Zeitung Heute : Erste Klasse

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Es klingt rekordverdächtig. „Nehmen Sie bitte den Fahrstuhl, dann gehen Sie . . .“, sagt die Frau am Servicestand. Sie schafft es mühelos, drei „bitte“ und ein „danke“ in die Wegbeschreibung mit einzuflechten. Und ein strahlendes Lächeln hinterherzuschicken. Das ist preisverdächtig. Und seit Donnerstag haben es die Bahnmitarbeiterin und ihre Berliner Kollegen schriftlich: Sie sind Deutschlands „Bestes Bahnhofsteam 2001“.

Der Bahnchef muss den Sieger bis zum Schluss geheimgehalten haben. Michael Kutz jedenfalls hat der Preis überrascht. Jetzt steht der zweite Bahnhofsmanagement-Chef vor den Journalisten und muss improvisieren. „An einigen Stellen sind wir wohl Vorreiter gewesen“, sagt Kutz. Laut Bahnchef Hartmut Mehdorn gehören die Bahnhöfe in Berlin zu den besten in Deutschland. Seitdem beispielsweise die Bahnhöfe am Alexanderplatz, in der Friedrichstraße und in Lichtenberg aufgemöbelt wurden. Man im Unternehmen auf Sauberkeit und Sicherheit setzte. Und sich die Bahnkunden von Befragung zu Befragung zufriedener äußern.

Kutz’ Büro findet man im vierten Stock des Ostbahnhofs. Ein Schmuckstück, seitdem der über 160 Jahre alte Bahnhof umgebaut wurde. Bei einem Rundgang durch die Hallen erklärt Kutz exemplarisch, was die Jury an den Berliner Bahnhöfen beeindruckte. „Wir versuchen, viel Tageslicht in Hallen zu bringen.“

Kaum jemand ist zwischen Straße und Gleisen mit leeren Händen unterwegs: Eine Gruppe Snowboarder wartet auf den Bus, eine Familie schleppt Einkaufstüten aus dem Supermarkt im Erdgeschoss, Geschäftsleute mit Aktentaschen hasten zum Ausgang.

Der Bahnhof ist zum Einkaufszentrum mit Hotel und Gleisanschluss geworden. Im Ostbahnhof gibt es etwa 50 Geschäfte – von der Gastronomie über Lebensmittelverkauf bis zu Mode, Gesundheit und Dienstleistungen. Es scheint sich zu rentieren. „Nur ein Laden auf der Galerie ist derzeit nicht vermietet“, sagt Kutz. 63 Millionen Mark kostete der Bahnhofsumbau, weitere 90 Millionen Mark kamen für den Bürotrakt, das InterCity-Hotel und die Ladenpassagen hinzu. Im Ostbahnhof zählt die Bahn täglich 110 000 Fahrgäste. Auf den Gleisen halten über 440 Fern- und Nahverkehrszüge. Dann zeigt Kutz auf ein Paar in grün und blau. „Unsere Sicherheitspartnerschaft.“ Hier und am Bahnhof Zoo ziehen die Bahn-Sicherheitsleute inzwischen gemeinsam mit einem Polizisten vom Bundesgrenzschutz ihre Runden. Über 12 Millionen Mark habe die Bahn im vergangenen Jahr für mehr Sicherheit investiert, sagt Kutz. Die „Sauberkeitsoffensive“ der Bahn habe vier Millionen Mark gekostet.

Kutz rasselt jetzt Zahlen herunter: 137 Bahnhöfe, 280 Mitarbeiter, 150 Millionen Mark Investitionsvolumen im letzten Jahr, 21 Millionen Mark Instandhaltungsvolumen. . . Es ist wie in einem Schloss: Ist man im letzten Zimmer fertig mit der Reparatur, kann man gleich vorne wieder anfangen. Beispielsweise am Bahnhof Zoo, wo im Herbst unter anderem eine neue Informationstafel geschaltet werden soll. Die Zahl der Schließfächer habe man hier gerade auf knapp 1000 erhöht. Auch das Problem mit den Junkies und Obdachlosen werde angegangen. „Wir wollen sie nicht verdrängen“, sagt Kutz. Aber umsiedeln. Die Bahn habe der Mission Räume am S-Bahnhof Tiergarten zur Verfügung gestellt, die jetzt ausgebaut werden. Auf Kosten der Bahn.

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