Zeitung Heute : Erste Blicke richten sich nach Osten

Mit der EU–Erweiterung gewinnt auch die polnische Sprache an Bedeutung – einige Schulen haben sie bereits im Angebot

Katja Gartz

LERNEN NACH DER ETWAS ANDEREN IDEE: PRIVATSCHULEN

In wenigen Wochen wird die EU um zehn Mitgliedsländer reicher sein – und das schlägt sich auch im schulischen Angebot der Hauptstadt nieder. Die Katholische St. Marien Schule zum Beispiel reagiert auf die bevorstehende Osterweiterung mit einem erweiterten Fremdsprachenangebot: Gymnasiasten können in der siebten Klasse künftig zwischen Polnisch und Französisch als zweiter Fremdsprache wählen. Doch das ist nicht alles. Von der neunten Klasse an wird Polnisch neben Latein und Französisch als dritte Fremdsprache angeboten. Auch in der Oberstufe werden Grund- und Leistungskurse in der Sprache des östlichen Nachbarlandes eingerichtet. Ziel des erweiterten Sprachangebots ist die Einrichtung bilingualer Klassen. Die erste Fremdsprache bleibt allerdings für alle Schüler Englisch.

„Gute Kenntnisse der polnischen Sprache und Kultur bieten unseren Schülern eine zusätzliche Chance in Ausbildung, Studium und Beruf“, meint Schulleiter Christian Sauer-Servaes. „Das Thema ,Polen und Deutsche – Nachbarn in Europa’ wird dabei aus dem Blickwinkel verschiedener Fächer betrachtet“, ergänzt Erdkunde-Lehrer Christopher Nowak. Außerdem sind Exkursionen zu den Nachbarn östlich der Elbe geplant.

Polnischer Fremdsprachenunterricht ist an Berliner Schulen rar: Neben der Goerdeler Grundschule, der staatlichen Deutsch-Polnischen Europaschule, bieten diese Sprache bislang nur zwei Oberschulen an.

Seit bereits zehn Jahren können Schüler der Wilmersdorfer Robert-Jungk-Gesamtschule Polnisch als Wahlpflichtfach belegen. Pro Jahrgang lernen etwa 20 Schüler die Sprache. Über die Hälfte verfügt über einen polnischen Hintergrund. Doch gelernt wird nicht nur im Klassenzimmer. Regelmäßig finden an der Schule Fahrten nach Auschwitz statt sowie Austauschprogramme mit Schülern aus Posen und Thorn, der Geburtsstadt von Kopernikus.

Dass bei Klassenfahrten nicht immer alle Schüler an dem Nachbarland interessiert seien, ändere sich schnell. „Viele Schüler haben Vorurteile, sie denken nur an Armut und Schwarzarbeit“, sagt Sherin Haji, die Polnisch lernt und mit ihrer Klasse Posen besuchte. „Aber nach der Fahrt hatten alle eine andere Meinung. Die herzliche Aufnahme in ihren Gastfamilien hat sie besonders beeindruckt“, sagt die Achtklässlerin.

Schulleiterin Ruth Garstka kümmert sich deshalb auch um weitere Kontakte zu polnischen Schulen. „Wenn Polen zur EU gehört, gibt es keine Visa-Probleme mehr und mit der Grenze fällt hoffentlich auch die psychologische Hemmschwelle“, sagt sie. Wenn die Robert-Jungk-Oberschule vom Schuljahr 2005 / 2006 an um die gymnasiale Oberstufe erweitert wird, können Schüler der deutsch-polnischen Grundschule das Fach Polnisch bis zum Abitur belegen.

Diese Möglichkeit bietet bisher nur das Gabriele-von-Bülow-Gymnasium in Tegel. Seit 1998 kann Polnisch als dritte Fremdsprache gewählt werden. „Angefangen hat an unserer Schule der Polnischunterricht 1996 mit einer Arbeitsgemeinschaft, organisiert von einer Mutter, die Polnisch studiert hatte“, berichtet der Schulleiter Ulrich Entz. Heute lernen insgesamt 74 Schüler die Sprache des Nachbarlandes. Die eine Hälfte verfügt über polnische Wurzeln, die andere lernt aus Interesse oder Neugier. Zahlreiche Schulpartnerschaften und Fahrten nach Danzig, Breslau und Warschau bringen den Schülern Polen näher. Eine Vielzahl der Literatur-, Geschichts- und Kunstprojekte zum deutsch-polnischen Dialog werden von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

Sowohl bei hiesigen Verlagen als auch bei der Lehrerausbildung der Universitäten ist das Fach Polnisch jedoch kaum existent. Keine der Berliner Universitäten bietet Polonistik als Lehramtstudiengang an. Künftige Polnischlehrer müssen daher die Universität Potsdam besuchen.

Das Interesse der polnischen Schüler an der deutschen Sprache ist ungleich größer als hier zu Lande. „38 Prozent der jungen Polen lernen Deutsch, das sind etwa zwei Millionen Menschen“, sagt der deutsch-polnische Koordinator der Senatsschulverwaltung, Roland Jerzweski. Er fordert ein flächendeckendes Angebot des polnischen Fremdsprachen-Unterrichts. In der EU-Osterweiterung sieht er einen wesentlichen Fortschritt: „Die polnische Sprache wird damit ihren Exotencharakter verlieren.“

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