Zeitung Heute : Erweckung eines Parteitags

Ted Kennedy spricht – die Demokraten jubeln

Christoph Marschall[Denver (Colorado)]

Der Löwe ist krank. Mit wackligen Schritten kommt Ted Kennedy auf die Bühne. Auf einen Schlag ist der gesamte Nominierungsparteitag der Demokraten gerührt. 20 000 Menschen erheben sich von den Sitzen, klatschen minutenlang und schwenken blaue Kennedy-Tafeln. Sie ahnen, es könnte sein letzter großer Auftritt sein, denn Ted Kennedy hat einen Gehirntumor. Der Arzt hatte von diesem Auftritt abgeraten, aber der Senator ruft: „Nichts – gar nichts – kann mich davon abhalten, zu dieser Versammlung zu kommen.“ Ein Helfer schiebt rasch einen Stuhl hinter das Mikrofon. Er wird unbenutzt bleiben. So viel Kraft ist schon noch in diesem massigen Körper mit dem markigen weißen Quadratschädel.

Mit einem gefühligen Video über alle drei Brüder hatte die Parteitagsregie den Kennedy-Mythos zuvor wach gerufen: John F. Kennedy, 1960 mit 43 Jahren zum Präsidenten gewählt und 1963 in Dallas erschossen. Bobby Kennedy, der erhoffte Thronfolger, 1968 im Präsidentschaftswahlkampf ermordet. Und Ted, eigentlich Edward, seit 1962 Senator von Massachusetts, gescheiterter Präsidentschaftsbewerber 1980, am Ruder seiner Segelyacht „Mya“. Manche sagen, er habe die USA durch 46 Jahre Gesetzgebung stärker geprägt als die meisten Präsidenten.

Ted Kennedy weckt diesen Parteitag auf: „Ich bin zu euch gekommen, damit wir gemeinsam Amerika wieder eine Zukunft geben. Lasst uns Barack Obama wählen.“ Der werde junge Soldaten nicht einem Irrtum opfern, dafür aber eine Krankenversicherung für alle Amerikaner einführen. Seit mehr als vier Jahrzehnten kämpfen die Demokraten darum. Mit Pathos verspricht der Löwe: „The hope rises again“ und „The dream lives on“. Die Hoffnung erhebt sich wieder, und der Traum lebt – die Delegierten beklatschen die bekannten Slogans aus seinen Wahlkämpfen wie magische Siegesformeln. Kennedy stärkt die Hoffnung auf ein demokratisches Zeitalter. Die Gefühle in der Arena scheinen jetzt nahe der Explosion: Tränen der Rührung, Siegeszuversicht und eine fast heilige Begeisterung. Nach solchen Emotionen haben sich die Demokraten gesehnt. Ted entfacht sie spontan.

Welch ein Kontrast zu vielen anderen Reden des Eröffnungstages. Sie sind brav und erwartbar, es fehlt das Feuer. Der von Kennedy aufgebaute Spannungsbogen hält nicht bis zum gedachten Höhepunkt, zu Michelle Obama am Ende des Abends. Die Strategen zeigen die potenzielle First Lady von einer neuen Seite: weich, mütterlich, weiblich. Im Wahlkampf hatte man sie seit anderthalb Jahren eher als resolut kennengelernt, als Kämpferin gegen soziale Ungerechtigkeiten. Damit konnten die Republikaner sie als „angry black woman“ angreifen, eine Schwarze, die an Amerika herummäkele und der es an Patriotismus fehle. Das Millionenpublikum vor den Fernsehern wollen die Berater nun mit der wahren Michelle bekannt machen.

Sie wärmt die Herzen, aber die Inszenierung muss ihr helfen. Mutter Marian (per Video) und Bruder Craig, Trainer eines Basketball-Spitzenteams, erzählen Anekdoten aus Michelles Kindheit, von Willenskraft und Fleiß, die den Aufstieg vom Arbeiterkind aus dem schwarzen Ghetto ermöglicht haben. Eine typisch amerikanische Geschichte, das ist der Kehrreim. Michelle ist eine aus unserer Mitte, sollen die Bürger verstehen. Sie trägt ein weich fallendes grünes Kleid mit einer großen Brosche am Ausschnitt.

„Ich liebe dieses Land“, betont sie. Ihre Töchter sollen einst ihren Kindern erzählen, welche Wende das Land 2008 eingeleitet habe. Die Delegierten schwenken nun Michelle-Tafeln. Als der Blick auf die Bühne wieder frei wird, hat sie die Töchter Malia, zehn, und Sasha, sieben, an der Hand. Auf den Großbildschirmen wird Barack zugeschaltet, vom Wahlkampf in Kansas City. Er kommt am Donnerstag nach Denver. „Wir sehen uns dann, I love you“, ruft er der Familie zu. Dann gehen die 20 000 für den Abend auseinander. Sie lächeln – aber sind sie auch beseelt?

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