Zeitung Heute : Erst zahlen, dann lesen

Heiko Dilk

Für so eine richtige Umweltsau hat ein Waschmaschinentest der "Stiftung Warentest" nur begrenzte Aussagekraft. Denn die Umwelteigenschaften fließen bei den Berliner Testern mit immerhin 15 Prozent ins Endergebnis ein. Wer sich allerdings die Testergebnisse komplett und interaktiv aus dem Internet herunterlädt, kann die Gewichtung ökologischer Faktoren auf Null herabsetzen - oder auf 50 Prozent erhöhen. So erhält man das ganz persönliche Testergebnis. Ein Service, der allerdings bezahlt sein will, mit 50 Cent bis zweieinhalb Euro.

Trotz Gratiskultur im Internet, die Tests laufen gut. "Unsere Erwartungen an das Online-Geschäft sind übererfüllt worden", sagt Andreas Gebauer, Leiter der Online-Redaktion von Stiftung Warentest. Dabei war der Content-Verkauf übers Internet eher aus der Not geboren. "Da wir nicht werben dürfen, konnten wir auch nicht der Illusion erliegen, unseren Auftritt über Bannerwerbung finanzieren zu können", sagt Gebauer. Als Ausgleich für den Reklame-Verzicht wird die Stiftung jährlich mit einem Millionenbetrag vom Bund unterstützt und finanziert sich ansonsten aus dem Verkauf der Publikationen. Dabei machen die Bundesgelder, dieses Jahr 11,5 Millionen Euro, mittlerweile nur noch zehn Prozent des Umsatzes aus.

Mit dem Content-Verkauf als zusätzliche Erlösquelle hat Gebauer sich inzwischen mehr als angefreundet. "Wenn es das Internet nicht schon gegeben hätte, hätten wir es eigentlich erfinden müssen", sagt er. Den besonderen Nutzen sieht er in der Interaktivität der Testergebnisse und in der sofortigen Verfü gbarkeit der Informationen. Ob Autoreifen- oder Inkontinenzwindel-Test, was nicht im aktuellen Heft steht, findet sich online im Archiv. 28000 Mal wurden im Januar Tests, Tabellen oder Artikel heruntergeladen. Das macht erkleckliche 45000 Euro Umsatz.

Zahlen, von denen andere noch träumen. "Spiegel-Online" zum Beispiel, das mit 15,5 Millionen Visits meistbesuchte deutsche General-Interest-Angebot. Die aktuelle Titelstory des Heftes kann man für 50 Cent kaufen. Der Titel heißt diesmal "Chemie der Lust" und besteht aus einem Artikel über Potenzmittelchen und einem Stück über zwei aparte, amerikanische "Sex-Beraterinnen", die "lustlosen Frauen helfen". Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von "Spiegel-Online", glaubt jedoch nicht, dass das Internet-Angebot wegen der 50 Cent zusätzlich plötzlich Gewinne abwirft.

Bereits im Dezember vergangenen Jahres bot " Manager-Magazin.de", das ebenfalls zur Spiegelnet AG gehört, Geschichten aus dem gedruckten Heft im Internet zum Kauf an. "Das Angebot wurde angenommen, als sei es schon immer da gewesen. Beschwert hat sich darüber niemand", sagt Chefredakteur Andreas Nölting. Die Auswahl an kostenpflichtigen Artikeln bei "Manager-Magazin.de" mutet ein wenig wie "Stiftung Warentest" für die Oberschicht an. Neben einer Bill-Gates-Geschichte sind Testberichte über Tequila und Zigarren zu haben. Je Artikel werden 1,40 bis 2,50 Euro verlangt.

Doch auch wer keine nutzwertigen Geschichten hat, will natürlich nicht, dass das Internet nur Geld kostet. Exklusive Geschichten sollen da helfen, wie das für "Bild.de" seit geraumer Zeit in Planung ist. Von Exklusiv-Bildern des Graf-Agassi- Sprösslings war beispielsweise die Rede. Irgendwo muss der Mehrwert für die Nutzer ja herkommen. Blumencron sieht den bei "Spiegel- Online" zunächst noch vorrangig im Zeitvorteil, denn die Titelgeschichte ist schon am Sonnabend online abrufbar. Vorstellbar sei auch, so Blumencron, dass man Themen-Pakete wie ein Edmund-Stoiber-Dossier anbiete.

Andere konzentrieren sich eher auf das Internet als Vertriebsweg. Seit Anfang Februar können Abonnenten der gedruckten "Rhein-Zeitung" diese auch als E-Paper im Abo beziehen, für zwei Euro zusätzlich. Die "Sächsische Zeitung" bietet ihr E-Paper sogar für Nicht-Abonnenten an, dann kostet es 7,50 Euro. Für Abonnenten sind es 2,50 Euro. Fast wie normale Zeitungen sehen die Angebote von "RZ" und "Sächsischer" aus. Die Druck- Ausgabe wird inklusive Anzeigen, eins zu eins also, im Internet abgebildet. Entweder, wie die "RZ", navigierbar im Kleinformat, mit Links zur reinen Textversion der Artikel. Oder, wie die "Sächsische", im PDF-Format. Doch derartige Abos werden nicht von der IVW erfasst, haben somit keinen Einfluss auf die Höhe der Werbeeinahmen. Das soll sich ändern. Noch in diesem Monat wird darüber beraten, ob E-Papers in die Auflagenzählung eingehen. Mit einer Entscheidung wird Ende des Jahres gerechnet. Die Chancen stehen gut, dass die IVW sich für das E-Paper ausspricht. Fragt sich nur, für welches System sie sich entscheidet. Neben der "Identität" der Druckfassung mit dem E-Paper hinsichtlich der Anzeigenbelegung wird wohl auch der Nachweis verlangt werden, dass das Produkt auch tatsächlich bezahlt und "ausgeliefert" wurde.

Schon bald wird also wesentlich mehr kostenpflichtig sein als jetzt. Das heißt jedoch nicht unbedingt, dass es weniger umsonst geben wird - jedenfalls nicht sofort. Fast alle Pläne gehen dahin, die Angebote zu erweitern. So will die "Süddeutsche" noch in diesem Jahr ein kostenpflichtiges Angebot auf die Beine stellen. Die "FTD" will den Bezahlteil ausbauen. Der Tagesspiegel wird in den nächsten Tagen das Handelsregister mit einer komfortablen Online-Suchfunktion gegen Geld zur Verfügung stellen und es wird, wie bei den meisten anderen Verlagen, darüber nachgedacht, das vollständige Archiv langfristig nur noch gegen Bezahlung bereitzustellen. Ein Problem ist dabei für alle gleich: Niemand zahlt für die nackte Nachricht. Trotzdem werden die Nutzer sich wohl nach und nach daran gewöhnen, auch im Internet für das ein oder andere Angebot Geld auszugeben - Hauptsache es hat Nutzwert.

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