Zeitung Heute : Erste Supermärkte in Berlin rationieren die Milch

Boykott der Bauern führt zu Lieferengpässen Industrie droht mit Klagen

Berlin - Im eskalierenden Streit über die Milchpreise gibt es erste Versorgungsengpässe. Auch in Berlin standen Kunden in einigen Supermärkten beispielsweise bei Aldi am Dienstag bereits vor leeren Regalen, in anderen wurde die H-Milch rationiert. So durften Kunden in Kaufland-Filialen nur maximal zwölf Liter H-Milch mitnehmen. Ein Filialleiter sagte, man wolle keine Hamsterkäufe zulassen, um die Versorgung zu gewährleisten. Vereinzelte Engpässe befürchtete am Dienstag auch Kaiser’s Tengelmann.

Bislang hatte der Handel wegen des Boykotts der Bauern vor Panikmache gewarnt und blieb auch am Dienstag dabei: „Lieferengpässe von größerem Ausmaß und leere Kühlregale sind in der jetzigen Situation in absehbarer Zeit nicht zu befürchten“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Einzelhandelsverbands, Stefan Genth. Nach eigenen Angaben waren aber bundesweit auch einige Real-Märkte sowie Filialen des drittgrößten Discounters Plus betroffen. Auch Edeka berichtete, im Norden Bayerns gebe es teilweise Lücken in den Regalen. Die Milchbauern fordern eine Erhöhung des Grundpreises auf 43 Cent pro Liter. Zurzeit erhalten sie zwischen 27 und 35 Cent. Der Preis wird vom Einzelhandel und der Milchindustrie festgesetzt.

Zwar räumten die protestierenden Bauern einige der blockierten Molkereien wieder. Viele Betriebe waren aber weiter von Lieferungen abgeschnitten, etwa Europas größte Molkerei Sachsenmilch bei Dresden. In Brandenburg waren zwischenzeitlich alle Molkereien blockiert. „Es ist zu befürchten, dass sich die Proteste verselbständigen“, sagte ein Sprecher des Landesbauernverbandes (LBV). Deshalb fand am Dienstag ein Gespräch zwischen LBV, Landwirtschafts- und Innenministerium statt. „Wir wollen, dass die Proteste friedlich bleiben“, sagte Brandenburgs Agrarminister Dietmar Woidke (SPD) dem Tagesspiegel: „Die Nerven liegen angesichts der wirtschaftlichen Verluste bei vielen Landwirten blank.“ Bundesweit musten einige Molkereien wegen der Blockaden die Produktion einstellen, darunter die rheinland-pfälzischen Großmolkereien Hochwald und Milch-Union Hocheifel (MUH). Allein der MUH entsteht nach Unternehmensangaben ein Schaden von 2,5 Millionen Euro pro Tag.

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) riet seinen Mitgliedern, die Blockaden vor Molkereien zu beenden, um so Verhandlungen mit der Milchindustrie möglich zu machen. Der Lieferboykott werde aber fortgesetzt. Zugleich kündigte der Deutsche Bauernverband (DBV) bereits für Dienstagabend Schlepperdemonstrationen vor den Zentralen des Lebensmitteleinzelhandels an. „Die Bauern sind entschlossen, die Maßnahmen weiterzuführen, bis sie Erfolg haben“, sagte der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber. Derzeit blieben 80 Prozent der Milch auf den Höfen, 70 Prozent der Milchbauern beteiligen sich laut BDM. Dem BDM geht es laut Schaber bei Verhandlungen mit dem Milchindustrie-Verband (MIV) „um konkrete Mengensteuerungen, die wir Bauern machen wollen. Zu diesen brauchen wir aber die Molkereiwirtschaft“. MIV-Sprecher Matthias Brandl zeigte Verständnis für den vom BDM geforderten Mindestpreis. Je nach Hof sei dieser mehr oder weniger gerechtfertigt, sagte er in der ARD. Gleichzeitig drohte der Verband den Bauern mit Klagen. „Die Boykotte sind illegal. Und das muss man mit dem Gesetz bekämpfen“, sagte Eberhard Hetzner, MIV-Geschäftsführer, der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Der Verband werde seinen Mitgliedern empfehlen, juristisch gegen Boykotte vorzugehen. Die Agrar- und Verbraucherpolitiker der Unions-Bundestagsfraktion forderten die Bauern auf, die Barrikaden zu beenden. In Tankwagen vergammelnde Milch sei „nicht zu akzeptieren“, sagte der Agrarsprecher der Unionsfraktion, Peter Bleser. das/swa/lem

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