Zeitung Heute : Erst lesen, dann helfen

Die Zeitung hat sich schon immer engagiert: für Kriegsheimkehrer, für Ost-Flüchtlinge. Dann kamen Bam, Beslan – und der Tsunami

Annette Kögel

Zeitungsleute sind Beobachter, Chronisten, Analysten. Sollen in der Regel von außen auf die Dinge blicken – sich nicht gemein machen mit einer Sache, mit dem Objekt der Berichterstattung. Doch das geht nicht immer, soll auch nicht immer so sein. Es gibt Geschehnisse, die reißen diese unsichtbare Mauer der Distanz ein. Dann sind die Leser tief bewegt, und auch die Journalisten wollen direkt eingreifen. Seit sechs Jahrzehnten zeigen Tagesspiegel-Leser, dass ihre Hilfsbereitschaft keine Grenzen kennt. Dass sie, wann immer und wo auch immer in der Welt Not herrscht, anderen unter die Arme greifen. Und das nicht allein durch das Ausfüllen eines Überweisungsbelegs bei der Bank.

Es begann im Jahr 1946, diese Zeitung war gerade ein halbes Jahr auf dem Markt, da appellierte sie erstmals in großem Rahmen an die Mitmenschlichkeit – und bat um Spenden für die Heimkehrer-Hilfe. Die materiellen Nöte der ehemaligen Kriegsgefangenen sollten gelindert werden. Und all die, die selbst nicht mehr viel hatten, ließen sich nicht lange bitten. Zwei, sechs, zwanzig oder auch fünfzig Mark wurden gespendet. Betriebe und Schulen sammelten, Skatbrüder überwiesen, bei Tanzvergnügen ging die Sammelbüchse herum – wie auch heute noch bei den aktuellen Tagesspiegel-Spendenaktionen, ob für die Opfer des Geiseldramas von Beslan 2004, für die Erdbebenopfer von Bam 2003, für Ruanda 1994, für Leningrad 1990.

Im Jahr 1946 kamen 138000 Mark für die Heimkehrer zusammen, ein halbes Jahr später waren es fast 300000 Mark. Auch damals engagierten sich bekannte Zeitgenossen. Curth Flatow gab den Conferencier bei einer Versteigerung in der Komödie am Kurfürstendamm, Gustaf Gründgens rezitierte Rilke im Renaissance-Theater. Damals wie heute zog der Tagesspiegel, der längst einen eigenen Spendenverein besitzt, akribisch Bilanz. Anfang der 50er Jahre suchten tausende Menschen Zuflucht in West-Berlin vor den Zuständen in der „Ostzone“. Wieder appellierte der Tagesspiegel: „Helft den Flüchtlingen.“ Dieses Mal wurde auch um Sachspenden gebeten. Die Berliner gaben Wolldecken und Kleidungsstücke in den Tagesspiegel-Filialen ab, die an das Flüchtlingslager des Roten Kreuzes weiterverteilt wurden. Binnen weniger Stunden war der erste Lastwagen beladen. Doch die Aktion fand nicht nur Zustimmung. „Ich bitte, mir den verantwortlichen Redakteur zu benennen“, kam die Aufforderung aus dem Hause des Polizeipräsidenten. Spendenaufrufe ohne Genehmigung seien „eine strafbare Handlung“, hieß es unter Berufung auf ein Gesetz aus dem Jahr 1934. Die Zeitung druckte den Brief ab – „ohne Kommentar und ohne Antwort“. Das war auch eine.

Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 flohen immer mehr Menschen gen Westen. Innerhalb von sechs Wochen gaben die Leser im Westen 21000 Mark für die Berliner aus dem Osten. Um Freiheitsrechte ging es wiederum 1956, als auch der Tagesspiegel über den erbitterten Kampf der Ungarn berichtete. Ein Ost-Berliner spendete 50 Ostmark – und stieß so die Berliner „Ungarnhilfe“ an. An einem einzigen Tag spendeten die Leser 13000 Mark. Das Rote Kreuz schloss sich der Zeitungsaktion an, und drei Tage später waren bereits 250000 Mark zusammengekommen. Leser griffen schon immer spontan zu Telefonhörer und Portemonnaie, sobald sie ein Artikel in der Zeitung besonders anrührte. Das war in jüngster Zeit etwa bei Berichten über hungernde Kinder in Masuren 2004 der Fall. 30000 Euro wurden zugunsten der Deutsch-Polnischen Gesellschaft überwiesen.

Schon 1955 reagierten Käufer und Abonnenten spontan, als ein Redakteur einen „Blick ins Rentnerportemonnaie“ geworfen hatte: monatlich 62 DM plus 30 DM Sozialamtszuschuss. Viele Leser übernahmen „bis auf weiteres“ eine monatliche Zusatzrente in Höhe von fünf oder zehn Mark für den Rentner und andere Betroffene.

In Westdeutschland, wie die Berliner zu Mauerzeiten sagten, wurde die Großzügigkeit der Menschen auf der Insel inmitten der DDR schon fast neidvoll beäugt. 1962 wurde über die Sturmflut berichtet, die über die norddeutsche Küste hinweggerollt war. Wieder riefen Leser an, wieder startete eine Spendenaktion: 325000 DM in vier Wochen. Rudolf Augstein schrieb in seinem Spendenaufruf im „Spiegel“ am 4. April 1962: „Wollen wir in Westdeutschland den Westberlinern diesen Vorsprung gönnen? Ist es wahr, daß die Berliner hilfsbereiter sind als wir in der Bundesrepublik oder daß sie als selbst Bedrohte hilfsbereiter geworden sind?“ Damals ahnte niemand, dass 1997 die Oderflut kommen – und am 26. Dezember 2004 eine gigantische Welle Südasiens Küsten heimsuchen sollte.

„Menschen helfen“: Unter diesem Motto bittet der Tagesspiegel seit Anfang der 90er Jahre vor Weihnachten um Spenden. Zunächst für Obdachlose, seit Jahren aber auch für andere benachteiligte Menschen: Behinderte, Kranke, Missbrauchsopfer, Ausländer. Die Leser spenden immer fast eine halbe Million Mark. Nach dem Seebeben wurde die Aktion ausgeweitet – mit der Deutschen Welthungerhilfe zu Spenden für die Opfer des Tsunamis in Sri Lanka aufgerufen. 540000 Euro wurden gespendet, zusätzlich. Die Aktion läuft immer noch.

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