Zeitung Heute : Erstmals zum Anfassen

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Von Ingo von Dahlern

Langsam senkte sich der Transporthubschrauber, die Männer mit dem weißen Overalls auf dem Sonnendeck des letzten klassischen Atlantikliners Queen Elizabeth 2 griffen nach den vier Trossen, verankerten sie am großen Glascontainer mit dem Auto – und dann schwebte er in wenigen Minuten bis zum Pier, setzte sanft auf – war angekommen. Der erste am 24. Juni aus der Sindelfinger Manufaktur gerollte Maybach 62 hatte auf dem Seeweg über den Atlantik die Neue Welt erreicht. War dort angelangt, wo Wilhelm Maybach als erster berühmter deutscher Ingenieur, der 1876 gerade einmal 30 Lenze zählte, erstmals amerikanischen Boden betreten hatte. Mit gleich drei großen Zielen im Kopf. Zum ersten, um seinen Bruder Karl zu treffen. der kurz nach dem Tod der Eltern 1854 und 1856 nach Amerika ausgewandert war und damals eine leitende Stellung beim Klavierbauer Steinway & Co innehatte, zum zweiten, um die Weltausstellung in Philadelphia zu besuchen und zum dritten, um möglichst viele amerikanische Industriebetriebe kennen zu lernen.

Drei Monate in Amerika

Fast drei Monate vom 9. September bis 3. Dezember weilte er in Amerika. Rund zwei Dutzend Mal besuchte er die große Weltschau, auf der er erstmals die Motoren der Deutzer Gasmotorenfabrik von Nikolaus August Otto präsentierte, in dessen Diensten er damals als Chefkonstrukteur stand und der gerade erst das Patent für den Viertakter erhalten hatte, den Maybach zur Serienreife entwickelte. In New York lernte er neben der damals hochmodernen konsequent arbeitsteilig organisierten Pianoforte-Fabrik Steinways auch deren Besitzer kennen, mit dem ein Dutzend Jahre später Gottlieb Daimler mit Gründung der Daimler Motor Company in enge Geschäftsbeziehungen treten sollte. Und in zwanzig wichtigen Industriebetrieben sammelte er Anregungen vor allem über moderne Produktionstechniken und deren künftige Unterstützung durch kleine schnelllaufende Viertakt-Benzinmotoren.

Handfeste historische Anknüpfungspunkte für die Weltpremiere des neuen Luxusautos der von DaimlerChrysler wiederbelebten Spitzenmarke Maybach genau dort auf der Bühne unserer modernen Welt und auf einem Kontinent, der zu dem wichtigsten Markt für die neuen Luxusautos zu werden verspricht, deren erstes Exemplar nun nicht mehr hinter Glas wie im Frühjahr in Genf und während der Atlantiküberfahrt auf der „QE2“ abgeschirmt war, sondern erstmals angefasst werden konnte. Ein Ausnahmeauto, wie schon vor Jahrzehnten in den Zwanzigern und Dreißigern die schweren Maybach-Wagen, jene „Zeppeline für die Straße“, mit denen sich Wilhelm Maybachs Sohn Karl ein technisches Denkmal setzen sollte – ein genialer Konstrukteur wie der Vater, ohne den Gottlieb Daimler den Bau des ersten Autos parallel zu Carl Benz nie hätte verwirklichen können.

Doch die Geschichte ist ungerecht umgegangen mit Wilhelm Maybach, hat schnell vergessen, dass er der „König der Konstrukteure“ war, der nicht nur den kleinen schnelllaufenden Benzinmotor und damit Daimlers erstes Auto zum Laufen brachte, sondern ihm mit dem 1901 präsentierten Rennwagen Mercedes im engen Zusammenwirken mit dem auto- und rennbegeisterten Österreicher Emil Jellinek in Nizza mit langem Radstand, vorn liegendem Motor und tiefem Schwerpunkt dem Auto auch seine endgültige Gestalt gab, als Gottlieb Daimler bereits gestorben war. Und es war Wilhelm Maybach, der mit Schwimmer-Vergaser, V2-Motor, Zahnrad-Wechselgetriebe, Zwei- und Vierzylinder-Reihenmotor, Spritzdüsenvergaser, Röhrenkühler und Bienenwabenkühler auch jene entscheidenden Elemente entwickelte, durch die das Auto erst reif wurde. Dennoch wurde er nur wenige Jahre nach Daimlers Tod bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft bereits 1907 konsequent „gemobbt“, wie man das heute nennt, wozu auch die Daimler-Söhne Paul und Adolf entscheidend beitrugen.

Massive Probleme, die der Luftschiffbauer Graf Zeppelin mit den von der Daimler-Motoren-Gesellschaft gelieferten Motoren hatte, veranlassten Wilhelm, sich für seinen Sohn und die von ihm konstruierten Triebwerke bei Zeppelin einzusetzen – mit durchschlagendem Erfolg, denn von 1909 an sollten bis zum LZ „Graf Zeppelin“ im Jahr 1928 Maybach-Motoren alle Zeppeline antreiben. Und auch als Flugmotoren machten Maybach-Motoren bald Karriere. Dass sie Anfang der Zwanziger dann ihren Weg in Autos fanden, gehörte zu den Folgen des Ersten Weltkriegs. Denn der Flugmotorenbau war Deutschland nach den Versailler Verträgen nicht mehr erlaubt. Und als auch der Versuch Karl Maybachs, als Zulieferer für den niederländischen Fahrzeugbauer Spijker ins Geschäft zu kommen, fehlschlug, entschied er sich, eben selbst Autos zu bauen.

Maybach entschied sich konsequent für kompromisslose Luxusautos, die sich nur sehr wenige leisten konnten und die in Technik, Leistung und Zuverlässigkeit absolute Spitzenprodukte waren. Vom Flugmotorenbau an „überbemessene“ Motoren gewöhnt, verfolgte Maybach dieses Konzept auch bei seinen Fahrzeugmotoren. Die lieferten bei niedrigen Drehzahlen ein so hohes Drehmoment, dass mit ihnen im direkten Gang noch Fußgängertempo gefahren, aber auch Steigungen von zehn Prozent bewältig werden konnten. Statt eines Schaltgetriebes verwendete Maybach ein Planeten-Getriebe mit zwei Stufen als Vorgelege, bei dem der Wechsel vom direkten Gang zum Berggang durch Festbremsen der einzelnen Komponenten bequem und ohne Zwischengas geschah, so dass Maybach-Wagen als schaltungslos galten. Bemerkenswert schon beim ersten Maybach war neben zwei Zündkerzen pro Zylinder eine Vierradbremse mit Bremskraftausgleich.

Fast jeder Maybach war ein Unikat. Denn Maybach lieferte nur Chassis mit aller Technik. Die jeweilige Karosserie ließ sich der Käufer von einem der zahlreichen Karossiers individuell anfertigen. 1929 entwickelte Maybach einen 7,0-Liter mit doppelter Zylinderzahl, einen V12. Ihm folgte als absolutes Spitzenmodell der Maybach Zeppelin, anfangs als Doppel-Sechs-7-Liter, von 1931 als Doppel-Sechs-8-Liter mit 147 kW (200 PS). Das war ein gewaltiges 5,52 Meter langes Auto mit 2,3 Tonnen schwerem Fahrgestell, das bis zu 170 km/h erreichte – mit strömungsgünstiger Jaray-Karosserie sogar bis zu 190 km/h. 1941 endete der Automobilbau bei Maybach. Doch der Ruhm der klassischen Maybach-Fahrzeuge, von denen nicht mehr als 1800 gebaut wurden, reicht bis in unsere Tage.

Nach 60 Jahren würdig fortgesetzt

Mit der Weltpremiere des Maybach 62 in New York findet die Maybach-Geschichte nach 60 Jahren eine würdige Fortsetzung. Denn in dieser 6,17 Meter langen und 1,98 Meter breiten Luxuslimousine mit dem Radstand von 3,83 Meter und einem Abstand von 1,57 Meter zwischen Vorder- und Fondsitzen bietet sich den Passagieren auf den hinteren Liegesitzen nach dem Muster Erster-Klasse-Flugzeugsitze ein beispielloses Platzangebot. Und das mit edelsten Materialien wie weichen Ledern, feinen Teppichen und edlen Zierhölzern in handwerklich absolut perfekter Verarbeitung – ein Luxussalon auf Rädern. Eingebettet ist der in eine Karosserie, die trotz mancher Designanleihe bei Mercedes-Benz erfreulich eigenständig ist, wobei sich die Motorhaube und vor allem der Kofferraumdeckel sehr ausdrucksstark von den Kotflügeln abgrenzen. Besondere Akzente setzen am Heck die innovativen insgesamt 528 Leuchtdioden, die als Brems-, Blink-, Schluss- und Nebelschlussleuchte in Aktion treten.

Unter dem Blech der auf Wunsch auch zweifarbig lackierten Karosserie steckt neben dem edlem Interieur modernste Technik – und zwar alles, was Automobilingenieure heute zu bieten haben. Das beginnt mit dem stärksten Personenwagen-Triebwerk, einem 5,5-Liter-V12-Biturbo mit einer Leistung von 405 kW (550 PS), der bei 2300 bis 3000/min ein Drehmoment von 900 Nm liefert – Voraussetzung für souveräne Fahrleistungen, zu denen auch der Spurt auf Tempo 100 in nur 5,4 Sekunden gehört – das sind Sportwagenwerte für den leer mehr als 2,8 Tonnen wiegenden Luxuswagen, der durchschnittlich 15,9 l/100 km verbraucht und die Abgasnorm EU4 erfüllt. Gebaut wird dieses Ausnahmetriebwerk, wie kürzlich ausführlich berichtet, im DaimlerChrysler-Motorenwerk in Berlin.

Mit moderner Luftfederung

Die Kraft dieses leistungsstarken und extrem laufruhigen Zwölfzylinders gelangt über eine Fünfgang-Automatik mit sequenzieller Tippschaltung an die Hinterräder des Maybach, dessen Fahrwerk mit Doppelquerlenkerachse vorn und Raumlenkerachse hinten mit der Airmatic DC ausgestattet ist. DC steht für Dual Control und dafür, dass hier eine aktiv schaltbare Luftfederung mit dem Adpativen Dämpfungs-System (ADS II) kombiniert ist und so Federung und Dämpfung nach Fahrbahnzustand, Fahrweise und Beladung in Sekundenbruchteilen optimal geregelt werden. Und in kritischen Fahrsituationen ebenfalls in Sekundenbruchteilen aktiv ist die Antriebsschlupfregelung (ASR) und die Fahrdynamikregelung ESP.

Wegweisend ist auch das Bremssystem. Denn der Maybach ist mit dem elektrohydraulischen Bremssystem Sensotronic Brake Control (SBC) ausgestattet, das von Mercedes-Benz erstmals in der SL- und E-Klasse eingesetzt wird und im Maybach in einer weiterentwickelten Variante für jedes Rad individuell die Bremskraft berechnet und dabei mit den anderen Fahrwerkssystemen zusammenarbeitet. Für die Sicherheit der Insassen sorgt ein perfekter Rundumschutz aus crashsicherer Karosserie, Sitzen mit integrierten Gurten mit Gurtstraffern und Gurtkraftbegrenzern sowie zweistufigen Frontairbags, Sidebags in allen Sitzen und Windowbags. Und lückenlos ist das Komfortangebot, zu dem neben perfekter Vierzonen-Klimatisierung auch ein innovatives elektrotransparentes Panoramadach gehört, bei dem sich mit Hilfe einer integrierten Flüssigkristallfolie die Lichtdurchlässigkeit elektrisch variieren lässt – eine Weltpremiere.

Anspruchsvolle Informations- und Unterhaltungselektronik rundet die Ausstattung des Maybach ab, vom elektronischen Türöffner Keyless-Go über die Sprachbedienung Linguatronic für Audio-, Kommunikations- und Navigationssysteme des mit dem Comand APS-System ausgestatteten Maybach, mit dem man über alle denkbaren Kommunikationskanäle jederzeit mit der Außenwelt verbunden ist und der über eine Komplettausstattung für ein perfektes Musik- und Kino-Erlebnis verfügt.

Stückpreis bei 360 000 Euro

Bis zu 1000 Maybach pro Jahr sollen künftig in der Sindelfinger Maybach Manufaktur entstehen, wobei angesichts des breiten Programms aus Serien- und Wunschausstattungen Maybach-Kunden rund zwei Millionen verschiedene Möglichkeiten haben, ihr Fahrzeug ihren individuellen Wünschen anzupassen. Dabei wahrt Maybach auch künftig die Chance, dass jedes Fahrzeug letztlich ein Unikat ist, das angesichts eines Preises von rund 360 000 Euro zudem immer exklusiv bleiben wird und auch in einer etwas kürzeren 5,73 Meter langen Version als Maybach 57 angeboten wird.

Mit besonderer Freude erlebte die Weltpremiere schließlich Irmgard Schmid-Maybach, die in den USA lebende Tochter von Karl und Enkelin von Wilhelm Maybach. Denn für sie ist die Wiedergeburt der Luxusmarke Maybach ein wichtiger Schritt zur Rehabilitierung vor allem ihres Großvaters, die ihr, wie sie uns in einem Gespräch erklärte, seit sie denken kann, ein Herzensanliegen ist. Seinen ersten Auftritt vor großem Publikum in Europa hat der Maybach übrigens beim Pariser Herbstsalon.

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