Zeitung Heute : Erwacht in einem Traum

Die Nacht des Sieges wollen sie nie mehr vergessen – nun müssen die Griechen ihre Euphorie noch 38 Tage konservieren. Dann beginnen die Olympischen Spiele

Torsten Haselbauer Gerd Höhler[Athen]

Er sitzt ganz vorn im Bus, neben dem Fahrer, seit Stunden schon, den Pokal auf dem Schoß. Der neue Flughafen von Athen liegt vor der Stadt, es gibt eine Schnellstraße, die war dicht, der Bus musste Umwege machen, und seit Erreichen der Stadtgrenze geht es nur im Schritttempo weiter. Die Polizei sagt, möglicherweise sind 500000 Menschen auf den Straßen. Alle wollen ihn sehen, den Pokal, und die Mannschaft, und Otto Rehhagel.

Es ist jetzt fast 24 Stunden her, dass Angelos Charisteas, der Reservespieler von Werder Bremen, den Ball ins portugiesische Tor köpfte, als es auch den griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis nicht auf seinem Sitz im Lissaboner Estadio da Luz hielt. Er sprang auf, reckte die Arme. Sogar Aleka Papariga, die Generalsekretärin der stalinistischen Kommunistischen Partei, die sonst solchen Vergnügungen wenig abgewinnen kann, feuerte die Mannschaft an. Denn es ging um mehr als den Titel. Es ging um Griechenland.

Alle griechischen Parteiführer waren zum Endspiel nach Portugal geeilt. Mit den Politikern jubelten 15000 griechische Schlachtenbummler. Fast 1000 Euro zahlten viele von ihnen noch im letzten Moment für einen Flug, ein Hotel in Lissabon und den Eintritt für das Endspiel. Der Kartenvorverkauf für die in 38 Tagen beginnenden Olympischen Spiele läuft hingegen schleppend.

„Wenn dies ein Traum ist, weckt uns nicht!“, bittet die Athener Zeitung „Adesmevtos“ am Tag nach dem Sieg. Millionen waren in der Nacht zuvor auf den Beinen, in Athen und Thessaloniki, in Volos, Patras und Larissa. Feuerwerksraketen stiegen über der Akropolis auf, Böllerschüsse donnerten vom Lykabettushügel, wie sonst nur am Nationalfeiertag. Und mehr als eine Million Menschen machten den Omonia-Platz im Zentrum Athens zu dem, wonach er ursprünglich einmal benannt wurde: zum Platz der Einheit.

„Ihr seid nicht elf, ihr seid elf Millionen“, dieser Slogan auf einem Plakat eines internationalen Telefonkonzerns, trifft vielleicht am besten die aktuelle Stimmung in dem kleinen Land am östlichen Rand Europas. Nach sieben Jahren harscher internationaler Kritik an den schleppenden Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen hatte das ohnehin im europäischen Vergleich eher unterdurchschnittlich entwickelte griechische Selbstbewusstsein ziemlich gelitten. Jetzt ist es also erst einmal der Fußball, der das Land in einem sommerlichen, nationalen Taumel versinken lässt, nur wenige Wochen vor dem ersten olympischen Wettkampf. Und, „es kostet nichts“, wie viele Griechen auf der Straße jetzt sagen. Damit spielen sie auf die enormen Ausgaben für Olympia an. Auf weit mehr als sieben Milliarden Euro werden die geschätzt.

Der Fußball kommt frei Haus, und das auch noch erfolgreich. Endlich haben die Griechen sich und der Welt bewiesen, was sie leisten können, wenn sie sich einen Ruck geben. „Wir sind ein kleines Land mit einem großen Ego, wir tragen schwer an der Last unserer Geschichte und Mythen“, sagt der griechische Schriftsteller Nikos Dimou. „Das Unglück, ein Grieche zu sein“ lautet der Titel seines erfolgreichsten Buches, das seit über 20 Jahren in immer neuen Auflagen erscheint.

Nicht viel erinnert im modernen Griechenland an den Glanz des Goldenen Zeitalters. Wirtschaftlich waren die Griechen bis zur Ost-Erweiterung das Schlusslicht der EU. Nicht nur geografisch liegt Hellas, die viel beschworene „Wiege der Demokratie“, am Rand Europas. „Wenn wir erkennen, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht miteinander übereinstimmen, versinken wir in Depression, Selbstmitleid und Minderwertigkeitskomplexen“, sagt Nikos Dimou. So sei es zu erklären, dass sportliche Siege in Griechenland zu nationalen Triumphen stilisiert werden. „Lasst uns die Euphorie dieses Sieges genießen“, sagt er, „aber wir sollten nicht vergessen, dass wir diesen Erfolg den strategischen Talenten eines deutschen Trainers verdanken, der die Fähigkeiten unserer Mannschaft mobilisierte.“

Nun bewegt die Nation aber die Frage: Was wird aus „Rehakles“, wie die Griechen ihren Trainer nennen, in Anspielung auf den Sagenhelden Herakles, der Unmögliches vollbrachte und sich die Unsterblichkeit erwarb. „Otto, bleibst du?“ Immer wieder wurde er das nach dem Spiel von den Fernsehreportern gefragt, denn den Griechen ist natürlich nicht entgangen, dass in Deutschland ein neuer Nationalmannschaftstrainer gesucht und von manchen Rehhagels Name genannt wird.

Der Deutsche bemühte sich in der Nacht nach dem Sieg um Pathos: „Alle Menschen werden Brüder, alle Griechen auf der Welt“, rief Otto Rehhagel in die Kameras und lobte sein Team ohne Unterlass. Aber das entscheidende Bekenntnis, weiter in Griechenland Trainer zu bleiben und, wie versprochen, seinen Vertrag bis 2006 zu erfüllen, kam ihm nicht über die Lippen. „Es wäre fatal, jetzt über etwas anderes zu reden als über meine Mannschaft“, sagte Rehhagel, von dem jeder Fußball-Experte weiß, dass Bundestrainer stets sein Traumjob war. Die Deutschen, so hat es den Anschein, könnten ihn mangels Alternativen zumindest für eine Zwischenperiode bis 2006 verpflichten wollen. Vasilios Gagatsis, der Präsident des griechischen Fußball-Verbandes, will Rehhagel dagegen nicht ziehen lassen. „Otto bleibt bei uns“, sagte er der „Bild“-Zeitung, er habe seinen Vertrag gerade bis 2008 verlängert. Ob es darin nicht doch eine Ausstiegsklausel gibt, sagte er nicht.

In ihren Kaffeehausgesprächen beginnen die Griechen nun bereits, das „Phänomen Rehhagel“ zu analysieren. Dabei fallen Worte wie „Disziplin“ und „Systematik“, „Organisation“, „Planung“ und „Selbstbeherrschung“. Das sind Begriffe, die einem Griechen nicht leicht über die Lippen kommen. „König Otto“ scheint geglückt, was vor ihm zumindest im griechischen Fußball noch keiner versucht hat: die Synthese aus deutscher Gründlichkeit und griechischer Seele. Manche in Athen philosophieren nun bereits darüber, ob man dieses Erfolgsrezept auch auf die griechische Politik übertragen könne.

Die Griechen sind ein Last-Minute-Volk, wie sich gerade bei den Olympia-Vorbereitungen wieder einmal zeigt. Die beweisen allerdings auch, dass die Hellenen neben ihren sprichwörtlichen Improvisationstalenten eine beeindruckende Ausdauer freisetzen können, wenn es darauf ankommt – das scheinen sie mit ihren Fußballspielern gemein zu haben. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Eröffnungsfeier in Athen und inzwischen steht fest, woran vor wenigen Monaten noch viele zweifelten: Die Griechen werden fertig.

Die Athener Bürgermeisterin Dora Bakoyannis war nicht nach Lissabon gereist, sie mischte sich Sonntagabend stattdessen auf dem Athener Rathausplatz unter das Volk und verfolgte an der Großbildleinwand „das griechische Wunder von Portugal“. Die populäre Politikerin erkannte schon im ersten Siegestaumel, worauf es jetzt in Athen ankommt. „Wir müssen die Stimmung bis zum Beginn der Olympischen Spiele am 13. August konservieren“, sagte sie.

Der Bus ist da, im alten Athener Olympiastadion „Panathinaikón“ von 1896, erbaut aus dem gleichen Marmor wie die Akropolis nebenan. 45000 Menschen darin. Die Spieler steigen aus, sie haben die Sakkos ausgezogen, im Hemd und T-Shirt stehen sie jetzt da, der Erzbischof küsst Otto Rehhagel, die Bürgermeisterin ernennt ihn und die Mannschaft zu Ehrenbürgern Athens. „Wir sind Europameister geworden“, sagt Rehhagel der Menge, „das ist kein Traum. Wir haben den Pokal nach Griechenland gebracht.“

Und er steht da, der Pokal, auf der Bühne, mit blau-weißen Bändern verziert, mit einem Lorbeerkranz geschmückt. Jetzt kann ihn jeder sehen.

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