Zeitung Heute : Erst mal abwehren

Russland kritisiert den geplanten Raketenschutzschild der USA. Gegen wen richtet sich dieses System?

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Mit seinem neuen Raketenabwehrsystem möchte US-Präsident George W. Bush möglichst früh Langstreckenraketen abfangen können, die aus dem Mittleren oder Nahen Osten abgefeuert werden. Zwar besitzt zurzeit noch kein Staat in dieser Region solche Interkontinentalraketen. Doch Bush argumentiert nach dem Motto: Was noch nicht ist, kann ja noch werden.

Die meisten Nato-Partner sehen diese Gefahr nicht. „Sie haben dies den Amerikanern auch zu verstehen gegeben“, sagt Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit. Bei Gesprächen mit osteuropäischen Nato-Mitgliedern wie Tschechien oder Polen seien die Amerikaner dagegen auf Verständnis gestoßen. So könnten nach derzeitigem Stand Radaranlagen in Tschechien und die Basis für Abfangraketen in Polen aufgebaut werden. Diese Maßnahmen hält Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik durchaus für sinnvoll. „Wenn man Angriffe mit Raketen wirksam bekämpfen will, darf man nicht so lange warten, bis sie Staaten wie der Iran bereits in der Hand haben“, sagt der Rüstungsexperte.

Das „National Missile Defense“-System (NMD) ist das Nachfolgeprojekt der 1983 von Präsident Ronald Reagan angekündigten „Strategic Defense Initiative“ (SDI). Im Weltraum sollten anfliegende Feindraketen abgeschossen werden. Das „Krieg der Sterne“ genannte Projekt wurde wegen technischer Probleme, hoher Kosten und geringer Zuverlässigkeit aber nie Realität. Seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es nun neue Bedrohungsszenarien. „Schurkenstaaten“ oder Terroristen, die sich in den Besitz von Raketen mit Massenvernichtungswaffen setzen, lassen sich von der Abschreckung durch einen nuklearen Gegenschlag nicht abschrecken.

Das System soll Atomraketen schon in der Erdatmosphäre oder im Weltall zerstören. An der Antriebswärme des Feuerstrahls erkennen auf Satelliten installierte Infrarotkameras die Raketen, sobald sie die untersten Atmosphärenschichten durchbrochen haben. Allerdings müssen militärische und zivile Raketen unterschieden werden können. Ob das schwierige Vorhaben auch gelingt, soll demnächst ein mehrfach verschobener Test, das „Near Field Infrared Experiment“, zeigen.

Wurde eine Rakete als bedrohlich identifiziert, muss das System deren Flugbahn vorausberechnen können. Das geht dann relativ leicht, wenn es sich um eine ballistische Flugbahn handelt. Das ist normalerweise auch der Fall, denn eine Rakete wird wie ein Geschoss abgeschossen und während der Brennphase von der Erde weggetrieben. Anschließend fliegt sie antriebslos von der Schwerkraft gelenkt zur Erde zurück. Während des Fluges werden nukleare Gefechtsköpfe – und zur Ablenkung von Abwehrsystemen auch Attrappen – freigesetzt. Als Gegenmaßnahme starten „Killerobjekte“ vom Boden oder werden von Satelliten freigesetzt. Geplant ist, die „Abfangjäger“ auch lenkfähig zu machen. Außerdem sollen sie dank Infrarot- und Bildsensoren bald genügend „Intelligenz“ besitzen, um sich selbstständig annähern zu können. Die bei der Kollision frei werdende Energie dürfte dann ausreichen, die Gefechtsköpfe zu zerstören.

Fraglich ist allerdings, ob diese Strategie auch bei einer großen Zahl von Raketen funktioniert. Experten sehen die Grenze derzeit bei etwa 20 Gefechtsköpfen, die von zwei oder drei gleichzeitig angreifenden Raketen leicht freigesetzt werden können. Außerdem sollen russische Interkontinentalraketen entwickelt worden sein, die keine ballistische Flugbahn mehr aufweisen.

Fraglos müssen die Systeme in ganz kurzer Zeit reagieren können. In der Aufstiegsphase lässt sich eine Rakete relativ leicht berechnen und treffen. Dieses Zeitfenster ist zurzeit nur fünf bis zehn Minuten groß und wird durch moderne Entwicklungen noch kürzer. Noch schaffen es Abwehrsysteme nicht, in dieser kurzen Zeit startende Raketen zu entdecken und als feindlich oder ungefährlich einzustufen. Dann muss auch die politische Entscheidung über einen Abwehrschlag getroffen werden.

Mit all diesen Problemen haben auch möglicherweise in Polen installierte Abwehrsysteme zu kämpfen, wenn sie etwa vom Iran abgefeuerte Raketen abfangen wollen. Andererseits sind die in den USA vorgesehenen NMD-Standorte – Kalifornien und Alaska – eher für die Abwehr nordkoreanischer Raketen geeignet. „Sie könnten theoretisch auch vor chinesischen Raketen schützen“, sagt Nassauer. Raketen aus dem Nahen Osten ließen sich damit aber nur schlecht abwehren. Denn diese nehmen nicht den weiten Weg über den Pazifik, sondern den nahen über den Atlantik.

So ist es für die NMD-Strategen sinnvoll, sich bei willigen europäischen Partnern geeignete Plätze zu suchen. Russland allerdings bräuchte sich – so Nassauer – dadurch nicht bedroht fühlen. Denn der polnische Standort sei zur Abwehr russischer Raketen nicht geeignet. Auch Thränert gibt nicht viel auf das Getöse von Wladimir Putin. „Das soll nur als Alibi dienen, um von der eigenen Hochrüstung abzulenken“, sagt der Sicherheitsexperte.

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