Zeitung Heute : „Erst die Schweine, dann der Mensch“

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Hans Wilhelm Doerr ist Direktor des Instituts für Medizinische Virologie des Universitätsklinikums Frankfurt am Main. Er war an der Isolierung und Identifizierung des SarsErregers maßgeblich beteiligt.

Wie gefährlich ist Sars im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen?

Sars ist deutlich weniger explosiv als eine klassische Grippe. Wenn jetzt in China eine neue Influenza aufgetreten wäre, dann wären nicht Tausende, sondern Hunderttausende erkrankt. Sars ist dagegen eine weniger schnelle Epidemie. Zwar wird sie wie die Grippe auch durch Tröpfcheninfektion übertragen. Aber offenbar setzt die größte Ansteckungsgefahr erst mit Beginn der tatsächlichen Erkrankung ein. Das ist ganz wichtig, denn dann kann die Infektion erkannt und der Patient isoliert werden.

Der Sars-Erreger greift wie der Erreger der Influenza die Atemwege an. Sind solche Viren nicht schwer mit Impfstoffen zu bekämpfen?

Man kann bei den Corona-Viren, die der Auslöser von Sars sind, ohne weiteres einen ähnlichen Impfstoff entwickeln, wie wir ihn auch gegen die Grippe haben. Aber es ist richtig, dass der Schutz vor Influenza nur ein Jahr anhält. Dann muss neu geimpft werden. Das liegt unter anderem daran, dass die Schleimhäute, die von dem Erreger zunächst angegriffen werden, ein geringes Immungedächtnis haben. Außerdem ist der Schutz auch nicht hundertprozentig sicher. Aber die Krankheit wird abgemildert. Das ist auch von einem Impfstoff gegen Sars zu erwarten.

Ein weiteres Problem ist die Wandlungsfähigkeit des Sars-Erregers.

Beim Corona-Virus ist es tatsächlich das Problem, dass er sich relativ schnell wandelt – wie das Influenza-Virus auch. Es kann dann sein, dass ein gerade entwickelter Impfstoff schon nicht mehr richtig wirkt, weil sich das Virus in der Zwischenzeit verändert hat. Ein Impfstoff verleiht aber auch dann noch eine gewisse Immunität.

Wird es wieder vorkommen, dass, wie im Fall von Sars, ein Erreger vom Tier auf den Menschen überspringt?

In der Natur kommt es häufig vor, dass Viren von einer Tierart auf die andere übertragen werden. Auch für den Menschen gibt es viele Beispiele. Das HI-Virus etwa ist vermutlich vom Affen auf den Menschen übergegangen. Und gerade die Grippeviren kommen immer wieder von Wasservögeln, häufig über den Zwischenwirt Schwein, auf den Menschen. Wir hatten im vergangenen Jahrhundert alle zehn bis 40 Jahre einen solchen Übergang…

…unlängst hat sich ja ein Mann auf einer Farm in den Niederlanden an der Hühnergrippe angesteckt.

Der Fall zeigt, dass bei uns die Gefahr in der Massentierhaltung besteht. Tiere werden auf engstem Raum zusammengepfercht. Wenn da mal ein Virus auftritt, dann vermehrt sich das explosionsartig. Wenn ich da hinein gehe, dann atme ich das mit dem Staub ein. Normalerweise gehen diese Viren zwar nicht auf den Menschen über. Aber in einer Massentierhaltung kann ein Virus in so großer Menge vorhanden sein, dass ich mich doch infizieren kann. Es ist deshalb die Aufgabe der Veterinärmedizin, darauf zu achten, dass sich solche Tierseuchen nicht ausbreiten.

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