Zeitung Heute : Erste Wahl

Hassan Ruhani hat sich im Iran auf Anhieb durchgesetzt.

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Kairo - Jubel auf den Straßen, Menschen lagen sich weinend in den Armen. Hupende Autokorsos kreisten durch die Wohnviertel. Ausgelassen schwenkten junge Leute ihre grünen und violetten Tücher. Zehntausende feierten am Samstagabend in Teheran und anderen großen Städten Irans den überraschenden Sieg des einzigen moderaten Kandidaten Hassan Ruhani bei den Präsidentenwahlen. Der 64-jährige Kleriker konnte sich nach dem amtlichen Endergebnis überraschend klar mit 50,7 Prozent der Stimmen gegen seine fünf erzkonservativen Konkurrenten durchsetzen und auf Anhieb die absolute Mehrheit erringen.

Die Beteiligung der 50,5 Millionen Wahlberechtigten war diesmal mit 72,7 Prozent zwar geringer als vor vier Jahren (85 Prozent). Viele moderate und reformgesinnte Iraner jedoch hatten sich in letzter Minute doch noch entschlossen, zur Wahl zu gehen. Anfang der Woche hatten die beiden prominenten Ex-Präsidenten Mohammed Chatami und Ali Akbar Rafsandschani gemeinsam zur Wahl Ruhanis aufgerufen, seinen moderaten Mitkonkurrenten Mohammed Reza Aref zur Aufgabe überredet und eindringlich gegen einen Wahlboykott plädiert.

Denn Angst und Frustration in der Bevölkerung sind nach wie vor groß, seit das Regime unter der Regie des Obersten Revolutionsführers Chamenei vor vier Jahren die Grüne Bewegung durch Polizeiterror, Massenverhaftungen und Schauprozesse mit exzessiver Gewalt unterdrückte. Der damalige Spitzenkandidat der Grünen Bewegung und vermutliche Wahlsieger von 2009, Mir-Hussein Mussawi, und sein moderater Mitstreiter Mehdi Karubi stehen seit mehr als zwei Jahren unter Hausarrest. Im Vorfeld der diesjährigen Präsidentenwahl wiederum strich der Wächterrat, der keinerlei demokratische Legitimität besitzt, in einem obskuren Prozedere Ex-Präsident Rafsandjani von der Kandidatenliste.

Sieger Ruhani hatte im Wahlkampf seine Anhänger demonstrativ violette Armbänder und Kopftücher tragen lassen, eine geschickt inszenierte Verbeugung vor der im Iran unvergessenen grünen Kampagne seiner beiden Vorgänger vor vier Jahren. „Freiheit für Mussawi und Karubi“ und „Freiheit für alle politischen Gefangenen“ forderten junge Leute auf Veranstaltungen von Ruhani, der die Sprechchöre schweigend gewähren ließ. Der moderate Geistliche, der als junger Mann Staatsgründer Ajatollah Khomeini im Pariser Exil kennenlernte, war zudem der einzige der sechs Kandidaten, der es wagte, zur Beerdigung des Reform-Ajatollahs Jalaledin Taheri nach Isfahan zu reisen. Martin Gehlen

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