Zeitung Heute : Erwin Barths Grünanlagen entstanden zwischen 1912 und 1929 - und sie prägen noch heute das Berliner Stadtbild

Inge Ahrens

Erwin Barth ist ein Segen für Berlin. In schönster Weise gestaltete der erst 32jährige bereits von 1912 an 17 Jahre lang grüne Oasen in besonders dicht bebauten Teilen der Stadt, legte Parks und Plätze für das Volk an. Er war Stadtgartendirektor der (damals noch) Stadt Charlottenburg und später ganz Berlins.

Erwin Barth, Künstler mit sozialem Auftrag, war gar kein Berliner, sondern kam aus Lübeck. Dort und in Elmshorn wurde er zum Gärtner ausgebildet. 1900, in der 1824 noch von Peter Josef Lenné gegründeten Königlich Preußischen Gärtnerlehranstalt in Potsdam-Wildpark, bekam er seinen "letzten Schliff". In rascher Folge schaffte er Gärten für alle Berliner, was zu der damaligen Zeit bahnbrechend war. Er und andere Gartenreformer wollten nicht mehr nur Schmuckgärten zum Lustwandeln, auch Kinder sollten geschützten Raum zum Spielen haben: Aus diesem Grund wurden Tennis- und Fußballplätze in die Planung einbezogen, Radfahren war erlaubt.

Bis zum Ersten Weltkrieg bedachte er allein Charlottenburg mit fünf Stadtoasen: den Mierendorffplatz, den Karolingerplatz, den Goslarerplatz, Dernburgplatz und Kuno-Fischer-Platz. Grüne Flächen - verkehrsgeschützte Sauerstoffinseln. Der Stil Erwin Barths ist leicht erkennbar, immer verbindet er das Schöne mit dem Nützlichen, lässt saisonal Blumenstauden üppig blühen, ohne den Freizeitwert der Anlage einzuschränken. Das war damals so und wird auch heute noch in seinem Sinne fortgeführt.

Von allen Gartenanlagen (Parks, Stadtplätze, Krankenhausgärten, Friedhöfe) Erwin Barths sind heute 25 Gartendenkmale in stetiger Pflege, zwölf davon allein in Charlottenburg. Prächtiges Beispiel ist der Lietzenseepark mit seiner neobarock gestalteten Kaskade, die das Wasser über mehrere Fontänen und Becken zwischen Rosenrabatten in Richtung See rauschen lässt. In der Mitte geteilt und damit einsehbar für den durchfließenden Verkehr liegt die Anlage am Savignyplatz. Zu beiden Seiten der Kantstraße blühen und grünen die Rabatten und Stauden in pausenloser Folge vom Frühjahr bis zum Herbst. Auf dem Mittelstreifen der stark befahrenen Straße steht strotzend und duftend blauer Lavendel.

Als besonders herausragend gilt der von Barth angelegte Volkspark Jungfernheide in seiner kuriosen Lage zwischen Stadtautobahn und Flughafen Tegel. Gerade deswegen ist er eine Oase. Das 146 Hektar große Areal war früher königliches Jagdrevier. Der Mischwaldbestand wird von Barth behutsam in sein streng angelegtes Parkzentrum mit Teich und Insel integriert, und über die Nachtigall am Sachsenplatz hat 1932 schon Ringelnatz geschrieben.

Der ehemalige Sachsenplatz heißt heute Brixplatz und liegt tief im Westend in einer ehemaligen Kiesgrube. Vom Pavillon ganz oben schaut man auf drei Teiche, allerlei Bäume aus der Mark Brandenburg sowie eine Wasserterrasse aus Rüdersdorfer Kalkstein. Etwas erhöht gedeiht ein Schulgarten voller blühender Stauden und Walderdbeeren. Wie alle Stadtgärten Berlins sieht auch dieser etwas verwildert aus. Den Gartenbauämtern fehlt das Geld. Durch Vandalismus immer wieder zerstörte Elemente können kaum ersetzt werden.

Die Grünanlagen im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal in Mitte stammen von 1926, ein Teilstück ist derzeit erneut im Entstehen und das größte städtische Gartenprojekt des Landesdenkmalamtes. Zwischen Waldemarbrücke und Schillingbrücke gilt es, fünf Abschnitte zu bewältigen. Der Rosengarten und der immergrüne Garten sind bereits fertiggestellt. Das Engelbecken, in dem früher die Schiffe wendeten, wird wieder geflutet. Die historischen festlichen Fontänen sowie eine "Kinderplantsche" aus alter Zeit kamen bei der gartenarchäologischen Grabung zu Tage und werden wieder bespielt. Bis 2003 soll dieser Abschnitt fertiggestellt sein, der Waldpflanzengarten und der Blütensträuchergarten müssen noch warten.

Erwin Barth hatte immer zweierlei im Blick: die Schönheit der Natur und das Wohlbefinden der Berliner Familien. "Schmuckgrün" wird von ihm in "Sanitäres Grün" umgewandelt. Barth schied 1929 aus dem Amt und wurde Ordinarius an der TH, wo Europas Gartenarchitekten geschult wurden.

Er war ein unbequemer Streiter, und bald nach der Machtergreifung der Nazis befürchtete er, in ein Konzentrationslager eingewiesen zu werden. Das und seine Angst, zu erblinden, sollen die Gründe dafür gewesen sein, dass er 1933 den Freitod wählte. Seitdem liegt er in einem der schönsten Parks vor Berlin begraben, dessen Gestalt er selbst 1921 entworfen hat: auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf bei Potsdam. Das Grab Erwin Barths: Wilmersdorfer Waldfriedhof, Grabstelle D 5 S II,1, täglich geöffnet, Tel: 033 29 / 622 14, Anfahrt: mit dem Bus 623 vom S-Bahnhof Zehlendorf bis Endstation Stahnsdorf, Bahnhofstraße, dann 15 Minuten Fußweg.

Literatur: Gartenkunst Berlin, Schelzky & Jeep, Berlin 1999, 48 Mark.

Weitere Informationen: Gartenbaubibliothek der TU, Tel: 314 22 535.

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