigenheimzulage, um den Mut zum Kind aufzubringen, sondern die glaubwürdige Perspektive, auch mit Kindern weiterhin an qualifizierter Arbeit teilhaben und eine eigene Rolle im gesellschaftlichen Leben erringen zu können. Wenn auch nicht die Rentenprobleme auf einen Schlag zu lösen sind, so wäre doch für viele Einzelne späterer Kummer über nicht mehr korrigierbare Verzichte auf ein Leben mit Kindern vermeidbar.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

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