Zeitung Heute : Erst nicht gewollt und jetzt gelobt - die Bahn übernimmt die Mehrkosten für die ungewöhnliche Konstruktion

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Von der neuen Bahnbrücke über den Humboldthafen beim künftigen Lehrter Bahnhof waren gestern die Bauherren und die Baufirmen total begeistert, dabei hätte es das Bauwerk in dieser Form beinahe nicht gegeben. Die Betonfahrbahn für vier Gleise wird von einer filigran wirkenden Stabbogenkonstruktion getragen, wie es sie bisher bei der Bahn in Deutschland nicht gibt. Die Bahn AG wollte ursprünglich einen massiven Betonbau erstellen, der 20 Millionen Mark billiger gewesen wäre. Der Brückenschlag hat jetzt insgesamt 90 Millionen Mark verschlungen. Die Mehrkosten trägt die Bahn AG.

Die Brücke über den Humboldthafen gehört zur neuen Trasse der Stadtbahn für den Ost-West-Verkehr, die im Bereich des künftigen Lehrter Bahnhofes nach Süden verlegt wird. Die 260 Meter lange Brücke endet derzeit noch vor der Baugrube des künftigen Zentralbahnhofes.

Der Entwurf für die Humboldthafenbrücke des Stuttgarter Ingenieurbüros Schlaich ist auf die Architektur des Lehrter Bahnhofes abgestimmt, den das Büro von Gerkan, Marg und Partner geplant hat. Darauf hatten sich alle Beteiligten geeinigt, bis die Bahn AG einen eigenen Plan präsentierte. Sie wollte einen reinen Zweckbau aus Beton errichten. Vor allem die Pfeiler hätten dann wie eine riesige Wand gewirkt. Erst nach einer Intervention der Senatsbauverwaltung kehrte die als "Betonkopf" gescholtene Bahn AG zum Ursprungsentwurf zurück, den sie gestern dann auch lobte.

Bei dem Bau haben die Planer und Firmen technisches Neuland betreten. Zum ersten Mal entstand eine Eisenbahnbrücke in Deutschland aus einer Kombination von gegossenem und gewalztem Stahl. Die Rohre der Stabbögen sind mit sogenannten Gussknoten verbunden, die in dieser Größe bisher nicht hergestellt worden waren.

Auf der Brücke enden später die Bahnsteige des Lehrter Bahnhofes für den Fern- und Regionalverkehr sowie für die S-Bahn. Das gesamte Brückenbauwerk mit dem neuen gläsernen Dach für den Bahnhof soll bis 2001 fertig sein. Dann werden auch die Gleise verlegt und die bisherige Trasse aus dem Jahr 1882 mit dem Lehrter Stadtbahnhof abgerissen, um den letzten Teil der unterirdischen Bahnhofsanlage bauen zu können.

Der Lehrter Bahnhof wird der größte Turmbahnhof Europas werden. Auf der acht bis zehn Meter hohen Stadtbahn wird der Ost-West-Verkehr abgewickelt, durch die Tunnelröhren rollt dann der Nord-Süd-Verkehr. Bis zu 240 000 Fahrgäste erwartet die Bahn täglich in dem neuen Zentralbahnhof. Beim Brückenschlag hat man auch den Bau der künftigen S-Bahn-Linie S 21 berücksichtigt. Die S-Bahn soll zunächst vom Nordring bis zum Lehrter Bahnhof führen. Die Fortsetzung Richtung Gleisdreieck ist erst für später vorgesehen. Zudem soll der Bahnhof mit der Linie 5 ans U-Bahn-Netz angeschlossen werden. Außerdem sind zwei Straßenbahnstrecken zum Lehrter Bahnhof geplant. Nicht berücksichtigt hat man dagegen beim möglichen Bau der Transrapidstrecke Hamburg-Berlin eine Verlängerung Richtung Süden. Hier stehen die Brückenpfeiler dem Transrapid im Weg.

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