Zeitung Heute : Erst Hilfe

Renate Stark kümmert sich um arme Berliner. Sie lockt – und fordert. Eine Sozialsprechstunde

Steffen Kraft

Die Erste war um acht Uhr da. Sie kam so früh, damit ihre Tochter nicht auf der Straße stehen musste. Zwei Stunden, das wäre dem Mädchen nicht gut bekommen, sagt die Mutter. Über Nacht war es kalt geworden, als wollte der Sommer an diesem Septembermorgen schon mal ankündigen, dass er jetzt bald gehen werde. Nur damit sich alle schon mal vorbereiten.

Ihre Tochter, ein blondes Mädchen von 17 Jahren, war kurz vor 10 Uhr gekommen. So konnte sie gleich hinein, als die Frau von der Caritas die Haustür aufschloss und die Menschentraube von der Straße ins Wartezimmer ließ. Das Mädchen ging an diesem Morgen als Erste in das Zimmer von Renate Stark. Nun soll sie ihr Anliegen schildern. Es fällt ihr schwer. Dabei lässt es sich in einfache Worte fassen. Das Mädchen sagt: „Ich bin schwanger.“

Renate Stark ist Sozialarbeiterin bei der Caritas-Station in der Berliner Dänenstraße, Prenzlauer Berg. „Allgemeine Sozialberatung“ nennen Fachleute die offenen Sprechstunden, die Renate Stark hier immer dienstags und freitags abhält. Ihre Klienten sind Menschen, die nicht mehr weiter wissen, die Schulden haben oder den Job verloren. Es sind nicht wenige.

„Die Hälfte der Leut’ müsse’ mer wegschicke’“, sagt die 49 Jahre alte Renate Stark, die Schwäbin ist und auch so redet. „Sonst fall’ i’ um.“ Die Arbeit der Sozialarbeiterin ist anstrengend, denn ihre Klienten leiden an einer Krankheit, die ein Einzelner nicht kurieren kann. Das ist so, weil es keine körperliche Krankheit ist, von der ihre Klienten betroffen sind, sondern eine gesellschaftliche. Sie heißt Armut. In der Sozialsprechstunde kann man ihre Symptome sehen.

Das blonde Mädchen weiß noch nicht, ob sie das Kind behalten soll. Renate Stark ist Katholikin und in solchen Momenten froh, dass sie nicht Schwangeren-, sondern Sozialberatung macht. Dem Mädchen sagt sie: „Es ist ganz allein deine Entscheidung.“ Macht eine Pause – und zählt dann schnell auf: „Wenn du dich für das Kind entscheidest, besorgen wir vom Amt das Geld für die Erstausstattung, Ergänzungsgeld, Kindergeld, Elterngeld.“ Außerdem schreibe sie einen Antrag an die Bundesstiftung „Hilfe für die Familie“, die gebe jungen Mütter noch etwas zusätzlich. Auf ihrem Computer hat Stark dafür schon ein fertig vorbereitetes Formular. So kann man auch katholisch beraten.

Die Zeit des Ausfüllens nutzt Renate Stark, um über die Ausbildung des Mädchens zu reden. Es hat keine. Sobald das Baby da ist, empfiehlt Stark, wäre doch die Realschule für Mütter mit Kindern in Steglitz sinnvoll. „Da gebe ich dir gleich ’ne Adresse mit“. Und dann sagt sie den Satz, den sie in ihrer Beratung vielleicht am häufigsten sagt: „Ich will eine Ausbildung. Des ist des, was du immer denken musst.“

Wenn Renate Stark auf dem Computer herumtippt, bemerkt man nicht, dass sie das Formular am Bildschirm schon häufig ausgefüllt hat. Die Minuten am Computer seien die Zeit, „in denen ich mit den Menschen ein bissle bruddle“, sagt sie und meint damit, dass sie die Menschen auffordert, etwas gegen die Krankheit zu tun, die sie scheinbar so unausweichlich gepackt hat. Ihre Worte sind dabei nicht immer nett, der Dialekt allerdings federt die Wucht etwas ab.

„Die Menschen kommen her, weil sie Geld wollen. Aber die bekommen hier noch etwas anderes“, sagt Stark. Man könnte sagen, dass die Sozialberatung so etwas wie ein Trick ist, der ähnlich funktioniert wie eine Honigfalle. Sie lockt mit Hilfe, wer allerdings einmal in Renate Starks Zimmer sitzt, wird angehalten, sich abzustrampeln. Weil sich ihr Ruf in dieser Hinsicht gefestigt hat, seitdem sie vor 14 Jahren in Prenzlauer Berg angefangen hat, kommt es vor, dass Sachbearbeiter in den Jobcentern ihr manchmal Menschen schicken, bei denen sie selbst nicht mehr weiter wissen.

Renate Stark stellt für solche Fälle eine Karton Kleenex parat. Sie braucht ihn häufig. Bei ihrem nächsten Klienten zum Beispiel. Es ist ein Mann mit Bürstenhaarschnitt, Ende 30, auffallend aufrechtem Gang und einer schwarzen Mappe in der Hand. Er muss aus seiner Wohnung heraus, weil von seinem Konto die Miete nicht mehr eingezogen werden konnte. Bei der neuen Wohnung wiederum kann er die Kaution nicht bezahlen. Der Mann ist Fliesenleger, war selbstständig – bis einige Auftraggeber nicht bezahlt haben. Irgendwann hat er seine Finanzen aus dem Blick verloren, musste das Gewerbe abmelden. Nun will er wieder bei der BVG als Busfahrer anfangen. Das hat er früher auch schon mal gemacht.

Das Sozialamt kann nichts für ihn tun. Renate Stark schon. Sie reicht ihm die Kleenex-Packung. Dann füllt sie einen Antrag aus, in ein paar Tagen wird die Wohnungsbaugesellschaft die Kaution auf dem Konto haben. Im Beratungsraum steht das Fenster auf Kippe. Die Luft ist trotzdem schon etwas stickig, als der Mann wieder auf den Flur tritt.

Die Caritas-Station ist kein Amt, der Ton ist herzlicher, wenn auch manchmal nicht weniger bestimmt. Vielleicht liegt das auch daran, dass man merkt, dass Renate Stark vor allem eines nicht will: dass die Krankheit einer Gesellschaft sich im Leben der Einzelnen für immer verfestigt. Renate Stark zählt zu den Symptomen auch Hoffnungslosigkeit, Faulheit oder die Einstellung, dass am eigenen Schicksal immer die anderen Schuld sind.

Der nächste Klient ist ein junger Mann Anfang 20, ausgewaschener schwarzer Pulli, etwas zu kurze Jeanshose. Er hat einen Zuschuss zu seinem Arbeitslosengeld gestrichen bekommen. „Seit der Einführung des Euro kann ich nicht mehr als Lebensmittelkaufmann arbeiten“, sagt er. Grund sei eine Chrom-Nickel-Allergie, die ausbreche, wenn er zu viel Kontakt zu den neuen Münzen habe. „Eine Umschulung bezahlen die mir nicht“, sagt er. Ein Attest, das die Allergie bestätigen würde, hat er in der Zeit seit dem Jahr 2002 allerdings auch nicht geholt. „Da musst du dich nicht wundern“, sagt Renate Stark. Der Mann im Pulli wird unruhig. „Ja, aber“, setzt er an. Renate Stark verweigert die Hilfe nicht, verspricht beim Amt wegen des Zuschusses anzurufen. Aber sie sagt auch: „In einer Woche stehst du hier mit einem Attest.“

Wenn die Menschen mit ihren Lebensflunkereien zu ihr kommen, setzt Renate Stark einen Blick auf, der immer ein klein wenig über ihre Brille hinweg geht. Dem Mann mit der Chrom-Nickel-Allergie sagt sie: „Bis 25 wirst du noch gefördert.“ Dann lässt sie ihn auf den Flur. Das Wartezimmer ist immer noch gefüllt. Als der Mann mit Stark aus dem Beratungszimmer tritt, ruft ein Kind: „Keine Sorge!“ Man weiß nicht, warum es das sagt. Trotzdem wird es kurz ganz still. Dann sagt Renate Stark: „Der Nächschde bitte!“

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