Zeitung Heute : Erst ein Luna-Park in Lima und dann zurück an die Spree

Der Tagesspiegel

Norbert Witte hat viel zu tun - auch in Lima. Ein Interview? Klar. Aber zum verabredeten Zeitpunkt erscheint er nicht. Er kämpft bis Mitternacht mit der peruanischen Zollbehörde um die Herausgabe der Container, mit denen er seine Fahrgeschäfte nach Peru verschiffen ließ. Der ehemalige Spreeparkbetreiber hatte sich Mitte Januar mit seiner Familie aus Berlin abgesetzt und seine Achterbahnen und Karussells gleich mitgenommen. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Konkursverschleppung und prüft, ob er sich außerdem der Unterschlagung und Veruntreuung schuldig gemacht hat.

Ein paar Tage später kommt das Gespräch zustande. In Wittes Lieblingscafé, das in einem der teuersten Geschäftszentren der Stadt liegt und einen wunderschönen Blick auf den Pazifik bietet. Es ist drückend heiß, doch an diesem Ort weht eine erfrischende Brise vom Meer herüber. Witte, das Gesicht leicht gebräunt, ist ganz in schwarz gekleidet, in Jeans und einem weiten T-Shirt, unter dem er ein Goldkettchen trägt. Sein Reisepass steckt locker in der hinteren Gesäßtasche. Den Kopf bewegt er vorsichtig, denn er hat sich vor einigen Wochen bei einem Unfall sechs Wirbel gebrochen. Witte kommt ohne Einleitungsfloskeln zur Sache und redet und redet. Über zwei Stunden lang. Eloquent, überlegt, mit einem gewinnenden Lächeln. Ein Mann, von dem man ohne lange zu überlegen einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Die Überzeugungskraft Wittes muss 1991 auch auf den Berliner Senat gewirkt haben, als Witte den Zuschlag für sein Konzept eines neuen Vergnügungsparkes im Plänterwald bekam, wo bis dato der DDR-Kulturpark sein Zuhause hatte.

Aber da gibt es noch eine andere Seite Wittes: Er kann sich in Rage reden, wenn nicht sogar um Kopf und Kragen. Zum Beispiel, wenn er über die verantwortlichen Berliner Politiker spricht, die den Plänterwald zum Naturschutzgebiet erklärten und nicht genügend Parkplätze zulassen wollten. Das sind für ihn schlicht und einfach „Klugscheißer". Witte wird deutlich ruppiger, wenn er über Berlin redet, da kommen ihm unflätige Ausdrücke leicht über die Lippen. Aber er begreift seinen Abzug aus Berlin auch als persönliche Niederlage. Seine Freunde hätten ihm gesagt: „Norbert, du bist der Typ. Du wirst das schon hinkriegen!" Doch er, Witte, habe es nicht hingekriegt, er habe mit allen Politikern gesprochen - erfolglos. Immerhin, er kann sich mit der Aussage seiner Kreditgeber bei der Deutschen Bank trösten: „Berlin hat versagt. Nicht der Unternehmer. Nicht die Bank." Bei jedem dieser drei Sätze schlägt Witte mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Gläser machen einen leichten Satz und der Kaffeelöffel klirrt gegen die Tasse. Sein Resümee: „Ich könnte in die Tischkante beißen vor Wut!"

25 Jahre lang war Witte Mitglied der SPD, dann wechselte er in die CDU. „Ich konnte doch nicht in einer Partei bleiben, die mich hinrichtet", sagt er dazu. Wie ein Politiker macht sich der Schausteller für den Mittelstand stark und wettert gegen die großen Konzerne. Er sieht nicht ein, warum der Senat Daimler Benz auf dem Potsdamer Platz anders behandelt als ihn, den kleineren Unternehmer. Ebenso engagiert kann sich der aus Hamburg stammende Witte über die Benachteiligung der östlichen Bezirke Berlins empören, die seiner Überzeugung nach bis Ende letzten Jahres eine westliche Zwangsregierung erdulden musste. Aber im Grunde meint er nur den Spreepark im Osten der Stadt, dessen vorläufiges Ende aus Wittes Sicht der Senat zu verantworten hat. Als Folge der Parkplatzprobleme im Plänterwald seien die Besucherzahlen gesunken und der Betrieb seines Freizeitparks unrentabel geworden. Ihm sei daher nur ein Ausweg geblieben: Den Erbbauvertrag mit dem Land Berlin zu kündigen und seine Fahrgeschäfte zu räumen.

Es ist nicht leicht, mit Norbert Witte über den Ort zu reden, an dem er jetzt einen neuen Vergnügungspark aufbauen will, über Lima, über Peru. Die Frage, nach welchen Kriterien er sich hier ein Areal aussuchen wolle, führt ihn sofort zum Parkplatzproblem, und schon ist er wieder in Berlin, im Spreepark. Möchte man wissen, ob er sich in Lima bereits eingelebt hat und ob ihm das Leben hier gefällt, antwortet er, der schönste Ort auf der Welt sei für ihn der Plänterwald: „Berlin hat eine Perle mit dem Spreepark. Da bin ich zu Hause. Es tut mir weh." Plänterwald, immer wieder Plänterwald. Es scheint, als wäre Norbert Witte noch gar nicht in Lima angekommen, einer Stadt in der Wüste, in der es keinen Wald gibt. Zunächst wollte er seinen Vergnügungspark am Meer bauen, doch die Realität hat ihn eines Besseren belehrt: Das Pazifikwasser ist zu salzhaltig und die Luft zu feucht; hier würden seine Fahrgeschäfte schnell verrosten. Norbert Witte hat sich selbst in die Wüste geschickt. Das Leben in Lima ist nicht einfach. Er spricht kein Wort Spanisch; im Zollhafen wurden ihm das Werkzeug, zwei Computer und die Relais seiner Zugmaschinen gestohlen. Außerdem ist es in einem Land mit weitgehend korrupten Behörden ein schwieriges Unterfangen, Waren aus dem Zoll zu holen. Doch Witte wäre nicht Witte, steckte er so einfach auf. Er hat sich vor Ort gute Anwälte und Berater besorgt. Hat er im Zoll auch Bestechungsgelder zahlen müssen? Der Schausteller: „Wenn die Peruaner hier zurechtkommen, dann komme ich auch zurecht. Mir hat mal einer gesagt: Norbert, du bist ja schlimmer als ein Peruaner!"

Es waren peruanische Freunde in Berlin, die Witte auf dieses Land aufmerksam machten. Die erzählten ihm, in Peru gäbe es kaum Vergnügungsparks und Achterbahnen erst recht nicht. Witte trug sich schon länger mit dem Gedanken, eine Filiale mit ausrangierten Fahrgeschäften im Ausland zu eröffnen. „In Deutschland läuft ein Fahrgeschäft nur vier bis fünf Jahre, dann kann es nach Peru gehen. Die sind etwa zwanzig Jahre zurück." Wo er mit seiner Familie - seiner Frau, fünf Kindern, einem Schwiegersohn und zwei Enkeln - lebt, will Witte nicht verraten. Ebenso wenig äußert er sich darüber, in welchen Stadtteilen die drei Areale liegen, die er für den Aufbau seines Vergnügungsparks in die engere Auswahl gezogen hat. Ursprünglich wollte er seine Karussells und Achterbahnen bereits im April hier aufgebaut haben. Aber in Peru läuft alles langsamer als in Deutschland. Sein neuer Termin: Ende Juni. Dann will er auch wieder nach Deutschland kommen. Die Firma in Lima soll dann von seinen beiden ältesten Kindern betrieben werden. Nach insgesamt drei bis fünf Jahren soll sie von peruanischen Geschäftspartnern übernommen werden.

„Als Geschäftsmann will und muss ich Geld verdienen", umschreibt Witte seine Pläne für Peru. Ende Dezember war er zum ersten Mal nach Lima geflogen und hatte sich von der Stabilität des Sol, der peruanischen Währung, überzeugt. Peru sei ein Land im Aufbruch, meint er. 10 bis 15 US-Dollar Eintritt will er für seinen Park verlangen. Witte hat sich sagen lassen, dass von den neun Millionen Einwohnern der peruanischen Hauptstadt etwa zehn Prozent vermögend seien. Dies ist seine Zielgruppe, die überwiegend arme Bevölkerung ist für ihn uninteressant. Seine Firma hat er ins Handelsregister eintragen lassen. Innerhalb kurzer Zeit will Witte hundert Mitarbeiter im „Luna-Park“ beschäftigen.

Sechs seiner Schlosser sollen zur Montage der Fahrgeschäfte nach Lima kommen: „Norbert, wir lassen dich doch nicht allein!", hätten die zu ihm gesagt. Tatsächlich klingelt während des Interviews Wittes Mobiltelefon. Aus dem Gespräch geht hervor, dass die Berliner Monteure bereits in anderthalb Wochen in Lima sein wollen. Wittes Familie wäre lieber in Berlin geblieben. Sie wirft ihm vor, den Spreepark zu früh aufgegeben zu haben. Der Schausteller hat Heimweh, aber das Kind im Mann zeigt sich auch in der Ferne: „Neulich hielt mich ein korrupter Polizist an und wollte dreißig Soles wegen einer angeblichen Unstimmigkeit in meinem Reisepass. Da habe ich gesagt: Ich gebe dir 50 Soles, aber dafür rasen wir einmal mit eingeschaltetem Blaulicht um den Block."

Der Polizist ging darauf ein. Witte freut sich diebisch, als er die Geschichte erzählt. Solch einen Spaß hat er in Deutschland nicht gehabt.

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