Zeitung Heute : Erst radeln, dann rasten

Anna Corves
Wie ein kleiner Urlaub. Wenn man am Wochenende im frühlingshaften Brandenburg unterwegs ist, scheint der Montagmorgen im Büro noch ganz weit weg zu sein. Jetzt erst mal Füße – und Seele – baumeln lassen. Foto: Promo/TMB-Fotoarchiv/Schwarz
Wie ein kleiner Urlaub. Wenn man am Wochenende im frühlingshaften Brandenburg unterwegs ist, scheint der Montagmorgen im Büro noch...

Ab jetzt hindert nichts mehr daran, weder Triefnase noch Eisglätte, Rollsplit oder Wintermüdigkeit: Auf die Sättel und ab dafür! Jede Menge Radtouren locken durch Berlin und Brandenburg, für jeden Anspruch ist etwas dabei. Doch halt: Stellt sich zunächst die Frage nach dem richtigen Gefährt, falls das Vorjahresexemplar nichts mehr taugt.

Auf der ersten „Berliner Fahrrad Schau“ konnte man Anfang März ganz ausgefallene Modelle bewundern (www.berlinerfahrradschau.com). Auf 8000 Quadratmetern reihten sich spartanische Fixies, bei denen selbst die Bremsen fehlen, an Retro-Räder mit Ledergriffen und aufwändig gestaltete Cruiser, deren Sättel gefühlt nur knapp über dem Boden schweben. Mit einer Gesamtlänge von fast zwei Metern, ausladend geschwungenen Rahmen und schweren, hohen Chromlenkern. Zwischendurch durchkreuzte ein Besucher mit einem futuristischen Liege-Rennrad die Halle, während ein anderer sich mit einer Art Stepper aus dem Fitness-Studio rasant fortbewegte. Dass der Drahtesel mittlerweile ein (teures) Kult- und Lifestyleobjekt ist, fällt ja auch gelegentlich im Stadtverkehr auf, wenn eigenwillige Individualkonstruktionen vorbeiziehen – auf der „Berliner Fahrrad Schau“ war es jedoch ganz offensichtlich.

Eine erstaunliche Wiedergeburt erlebt derzeit allerdings ein Modell, das früher als Gegenteil von „stylish“ verschrien und maximal bei Senioren legitim war: das Fahrrad mit Motor. Das heißt heute E-Bike und sieht nicht mehr nach Reha-Rad, sondern wirklich schick aus, sogar klappbar sind manche Modelle. Damit will die Fahrradindustrie auch den Geschäftsmann um die 40 erreichen – der im dichten Stadtverkehr schneller und umweltschonender als mit dem Auto, gleichzeitig aber ohne Schweißflecken zur Arbeit kommen möchte. Der Motor des E-Bike ist unabhängig von der Tretkraft – man kann, muss aber nicht mehr strampeln. Einmal am Lenkrad gedreht und schon springt der nur unauffällig surrende Motor an. Wem das zu viel Mofa und zu wenig Fahrrad ist, der wählt besser das Pedelec: Das hat einen Akku, und funktioniert nur, wenn man auch in die Pedale tritt.

Also: Selbst wenn die Beinmuskulatur von der trägen Winterruhe noch geschwächt sein sollte, spricht nichts mehr gegen einen Ausflug mit dem Rad.

Noch beinahe druckfrisch ist das Programm des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), das 650 Touren umfasst – von kulinarisch („Zum Spargelessen nach Schäpe“, „Zum Schnapsmuseum nach Kloster Zinna“), über kulturell („Kirchen kieken“) bis exotisch (zu den „Gärten der Welt“ nach Hellersdorf). Die meisten Tagesausflüge finden am Wochenende statt. Doch auch nach einem langen Bürotag kann man die Nase nochmal in den Wind halten: Bei einer sportlichen Fahrt vom Müggelsee zum Teltowkanal zum Feierabend oder einer Mondscheinfahrt rund um Frankfurt (Oder). Die Tagestouren kosten für Nicht-Mitglieder des ADFC sechs bis neun, ermäßigt drei bis sechs Euro, die so genannten Kieztouren, bei denen Bezirke erkundet werden, sind gratis.

Wer sich auf weitere Wege wagt, für den sind Mehrtagestouren eine Option, beim ADFC etwa gen kühles Nass auf dem Ostseeküstenradweg oder für ambitionierte Mountainbiker, die hier naturgemäß zu kurz kommen, ins Erzgebirge auf den Fichtelberg. Die, die sich lieber individuell auf die Piste begeben, haben bei den zahlreichen Radfernwegen in Brandenburg die Qual der Wahl: Ausgedehnte Naturschutzgebiete, Schlösser, Klöster und andere Kulturdenkmäler und 3000 Seen locken aufs Land. Und nicht nur die schiere Masse von rund 7000 Kilometern ausgebautem Streckennetz, sondern auch die Qualität der Wege ist attraktiv: neun der bundesweit 17 ADFC-zertifizierten Wege liegen in Brandenburg, zeichnen sich also zum Beispiel durch verkehrsarme Routenführung, kluge Beschilderung und angenehme Befahrbarkeit aus. Zu diesen ausgezeichneten Wegen gehört die Oder-Spree-Tour (etwa ab Fürstenwalde), die beiden Flüssen durch zwei Naturparks folgt – einfach immer der „Naturpark-Eule“ hinterher. Der Rundkurs ist insgesamt 278 Kilometer lang; da er aber wie eine Acht verläuft, kann er auch in (mindestens) zwei Abschnitte zerlegt werden.

Direkt ab Berlin startet der ebenfalls zertifizierte Dahme-Radweg (er ist erst ab Brandenburg beschildert). Der Flusslauf der Dahme führt auf dem Weg zu ihrem Quell an Sehenswürdigkeiten wie der Rundfunkstadt Königs-Wusterhausen oder dem märkischen Dorf Prieros vorbei – und wer, am Ziel angekommen, nicht den gleichen Weg wieder retour fahren will: Der Dahme-Radweg verknüpft andere Wege wie den R1, den Gurkenradweg oder den Flaeming-Skate. Letzterer zeichnet sich vor allem durch die bestens gepflegten Asphalt-Wege aus, die ganzjährig regelmäßig von Schnee oder Split geräumt werden. Am besten Fahrrad (oder Skates) in die Regionalbahn packen, bis Jüterborg fahren, dann den knapp 100 Kilometer langen Rundkurs durch den verträumten Niederen Fläming rollen.

Noch recht neu zu entdecken ist der Havel-Radweg (nicht zu verwechseln mit dem Havelland-Radweg), der erst im Mai 2009 eingeweiht wurde. Die Strecke lohnt, kann man doch gleich ab Berlin auf guten Wegen starten und die Landschaft genießen. Besonders schön ist der 388 Kilometer lange Weg an der Havelmündung in die Elbe. Ärgerten anfangs stellenweise noch enge Wegsperren Tandemfahrer oder Radler mit Kinderanhänger, wurden diese nach und nach beseitigt. Und auch die zunächst noch dürftige Beschilderung soll mittlerweile auf Vordermann gebracht worden sein.

Auch für leistungsorientierte Freizeitradler ist die Angebotspalette groß. Hier ist der Bund Deutscher Radfahrer mit seinem Breitensportkalender eine gute Informationsquelle (www.bdr-online.org): Von Volksradfahrten für die ganze Familie, über Radtourenfahrten (organisierte Radsporttouren für Jedermann) bis hin zum Radmarathon (mehr als 200 Kilometer) und Jedermann-Rennen mit Zeitmessung.

Wem Radeln allein zu einsam ist, der fühlt sich vielleicht beim Bikepolo gut aufgehoben: Dazu braucht man nur einen Schläger, ein Fahrrad – und die Geschicklichkeit, mit einer Hand zu steuern und mit der anderen den Ball ins gegnerische Tor zu schießen. Eine lose Gruppe von Bikepolospielern spielt sonntags regelmäßig auf dem Kreuzberger Wassertorplatz oder in Weißensee. Auf der Homepage www.bikepolo-berlin.de kann man sich in den Email-Verteiler eintragen, zum nächsten Treffen einfach hingehen und ausprobieren.

Ganz Abwechslungsbedürftige können sich auch bei einem Jedermann-Triathlon erproben: Erst ab in den See, aufs Rad geschwungen und dann die letzte Energie noch rennend rauslassen... Das geht zum Beispiel beim Kallinchen-Triathlon (www.kallinchen-triathlon.de), traditionell am letzten Sonntag im August. Der feiert dieses Jahr sein 20. Jubiläum und führt zu diesem Anlass neben der Schnupper-Variante (300m – 13km – 3km) und der Lang-Distanz (1,5km – 39km – 10km) noch die Jeder-Kann-Strecke ein (700m – 26km – 6km). Weitere Termine zu Triathlonen, Duathlonen und Aquathlonen gibt’s zum Beispiel unter www.tri-mag.de.

Aber man kann es ja auch erst einmal ruhiger angehen lassen. Nur eins steht fest: Die Fahrradsaison ist eröffnet – Ausreden gibt es nicht!

Das Programm des ADFC gibt es in der Brunnenstraße 28 in Berlin-Mitte, bei den S-Bahn-Kundenzentren oder im Internet: www.radundtouren.de.

Bei der individuellen Routenplanung hilft die Seite www.adfc.de/reisenplus mit Weg- und Tourenbeschreibungen, einer Checkliste fürs Packen und fahrradfreundlichen Übernachtungstipps. Weitere Tipps auch unter www.reiseland-brandenburg.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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